Weltpolitik

Linzer Unternehmer "vier Monate grundlos" in Türkei in Haft

112 Tage saß ein kurdischstämmiger Linzer Geschäftsmann in der Türkei in U-Haft, weil er angeblich die verbotene Untergrundorganisation Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterstützt haben soll. "Vier Monate grundlos", wie der 51-Jährige nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Oberösterreich in Linz am Freitag meinte. Seinen wirtschaftlichen Schaden beziffert er auf mehr als eine Million Euro.

Am 2. Oktober des Vorjahres, als der Geschäftsmann beruflich in der Türkei war und seine Mutter in Südostanatolien besuchte, sei er bei einem Zwischenstopp am Flughafen in Istanbul festgenommen worden, berichtete er. Der Vorwurf habe gelautet, er sei "Mitglied der PKK und unterstützt sie finanziell", außerdem soll er den türkischen Präsidenten in sozialen Netzwerken beleidigt haben.

Als Beweismittel dienten ein Foto mit einem angeblichen PKK-Mitglied und Einträge unter seinem Facebook-Profil. Doch "ich bin das nicht auf dem Foto und es war auch nicht mein Account", stellte er klar. Er vermutet, ihn habe jemand aus Wels denunziert, denn besagtes Bild stammte von einer Eröffnungsfeier eines kurdischen Kulturvereins vor vier Jahren in Wels. Nachdem er jedoch kein Feuermal am Unterarm hat, dies jedoch auf dem Foto zu sehen ist, sei er letztendlich am 23. Jänner in einer Gerichtsverhandlung in Istanbul freigesprochen worden.

Bis dahin war er 112 Tage inhaftiert, sechs Tage davon in Einzelhaft in einem Keller mit Ungeziefer, ohne Strom und nur kaltem Wasser. Den Rest der Zeit verbrachte er laut eigenen Angaben in einer überfüllten Zelle, statt der vorgesehenen sechs Personen seien 14 darin eingesperrt gewesen. Insgesamt habe der Geschäftsmann 16 Kilo Gewicht verloren.

Der seit 15 Jahren österreichische Staatsbürger machte für seine "grundlose Haft" auch die türkischen Medien verantwortlich. Nach seiner Festnahme wurde er nämlich bereits zwei Tage später nach Hinterlegen einer Kaution von umgerechnet 17.000 Euro wieder auf freien Fuß gesetzt, durfte jedoch nicht ausreisen. Dann veröffentlichten Zeitungen besagtes Bild und berichteten über den kurdenstämmigen Österreicher als PKK-Mitglied. Daraufhin sei er erneut inhaftiert worden, erzählte er.

Dann begann die Warterei, zwei Monate habe er keinen Kontakt zu seiner Familie gehabt, sagte der Vater von vier Kindern. In Oberösterreich wurden für seine zwei Gesellschaften Notgeschäftsführer eingesetzt, seine Firma in der Slowakei stehe inzwischen vor dem Konkurs. Der Unternehmer beziffert seinen Schaden auf mehr als eine Million Euro. Jetzt werde sich sein Anwalt um eine Haftentschädigung in der Türkei bemühen. Für den Betroffenen steht jedenfalls eines fest: "Die Türkei ist für mich tot", und er rät allen kurdischstämmigen Österreichern dringend davon ab, dorthin zu reisen.

Erst im Dezember des Vorjahres hatte eine kurdischstämmige Welserin von einem ähnlichen Schicksal berichtet. Die Frau war am 8. September in Izmir vor ihrem Heimflug festgenommen worden und befand sich für 71 Tage in Haft. Ihr war ebenfalls vorgeworfen worden, bei der PKK zu sein. Auch sie will angeblich von Wels aus in der Türkei angeschwärzt worden sein. Nach ihrer Freilassung und Rückkehr nach Oberösterreich, sah sie sich plötzlich daheim mit Terror-Ermittlungen konfrontiert, die aber Anfang Jänner eingestellt wurden.

Quelle: APA

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