Weltpolitik

Merkel und Macron warnten bei Gedenken vor Nationalismus

Beim Gedenken an das Ende des verheerenden Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren haben Deutschland und Frankreich eindringlich vor dem erstarkenden Nationalismus und Gefahren für den Weltfrieden gewarnt. "Die alten Dämonen steigen wieder auf - bereit, ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden", sagte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron bei einer großen Feier mit rund 70 Staats- und Regierungschefs.

"Patriotismus ist genau das Gegenteil von Nationalismus." Macron blickte in seiner emotionalen Rede bei regnerischem Wetter im Schatten des Pariser Triumphbogens länger auf den blutigen Konflikt zurück, der von 1914 bis 1918 dauerte. "In diesen vier Jahren hat sich Europa fast umgebracht", resümierte er.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte im Beisein von Bundespräsident Alexander Van der Bellens bei der Eröffnung des anschließenden Friedensforums, sie habe Sorge, dass sich "wieder nationales Scheuklappendenken ausbreitet". Dabei habe der Krieg vor 100 Jahren gezeigt, wohin Isolationismus führen könne. Es würden zunehmend Eigeninteressen verfolgt, die im schlimmsten Fall zu gewaltsamen Ausbrüchen führen könnten. Laut Beobachtern waren ihre Bemerkungen wohl auch auf US-Präsident Donald Trump gemünzt, der am Friedensforum in der Halle de la Villette im Osten der Hauptstadt aber nicht teilnahm.

Trump besuchte unterdessen einen US-Soldatenfriedhof westlich von Paris. Er wolle den tapferen Amerikanern Anerkennung zollen, die ihr Leben gelassen haben. "Es war ein brutaler Krieg", sagte Trump. "Millionen amerikanische und französische Soldaten und Alliierte kämpften mit herausragendem Können und Mut in einem der blutigsten Konflikte in der Geschichte der Menschheit."

Nach Angaben des Elysee-Palastes führten er und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem gemeinsamen Mittagessen ein Gespräch über die Konfliktherde Syrien, Iran und Nordkorea. Daran hätten sich auch Macron und UNO-Generalsekretär Antonio Guterres und zum Teil auch Merkel beteiligt, die am Tisch zusammengesessen hätten.

Van der Bellen sieht das Gedenken an die kriegerischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts heute wichtiger denn je. Mit Blick auf die Spannungen in der internationalen Politik betonte er in Paris: "Gerade dann muss man sich erinnern, wohin der Nationalismus der 30er Jahre geführt hat." Er dankte Macron dafür, dass er den 100. Jahrestag des Weltkriegs zusammen mit Vertretern auch der damals besiegten Staaten begeht. "Ich finde es schon wichtig, dieses Ereignis so zu begehen und ich bin Präsident Macron dankbar, dass er dies in dieser Weise macht", sagte der Bundespräsident.

Van der Bellen plädierte auch dafür, die richtigen Lehren aus den damaligen Ereignissen zu ziehen. Der Waffenstillstand zwischen den Alliierten und Deutschland sei zwar "ein Ende des Tötens" gewesen, "aber die nächsten 20 Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg waren geprägt von Zerwürfnissen aller Art, die auch aus den irregeleiteten Friedensverhandlungen resultierten", sagte er mit Blick auf die maßgeblich von der Siegermacht Frankreich bestimmten Friedensverhandlungen mit den unterlegenen Staaten wie Deutschland, Österreich oder Ungarn. "Daraus kann man schon sehr viel lernen."

Nach der Eröffnung des Friedensforums standen die Staats- und Regierungschefs am Sonntagnachmittag Schlange, um Bücher abzugeben. Auf Aufforderung von Präsident Emmanuel Macron sollte jeder Staatsgast ein Werk für eine "Friedensbibliothek" mitbringen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen spendete Karl Kraus' "Letzte Tage der Menschheit".

"Es ist ein Drama des Ersten Weltkriegs, eine Polemik, eine realistische Schilderung, eine Mischung aus beidem. Ich fürchte, es ist nicht überholt, es ist aktueller denn je", begründete Van der Bellen seine Wahl in einem kurzen Videostatement für die Organisatoren der Konferenz. Er übergab das Buch im deutschen Original und der französischen Übersetzung. Merkel hatte das Buch "Briefe an den Sohn" von Käthe Kollwitz mitgebracht, in dem es auch um den Ersten Weltkrieg geht.

Der Weltkrieg gilt als ein Wendepunkt der neueren Geschichte. Große Mächte wie das Deutsche Reich zerbrachen. Es starben fast neun Millionen Soldaten und mehr als sechs Millionen Zivilisten. Rund 10.000 Sicherheitskräfte schützten die Gedenkfeier in Paris und das Friedensforum. Etwa 1.000 Menschen demonstrierten laut Medien auf den Straßen der Hauptstadt gegen Trump, von Zwischenfällen wurde zunächst nichts bekannt. Allerdings gelang es der Frauen-Aktivistengruppe Femen an einem anderen Ort kurzzeitig, den Konvoi Trumps zu stören, indem mehrere Mitglieder mit nackten Oberkörpern auf die Straße liefen.

Merkel sagte mit Blick auf die heutige Weltlage: "Kein Staat, keine Religion, keine Bevölkerungsgruppe und kein einzelner Mensch darf von uns abgeschrieben werden." So gelte es weiter, an einer politischen Lösung in Syrien zu arbeiten. Und im Jemen ereigne sich derzeit wohl eine große menschliche Katastrophe, die deswegen nicht so präsent sei, weil es wenig Bilder davon gebe. Sie erinnerte daran, dass im vergangenen Jahr mehr als 220 gewaltsame Konflikte weltweit ausgetragen wurden und dass an die 70 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen seien.

Macron rief in einem flammenden Appell eindringlich auf, für Frieden und eine bessere Welt zu kämpfen. Als konkrete Bedrohungen nannte er die Klimaerwärmung, Armut, Hunger oder die Ungleichheiten. Macron saß bei der Gedenkfeier neben Merkel, die wiederum neben Trump platziert war. Als letzter Gast kam schließlich Putin, der sich neben Brigitte Macron setzte.

Anlässlich des Jahrestages läuteten um 11.00 Uhr in Frankreich die Glocken. Die Gemeinden in Frankreich waren dazu aufgerufen worden. Das letzte Mal, dass sich in Paris so viele Staats- und Regierungschefs zu einer Gedenkveranstaltung versammelt haben, war nach dem islamistischen Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" im Jänner 2015 gewesen. Sie waren damals zu einem Trauermarsch in die französische Hauptstadt gekommen - Millionen Menschen protestierten in den Pariser Straßen gegen Terror.

Rede von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

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