Weltpolitik

NLP: Stochern in fremden Gehirnen?

Neuro-Linguistisches Programmieren. Angeblich nutzen Politiker diese Kunst der Manipulation. Ein NLP-Experte ärgert sich über solche Zuschreibungen.

NLP: Stochern in fremden Gehirnen? SN/begsteiger
NLP – was macht die Technik mit dem Denken des Gegenübers?

Der Wiener Psychologe Peter Schütz sorgte dafür, dass das Neuro-Linguistische Programmieren (NLP) aus dem angloamerikanischen Raum vor mehr als 30 Jahren in Österreich Fuß fasste. Die Methode ist auch im Präsidentschaftswahlkampf immer wieder Thema. Zum Interview empfängt der Urgroßneffe Sigmund Freuds in seinen mit dunklem Holz getäfelten, 110 Jahre alten Praxisräumen in Wien-Alsergrund. Freuds seinerzeitige Wirkstätte in der Berggasse liegt nur einen Steinwurf weit entfernt.
SN: Herr Schütz, Österreich erlebt den bisher längsten Bundespräsidentenwahlkampf in der Geschichte. Dabei haben Sie sich selbst als Vater von NLP in Österreich sehr geärgert. Können Sie kurz erklären, warum?
Peter Schütz: Leider haben kompetenzbefreite, verantwortungslose Journalisten ohne seröse Recherche einem der Kandidaten unterstellt, NLP-trainiert zu sein und in seiner Diskussion NLP-Tricks gegen den anderen einzusetzen. Der andere Kandidat wurde schlecht beraten und hat das dann professoral und etwas absurd ins Gespräch geworfen. Die Wirkung war eine klare Rufschädigung für seriöses NLP.

SN: Haben Sie Beschwerde eingelegt?
Nein. Aber ich habe Alexander Van der Bellen einen Brief geschrieben, der Richtung Norbert Hofer gemeint hatte, NLP wäre eine Technik zur Zerstörung von Kommunika tion. Ich habe klargestellt: NLP ist heute in Österreich angewandte Psychologie und sehr gut beforscht. Zum Erlangen der entsprechenden Kompetenz braucht es Ethik, Haltung und längeres methodisches Training. Meist in Kombination mit einer Lizenz zum Mediator und Coach oder Lebens- und Sozialberater oder Psychotherapeuten. NLP an sich hat mit Parteiwerbung und Bundespräsidenten-Kandidatenwerbung genau nichts zu tun! Sonst würde der Öster reichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) ja nicht schon in fünfter Auflage das Buch "Mit NLP zum politischen Erfolg" vertreiben. Sowohl Mitarbeiter der rechten "Aula" als auch der linken "Volksstimme" können Presseausweise kriegen.

SN: Wie meinen Sie das?
Beschreiben und werten lässt sich alles, von jeder Richtung. Das hat nichts mit Psychologie zu tun, sondern nur mit Ideologie.

SN: Wie erleben Sie als Experte für Neuro-Linguistisches Programmieren den Bundespräsidentenwahlkampf aus rhetorischer Sicht?
Beide verbliebenen Kandidaten sind hochgradig beratungsresistent, aber rhetorisch nicht doof. Van der Bellen verwendet eher komplexe Sätze und einen elaborierten Code. Hofer spricht eher in kürzeren Sätzen mit einfacherem Code. So bedienen beide ihr jeweiliges Elektorat.

SN: Der FPÖ-Kandidat bezeichnete sich ursprünglich in seinem Lebenslauf als "NLP-Trainer". Inzwischen hat er die Bezeichnung aus seinem offiziellen Lebenslauf gelöscht. Weshalb?
Im Wahlkampf-Jahrmarktzirkus wird viel behauptet, um sich bei der jeweiligen Zielgruppe gut dastehen zu lassen. Rechtlich gesehen sind Begriffe wie Chefredakteur, NLP-Trainer, Management-Trainer, Politiker nach dem Staatsgrundgesetz 1867 frei. Noch härter formuliert: Jede vorbestrafte und zehn Jahre lang psychiatrierte Prostituierte kann sich so nennen. NLP-Trainer-Zertifikate sind auch käuflich erwerbbar oder mit dem Laserdrucker selbst herstellbar. Inzwischen gibt es drei Mal so viele NLP-Schlechtanbieter wie vor zehn Jahren. Auch Presseausweise können mit etwas Geld und social engineering leicht beschafft werden. Medien fallen gern darauf rein.

