Weltpolitik

Lockern statt Lockdown: Trendwende in den Niederlanden

Im Juli explodierten die Infektionszahlen in den Niederlanden. Dann zog die Regierung die Notbremse - mit Erfolg.

Die Niederländer mögen es „gezellig“ – dennoch gehen in dem Land die Infektionszahlen runter.  SN/imago images/ANP
Die Niederländer mögen es „gezellig“ – dennoch gehen in dem Land die Infektionszahlen runter.

Dicht an dicht sitzen die Leute an den Amsterdamer Grachten. Küsschen zur Begrüßung, keiner trägt Maske. Dazu Gedränge in den Läden und volle Restaurants. "Gezellig", so wie es die Niederländer lieben. In den Niederlanden ist fast alles wie immer. Und das alles bei Inzidenzen von weit über 100.

Doch nun ist die Trendwende da. Seit mehr als zwei Wochen geht die Zahl der Neuinfektionen in allen Regionen drastisch zurück. Und das alles ohne Lockdown. Nur ein paar Regeln gibt es: Maskenpflicht in Bus und Bahn, Auflagen für Museen, Theater und Kinos sowie andere Veranstaltungen. Und doch gelang es, das Virus einzudämmen. Wie ist das möglich?

Die Notbremse der Regierung hat gewirkt. Vor vier Wochen waren Premier Mark Rutte und sein Gesundheitsminister Hugo de Jonge zerknirscht vor die TV-Kameras getreten und hatten sich entschuldigt. Sie hätten mit der Lockerung der Coronaregeln Ende Juni einen "Einschätzungsfehler" begangen.

Der Fehler war folgenschwer. Kaum öffneten Discos und Clubs und gab es wieder Festivals und Studentenpartys, explodierten die Infektionszahlen um bis zu 500 Prozent. Bei Jugendlichen von 18 bis 24 sogar um 850 Prozent. Die Regierung zog die Notbremse. Das Nachtleben stoppte, alle Gaststätten müssen spätestens um Mitternacht schließen, Festivals sind verboten.

Und das war der Hauptgrund für die Trendwende, analysiert das Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM. Zuletzt wurden in einer Woche 21.000 Neuinfektionen registriert, 44 Prozent weniger als in der Vorwoche mit rund 37.000. Vor allem in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren beobachten die Experten drastisch weniger Infektionen. Denn Clubs, Discos und Studentenpartys waren in fast 40 Prozent der Fälle die Quelle der Ansteckung. Jetzt sind Gaststätten nur noch für weniger als vier Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

Der zweite Grund für den rückläufigen Trend ist die Impfkampagne. 21,3 Millionen Impfdosen wurden im Land mit 17 Millionen Einwohnern bisher gespritzt. Etwa zwei Drittel der Erwachsenen sind vollständig geimpft, mehr als 85 Prozent haben eine Dosis erhalten.

"Das sind an sich positive Zahlen", sagt Premier Rutte. Und doch will er noch keine Entwarnung geben. Am 13. August will die Regierung entscheiden, wie es weitergeht. Fehler kann sich Rutte nicht mehr erlauben. Eine Mehrheit sprach sich jetzt in einer Umfrage dafür aus, die Maßnahmen nur vorsichtig zu lockern.

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