Weltpolitik

Lesbos: Eine Insel an der Grenze der Zumutbarkeit

Die Lage an der griechisch-türkischen Grenze ist angespannt, die Bedingungen für Einheimische und Flüchtlinge sind unwürdig. "Sie müssen weg", heißt es von den Einwohnern.

Die Krise an den griechisch-türkischen Grenzen dauert an. Am Grenzfluss Evros wurden am Donnerstagvormittag Ansammlungen von Menschen auf der türkischen Seite am Grenzübergang von Kastanies beobachtet. Die Lage vor Ort bleibt nach wie vor angespannt.

Menschen leben jenseits jeglicher Normalität

Die Inselhauptstadt Mytilini auf Lesbos ist für Einheimische kaum wiederzuerkennen: Überfüllte Krankenhäuser, lange Schlangen vor Bankomaten, Migranten aus allen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas bevölkern den Hafen und die Stadt. "Schert euch zum Teufel", murmelt ein älterer Einheimischer, der auf der zentralen Shoppingmeile Ermou seine Einkäufe macht. Er ist einer von wenigen Inselgriechen, die noch auf der Straße unterwegs sind. Eine Hotelangestellte sagt: "Die ganze Infrastruktur bricht zusammen."

Das örtliche Krankenhaus, einst für 30.000 Menschen gebaut, muss nun 20.000 zusätzliche Geflüchtete versorgen. Schmutz und Seuchengefahren aufgrund der unorganisierten Lager herrschen vor und bringen die Einwohner an ihre Belastungsgrenzen. Ein Hafenpolizist sagte klar: "Sie müssen weg."

Im Lager von Moria herrscht Gesetzlosigkeit

Angst haben aber auch die Migranten und Flüchtlinge. Hamid Reza, ein 29-jähriger Afghane, zeigt auf seine Frau und seine kleine Tochter: "Ich habe Angst, im Lager zu leben. Ich sorge mich um meine Familie", sagt er. Dort, im berüchtigten Lager von Moria, herrsche Gesetzlosigkeit. Deshalb verbringe er den Tag am Hafen.

Das Lager von Moria ist inzwischen eine kleine Stadt geworden. Überall stehen Hütten und Zelte. Der Geruch von Urin breitet sich aus. Kinder spielen in schmutzigen Rinnsalen. "Hier ist es schlimm. Ich bin seit sieben Monaten hier und warte auf die Bearbeitung meines Asylantrags", sagt ein junger Somalier. Er lebt mit sieben weiteren Landsleuten in einer aus Plastikplanen und Pappkarton gebauten Hütte, die nicht mehr als drei mal drei Meter groß ist.

Athen kündigte Ausweisung illegaler Flüchtlinge an

Da die Registrierlager auf den Inseln der Ägäis heillos überfüllt sind, richtet man nun den Blick auf die Meerengen der türkischen Ägäisküste. Im Hafen der Insel Lesbos liegt seit Mittwoch ein Schiff der griechischen Kriegsmarine. Es nahm nach Angaben der Küstenwache mehr als 500 Menschen auf, die nach dem 1. März angekommen waren und abgeschoben werden sollen. Die Küstenwache befürchte nun einen neuen Versuch von Hunderten Menschen, in den kommenden Stunden überzusetzen.


Athen kündigte an, alle Migranten, die seit dem 1. März illegal nach Griechenland kamen, in geschlossenen Abschiebelagern unterzubringen. Asylanträge können diese Menschen nicht stellen, hieß es. "Sie werden von dort in ihre Länder ausgewiesen", sagte Migrationsminister Notis Mitarakis am Mittwochabend im griechischen Fernsehen. Das erste Lager entstehe nahe der nordgriechischen Stadt Serres, teilte er mit. Auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos harren zurzeit mehr als 42.000 Migranten aus.

Deutschland will der Türkei helfen

Angesichts der angespannten Situation und der 13.000 Migranten an der EU-Außengrenze zwischen Griechenland und der Türkei setzt Deutschland auf eine geschlossene europäische Antwort und mehr Hilfe auch für die Türkei. Außenminister Heiko Maas sagte am Donnerstag in Berlin vor seinem Abflug zum EU-Außenministertreffen in Zagreb: "Für uns ist klar: Die EU muss die Anstrengungen der Türkei bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten weiterhin auch verstärkt finanziell unterstützen. Denn die Türkei ist weltweit das größte Aufnahmeland von Flüchtlingen, und eine faire Lastenteilung ist auch in unserem Interesse." Klar sei Maas zufolge auch, dass sich die Türkei im Gegenzug an den Deal mit der EU halte.

Der 2016 geschlossene Pakt zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass alle Migranten, die kein Asyl in Griechenland bekommen, zurück in die Türkei geschickt werden. Das Problem: Den Griechen gelingt es nicht, die vielen Asylanträge und -verfahren zügig abzuschließen. Manche Verfahren dauerten mehr als zwei Jahre. Ergebnis: heillos überfüllte Camps und menschenunwürdige Zustände.


Aufgerufen am 06.12.2021 um 04:20 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/lesbos-eine-insel-an-der-grenze-der-zumutbarkeit-84402802

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