SN: Haben diesbezüglich die Medien im Wahlkampf versagt?
Nicht pauschal. Es gibt gut recherchierende Journalisten und solche, die oberflächlich recherchieren und dadurch verführbar und manipulierbar sind.

SN: Also besteht bei Journalisten Nachholbedarf in Sachen Neuro-Linguistisches Programmieren?
Wir organisieren manchmal für seriöse Journalisten Seminare zu intensiver Gesprächsführung.

SN: Aber Wahlberechtigte entscheiden sich sehr oft emotional für bestimmte Kandidaten. Wie viel können Wahlwerbung und Rhetorik - ob mit oder ohne NLP-"Technik" - dabei wirklich beeinflussen?
In den schmalen Zielgruppen der Wechselwähler und der "vielleicht Nichtwähler" geht es jedenfalls um Vertrauen, Zugehörigkeit und Kompetenz. Da spielen der persönliche Eindruck und der Umgang mit anderen eine große Rolle. Das wird durch nonverbales Auftreten, Gesprächsführung, die richtigen Fragen und Antworten natürlich sehr verstärkt. Ansätze von Neuro-Linguistischem Programmieren, die ich nicht als Tricks bezeichnen würde, erwecken vielleicht kurzfristig bei naiven Leuten den Eindruck, "das ist jetzt unser Oberrabbi oder Oberkardinal". Die Menschen haben ein spirituelles Bedürfnis nach vertrauensvollen Metachefs. Womit man die Menschen abholt, ist relativ egal.

SN: Wie entscheidend sind etwa Plakate oder die Auftritte eines Kandidaten, um eine Stichwahl für sich zu entscheiden?
Das hängt sehr von der Gegenseite ab und der medialen Verarbeitung. Vermutlich geschieht weit mehr im Netz, als es den Inseraten- und Plakatflächenverkäufern recht ist. Livediskurse dürften da großen Einfluss haben.

SN: Ist Ihnen so etwas wie ein Best-Practice-Beispiel für einen gelungenen Wahlkampf in Erinnerung?
Bruno Kreisky, als er bei der Nationalratswahl 1975 gegen Josef Taus antrat. Kreisky war blitzgescheit. Ich habe ihn auch, als ich Wien-Korrespondent der britischen "Sunday Times" war, zwei Mal interviewt. Taus ist auch sehr gescheit, wurde aber unterschätzt und sprach im Wahlkampf in zu langen Sätzen. Es wird ja viel versucht, um Show zu machen. Die Schwierigkeit im Wahlkampf ist, Langfristigkeiten an kurzfristig Denkende rüberzubringen. Barack Obamas Wahlkämpfe waren sicherlich auch sehr gut, mit einer gut geführten "grassroots"-Politik. Wenn in Österreich für beide verbliebenen Bundespräsidenten-Kandidaten so viele laufen würden, wie für Obama gelaufen sind, hätte ein Kandidat schon eindeutig die Wahl gewonnen.

SN: Werden Sie zur verschobenen Wiederholung der Bundespräsidenten-Stichwahl 2016 gehen?
Ja, sicher! Wir veranstalten am Wahltag, am 4. Dezember, an der Sigmund-Freud-Universität den 7. Österreichischen NLP-Kongress. Eine Sequenz wird dabei die Sprachmusteranalyse der beiden Kandidaten umfassen.

SN: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie selbst bei einer Wahl?
Glaubwürdigkeit, Menschenrechte und Europapolitik.


ZUR PERSON:
Peter Schütz ist Gesundheitspsychologe, Lehrpsychotherapeut, Lehrcoach und Lehrmediator sowie zertifizierter Unternehmensberater. Davor war er u. a. Wien-Korrespondent der britischen "Sunday Times". Er ist Geschäftsführer von Europas am höchsten qualitätszertifizierter NLP-Ausbildungsstelle in Wien.



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