Weltpolitik

"Narcobarbies": Frauen steigen in der Mafia auf

In Mexiko und Kolumbien findet man immer mehr Frauen im mittleren Management des organisierten Verbrechens.

Emma Coronel 2019 in New York, wo sie beim Prozess gegen ihren Mann Joaquín „El Chapo“ Guzmán war. Im Februar wurde sie selbst verhaftet. SN/AP
Emma Coronel 2019 in New York, wo sie beim Prozess gegen ihren Mann Joaquín „El Chapo“ Guzmán war. Im Februar wurde sie selbst verhaftet.

Sie war überall. Im Gerichtssaal, in den Medien, in den sozialen Netzwerken. Emma Coronel fühlte sich offensichtlich unangreifbar. Die Gattin des Drogenbosses Joaquín "El Chapo" Guzmán war sicher, dass ihr von der US-Justiz keine Gefahr drohte. Während dem weltbekannten Chef des Sinaloa-Kartells 2018 und 2019 in New York der Prozess gemacht wurde, sprach sie in Interviews über ihre Gefühle, die gemeinsamen Zwillinge, trat in Realityshows auf und wollte ein Modelabel mit den Initialen von Guzmán gründen. Nur über das Geschäft ihres Mannes verlor Coronel, die auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, kein Wort.

Die 31-Jährige, die aus einer Familie von Drogenhändlern in Mexiko stammt, war einerseits eine der typischen gestylten und schönheitsoperierten Frauen, die man abschätzig "Narcobarbie" nennt. Auf der anderen Seite war Coronel so unternehmerisch, dass man sie sich als Managerin in den Mafiastrukturen vorstellen konnte. Ende Februar wurde sie von US-Ermittlern festgenommen. Sie soll im Drogenhandel des Kartells involviert gewesen sein.

Ob das stimmt, muss der Prozess klären, der ihr nun in den USA droht. Doch die Guzmán-Gattin steht für eine Tendenz, die sich in den vergangenen Jahren verfestigt hat: Die Emanzipation hat auch die Verbrecherorganisationen erreicht. Frauen entwachsen im Mafiamilieu immer mehr ihrer Rolle als hübsche Begleiterinnen. Das gilt besonders für Mexiko und Kolumbien.

Weibliche Mitglieder übernähmen in den Syndikaten heute eine Vielzahl von Rollen, heißt es in einer gemeinsamen Untersuchung der Universidad del Rosario in Bogotá und von Insight Crime, einem auf die organisierte Kriminalität in Lateinamerika spezialisierten US-Nachrichtenportal. Laut der Studie vom April 2020 bewegen sich Frauen zwischen der Rolle des Opfers, des Objekts, der Protagonistin und aktiven Akteurin bei verbrecherischen Taten.

Die Experten dokumentierten fast ein Dutzend Tätigkeiten, für die Frauen heute in den Kartellen eingesetzt werden. In Kolumbien arbeiten sie unter anderem bei der Saat und Ernte der Kokapflanzen, in den Kokainküchen, als Kleindealerinnen oder Späherinnen. Zunehmend übernehmen sie aber auch Arbeiten im mittleren Management wie die Organisation von Drogentransporten, Buchhaltung und Geldwäsche. Verstärkt sind Frauen auch in dem stark steigenden Menschenhandel als Anwerberinnen, Schlepperinnen, aber auch als Bandenchefinnen aktiv.

In Mexiko haben Frauen in kleinen Banden und großen Syndikaten schon seit einigen Jahren Führungspositionen inne. Manche aus eigenem Antrieb, andere mussten in die Rollen hineinwachsen, nachdem ihre Männer oder Söhne festgenommen oder getötet worden waren.

Gewissermaßen als Vorbild dient Enedina Arellano Félix. Die 59-Jährige führt seit vielen Jahren das einst mächtige Tijuana-Kartell, das ihre Brüder Ramón und Benjamín Arellano Félix Ende der 1980er- Jahre gründeten. Nach Tod und Festnahme ihrer Brüder übernahm "La Jefa" die Geschäfte.

Heute gibt es weitere Chefinnen, darunter Clara Elena Laborín. Drogenfahnder führen "La Señora" als eine der beiden verbliebenen Bosse des Beltrán-Leyva-Kartells. Die 57-Jährige hat die Leitung eines Armes der Organisation nach dem Tod ihres Mannes Héctor übernommen. Sie dominiert den Drogenmarkt in den mexikanischen Bundesstaaten Guerrero und Nayarit. Das Pikante daran: Sie tut es aus dem Gefängnis heraus, in dem sie seit 2016 sitzt und noch auf ihr Urteil wegen des Vorwurfs der Geldwäsche, des Drogenhandels und der organisierten Kriminalität wartet.

"Es ist in Mexiko üblich, dass das Business aus dem Knast geführt wird", sagt J. Jesús Lemus, Buchautor und Experte für organisierte Kriminalität. "Aber Laborín ist die absolute Chefin eines der beiden Kartell-Arme", unterstreicht er.

María Eva Ortiz ist Finanzchefin des recht neuen Kartells Santa Rosa de Lima, das für Treibstoffdiebstähle und den Benzinschmuggel in Mexiko verantwortlich ist. Ortiz ist Mutter des Kartellchefs José Antonio Yépez, "El Marro".

Frauen führen sogar einige der gefürchteten Killerkommandos an. Las Cachorras (Die Welpinnen) etwa töten im Auftrag des einst berüchtigten Zeta-Kartells an der mexikanischen Golfküste.

Laut der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft FGR sind es vor allem drei Syndikate, die viele weibliche Mitglieder beschäftigen: das Kartell Jalisco Neue Generation (CJNG), das Sinaloa-Kartell und die Beltrán-Leyva-Bande. Von den sechs- bis achttausend Mitgliedern dieser Organisationen sind jeweils bis zu acht Prozent Frauen.

Im Vergleich zu anderen Bereichen der Gesellschaft sei der Anteil der Frauen im organisierten Verbrechen damit noch immer gering, gibt der Autor Antonio Ortuño zu bedenken. "Ich glaube nicht an eine neue Soziologie des Narco." Die organisierte Kriminalität sei ein von Gewalt bestimmtes Milieu - "und die ist nun einmal vor allem Männersache", sagt der Autor, der in seinen Büchern über die Facetten des Terrors in Mexiko schreibt.

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