Weltpolitik

Leben hinter Mauern: Neuwahlen und Brexit im fragilen Nordirland

Viele Nordiren machen sich mit Blick auf die Neuwahlen und den Brexit Sorgen. Dabei leiden sie ohnehin noch unter den Folgen des blutigen Bürgerkriegs.

Die nordirische Hauptstadt Belfast anno domini 2017: Eine Mauer trennt katholische und protestantische Wohnviertel. SN/APA/AFP/PAUL FAITH
Die nordirische Hauptstadt Belfast anno domini 2017: Eine Mauer trennt katholische und protestantische Wohnviertel.

Gewaltige Mauern und Metallzäune schlängeln sich durch Belfast, manche über zwölf Meter hoch und gekrönt von Stacheldraht. Sie trennen Wohngebiete voneinander, schnurgerade oder im Zickzack-Kurs. Die Katholiken leben auf der einen Seite, die Protestanten auf der anderen.

Knapp 100 solcher "Friedensmauern" oder -linien zerschneiden die Stadt. Zahlreiche Nordiren halten sie für unverzichtbar, gerade jetzt. Denn die Neuwahlen am 2. März und der geplante Austritt aus der Europäischen Union (Brexit) machen viele Bewohner in der ehemaligen Bürgerkriegsregion nervös.

"Ich nenne sie nicht Friedensmauern, sondern Teiler", knurrt Isaac, der Touristen in einem typisch britischen Taxi seine Heimatstadt zeigt. Die Zeit, in der Molotowcocktails über die Abgrenzungen flogen, sei vorbei.

Schritt für Schritt kehre Belfast zur Normalität zurück, sagt der 44-Jährige. Wer mit Isaac aber dorthin fährt, wo protestantische auf katholische Wohngebiete stoßen, bekommt eine Ahnung von der Angst, die die Bewohner immer noch plagt.

Viele Straßen werden durch massive Tore versperrt, sobald die Dunkelheit anbricht. Die Gärten mancher Häuser, die direkt an den riesigen Mauern liegen, haben zusätzlich einen übergestülpten Metallkäfig als Schutz vor Wurfgeschossen. Wer hier frische Luft genießen will, hockt quasi in einem übergroßen, massiven Hühnerkäfig.

"An dem Haus dort drüben ist der Käfig wieder abgebaut worden", betont Isaac, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. "Ist das nicht ein wunderbares Zeichen, dass Normalität einkehrt?"

Im Nordirland-Konflikt kämpften proirische Katholiken gegen probritische Protestanten. Mehr als 3.600 Menschen starben, fast 50.000 erlitten Verletzungen, viele sind noch heute psychisch traumatisiert. Erst das Karfreitagsabkommen beendete 1998 offiziell den Konflikt.

Irland verzichtete auf eine Wiedervereinigung und die Irische Republikanische Armee (IRA) versprach die Abgabe ihrer Waffen. Leid und Hoffnung der Bevölkerung sind noch heute auch auf den "Murals", den Wandbildern auf Häusern und Mauern, erkennbar. Die Zahl der Friedensmauern stieg in den vergangenen Jahren deutlich.

"97 Friedensmauern gibt es zurzeit in Belfast und 17 außerhalb der Stadt", berichtet Neil Jarman vom Institut für Konfliktforschung in Belfast. Die Regierung habe geplant, dass alle Mauern bis etwa 2023 beseitigt seien. "Aber daran glaubt hier niemand."

Außerdem: "Viele Leute in der Nähe der Mauern wollen gar nicht, dass sie abgebaut werden. Die Mauern geben ihnen Sicherheit", sagt der Leiter der unabhängigen Nichtregierungsorganisation. Nachbarn diesseits und jenseits der Mauern würden sich oft gar nicht kennen.

Die meisten Schulen sind noch heute nach Konfession getrennt, auch bei der Ärztewahl spielt der Glaube eine Rolle. Erst kürzlich explodierte eine Bombe vor dem Haus eines Polizisten, auf einen anderen wurde geschossen. "Solche Vorfälle haben in den vergangenen Wochen leicht zugenommen", sagt Jarman. Warum? Viele seien unzufrieden mit der Politik, meint er.

Nordirland, das zu Großbritannien gehört, hatte mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU gestimmt. Denn die künftige EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland könnte den Handel bremsen. "Die Leute sind außerdem frustriert, dass die Regierung nicht funktioniert."

Das Karfreitagsabkommen sieht vor, dass die nordirische Regierung von den wichtigsten Parteien beider Seiten gestellt werden muss. Noch heute entscheiden die meisten Wähler nach Konfession. Die protestantische, probritische DUP und die katholisch-republikanische Partei Sinn Fein bildeten seit 2007 eine Koalition. Doch es kam oft zu Reibereien. Der Missbrauch eines Förderprogramms für erneuerbare Energien brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Umgerechnet fast 500 Millionen Euro Steuergeld wurden in den Sand gesetzt.

Die Koalition zerbrach; an diesem Donnerstag finden Neuwahlen statt. Feargal Cochrane von der britischen Universität Kent geht davon aus, dass DUP und Sinn Fein erneut als stärkste Parteien hervorgehen - und sich dann wieder mit den selben Problemen wie zuvor herumschlagen.

Isaac blickt optimistisch in die Zukunft. "Früher wurden viele Menschen auf beiden Seiten getötet, das ist vorbei", sagt der Taxifahrer. Wenn ihm vor 15 Jahren jemand gesagt hätte, er würde sowohl durch protestantische als auch katholische Wohngebiete mit seinem Taxi kutschieren, dem hätte er den Vogel gezeigt. Dass in den nächsten Jahren aber tatsächlich die Friedensmauern abgebaut werden, daran glaubt auch Isaac nicht. "Ich hoffe, dass ich mich täusche."

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 21.11.2018 um 09:48 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/leben-hinter-mauern-neuwahlen-und-brexit-im-fragilen-nordirland-331774

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