Weltpolitik

Moskau weist Verantwortung für Schulangriff in Syrien zurück

Russland hat jede Verantwortung für den Luftangriff auf eine Schule im Nordwesten Syriens mit mindestens 35 Toten zurückgewiesen. Bei der Bombardierung am Mittwoch kamen 22 Schüler und sechs Lehrer ums Leben, wie der Direktor des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF, Anthony Lake, in New York sagte. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon fordert sofortige und unparteiische Ermittlungen".

Moskau weist Verantwortung für Schulangriff in Syrien zurück SN/APA (AFP)/OMAR HAJ KADOUR
Die zerstörte Schule in der Provinz Idlib.

Sollte es sich um einen absichtlichen Angriff handeln, "könnte es sich um ein Kriegsverbrechen handeln", erklärte Bans Sprecher in New York. Solche "Horror-Akte" kämen immer wieder vor, vor allem, weil die Urheber nicht verfolgt würden, kritisiert er. Dies müsse sich ändern.

Syriens Opposition beschuldigte das Regime und seinen Verbündeten Russland, in einer gemeinsamen Operation für den Angriff verantwortlich gewesen zu sein. Die Sprecherin des Moskauer Außenministeriums, Maria Sacharowa, sagte hingegen am Donnerstag: "Wir haben nichts zu tun mit dieser furchtbaren Attacke." Der Vorfall müsse von internationalen Organisationen untersucht werden. Russlands Verteidigungsministerium prüfe bereits alle vorliegenden Daten.

"Dies ist eine Tragödie", erklärte UNICEF-Direktor Lake. "Es ist ein Skandal. Und, wenn vorsätzlich, ein Kriegsverbrechen." Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte trafen sechs Luftschläge Ziele in dem Ort Haas in der Provinz Idlib. Diese wird von Rebellen kontrolliert, darunter auch radikalislamische Gruppen.

Die Menschenrechtsbeobachter erklärten, wahrscheinlich seien russische Flugzeuge für die Bombardierung verantwortlich. Es gebe zudem zahlreiche Verletzte und auch Vermisste. Der Sprecher der Rettungshelfer Weißhelme, Abdel Rahman al-Hassan, sprach von zwei Angriffen hintereinander. "Der erste traf die Schule. Der zweite erfolgte, als die Lehrer die Schüler herausbrachten."

Die Provinz Idlib war in den vergangenen Monaten immer wieder Ziel von Bombardierungen der russischen und der syrischen Luftwaffe. Die US-geführte internationale Koalition fliegt ihre Luftangriffe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fast ausschließlich in anderen Regionen des Landes. In Idlib sind die Al-Kaida-nahe Rebellengruppe Fatah-al-Sham-Front (früher: Al-Nusra-Front) und die radikalislamische Miliz Ahrar al-Sham sehr stark.

Die UNO befürchtet zugleich eine weitere Eskalation der humanitären Lage in den kommenden Monaten. "Der Krieg wird immer schlimmer, immer rücksichtsloser", sagte der UNO-Koordinator für Nothilfe in dem Bürgerkriegsland, Jan Egeland, in Genf. Besonders der bevorstehende Winter bereite den Helfern große Sorgen. "Das wird der schlimmste Winter seit Beginn der Kämpfe", so Egeland. Außerdem seien immer mehr Kinder betroffen.

Nach dem gescheiteren Evakuierungsversuch für den syrischen Kriegsbrennpunkt Aleppo dränge die Zeit. "Wir haben alle versagt. Nicht eine Hilfslieferung konnte in das Gebiet, nicht eine einzige Evakuierung hat geklappt", so Egeland. Als Gründe nannte der UNO-Koordinator zu wenig Vertrauen, dafür zu viel Furcht und Missverständnisse zwischen den Konfliktparteien.

In den vergangenen Wochen waren im Norden und Nordwestens Syriens mehrfach zivilen Einrichtungen wie Kliniken getroffen worden, vor allem in Aleppo. Regimegegner und Regierungen im Westen beschuldigten Russland und Syrien, die die Vorwürfe jedoch zurückwiesen.

Der russische Generalmajor Igor Konaschenkow vom Verteidigungsministerium in Moskau hat unterdessen am Donnerstag erklärt, russische und syrische Kampfjets hätten schon seit neun Tagen keine Ziele im Raum Aleppo in Syrien bombardiert. "Trotz beendeter Waffenruhe respektieren wir eine Zehn-Kilometer-Zone um die Stadt", sagte Konaschenkow. Russland halte weiterhin Fluchtkorridore für die Bevölkerung von Aleppo offen. Gefechte würden Zivilisten aber am Verlassen der Stadt hindern, teilte er mit.

Dem Moskauer Staatsfernsehen zufolge verteilten russische Helfer etwa 15 Tonnen Lebensmittel in Aleppo. Nudeln, Reis und Zucker seien vor allem von kurdischstämmigen Bewohnern angenommen worden, sagte der Sprecher der Helfer, Daniil Rytschkow.

Die türkische Armee soll derweil nach Angaben von Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bis zu deren Hochburg Raqqa (Rakka) vorstoßen. "Jetzt rücken wir auf Al-Bab vor", sagte Erdogan am Donnerstag im türkischen Fernsehen. Die vom IS besetzte Stadt Al-Bab liegt nahe der türkischen Grenze. "Danach werden wir Richtung Manbij vorstoßen und Richtung Raqqa", sagte Erdogan.

Während Al-Bab und Raqqa im Norden Syriens zu den letzten und wichtigsten Städten in den Händen des IS zählen, steht Manbij unter Kontrolle syrischer Kurden. Ankara betrachtet die syrische Kurdenpartei Demokratische Union (PYD) und deren bewaffneten Arm, die Volksverteidigungseinheiten (YPG), als Terroristen. Die Türkei will die YPG deshalb unbedingt aus der geplanten multinationalen Offensive gegen die IS-Hochburg Raqqa heraus halten.

Wie Erdogan weiter sagte, hat er US-Präsident Barack Obama am Mittwochabend in einem Telefonat über seine militärischen Absichten und seine Ablehnung einer Kurden-Beteiligung informiert. Im Kampf gegen den IS betrachtet Washington die YPG bisher als Partner. "Wir brauchen keine Terrorgruppen wie die PYD oder YPG", sagte Erdogan in seiner TV-Ansprache. "Kommt, lasst uns gemeinsam den IS aus Raqqa vertreiben. Zusammen schaffen wir das."

Im September hatte die türkische Armee eine bisher beispiellose Offensive im Norden Syriens begonnen und unterstützt seitdem die syrischen Rebellen im Kampf gegen den IS mit Panzern und Bodentruppen. Auch im Nordirak hat die türkische Armee entgegen dem ausdrücklichen Wunsch Bagdads Truppen stationiert.

Quelle: Apa/Dpa

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