Weltpolitik

Nordkoreaner hoffen sehr auf Fortschritte beim Gipfel

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hat sich mit dem Bau der Atombombe eine Ausgangsbasis für Verhandlungen mit den USA geschaffen. Sein strategisches Vorgehen ist nach Expertenmeinung auch sichtbar bei der Frage einer etwaigen Wiedervereinigung mit Südkorea.

Inszenierte Einigkeit. SN/APA (epa)/KCNA
Inszenierte Einigkeit.

Der geplante Gipfel zwischen den USA und Nordkorea an diesem Dienstag in Singapur ist eine politische Sensation. Plötzlich ist eine deutliche Entspannung greifbar. Wesentliche Voraussetzungen waren nach Ansicht des Nordkorea-Experten Rüdiger Frank das neue Selbstbewusstsein Pjöngjangs wegen seiner erfolgreichen Atombombentests und die unkonventionelle Art von US-Präsident Donald Trump, vor allem aber die Beharrlichkeit des südkoreanischen Präsidenten Moon. Die Bevölkerung des Landes habe jedenfalls große Hoffnungen nach Jahrzehnten der Entbehrung und der Isolation, so Frank.

Frage: Spielten die Sanktionen die entscheidende Rolle für die Verhandlungsbereitschaft Nordkoreas?

Antwort: Nein. Es sind mehrere Faktoren, die den gegenwärtigen Durchbruch ermöglicht haben. Kim Jong-un war durch die Fertigstellung seines Atomprogramms Ende 2017 bereit für Verhandlungen. Donald Trump hat es mit seiner unkonventionellen Art geschafft, die in den letzten Jahren aufgerichteten Hürden und in den Sand gezogenen Roten Linien zu überwinden. Die wichtigste Rolle aber hat aus meiner Sicht Südkoreas Präsident Moon gespielt. Ihm ist es zu verdanken, dass der Prozess überhaupt zustande gekommen ist.

Frage: Was sind die konkreten Ziele Nordkoreas?

Antwort: Kurzfristig geht es um die Beseitigung der Sanktionen. Nordkorea braucht die USA nicht unbedingt als Geldgeber und als Markt, aber gegen den aktiven Widerstand Washingtons ist nur eine minimale Wirtschaftsentwicklung möglich. Langfristig will Kim den Abstand im wirtschaftlichen Entwicklungsniveau zu Südkorea abbauen, um einen innerkoreanischen Wiedervereinigungsprozess dominieren zu können.

Frage: Was versteht Kim unter der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel?

Antwort: Dazu gibt es verschiedene Äußerungen aus Pjöngjang. Es läuft aber wohl auf zumindest eine regionale atomare Abrüstung hinaus, wenn nicht sogar auf eine globale. Im Extremfall könnte Nordkorea darunter verstehen, dass die gesamte Welt ihre Atomwaffen aufgibt.

Frage: Wird die Menschenrechtslage in Nordkorea beim Gipfel eine Rolle spielen? Sollte sie eine Rolle spielen?

Antwort: Das sollten sie definitiv, wobei vor allem die tatsächliche Verbesserung der Lage der Menschen in Nordkorea wichtig wäre, nicht die Durchsetzung formaler Prinzipien. Oft helfen den Menschen unspektakuläre Schritte im Hintergrund mehr als medienwirksame Megaphon-Diplomatie.

Frage: Wie wahrscheinlich ist ein Erfolg des Gipfels?

Antwort: Ebenso wie sein Zustandekommen: vor einem halben Jahr noch undenkbar, heute in greifbarer Nähe. Wobei Donald Trump richtig gesagt hat, dass der Gipfel von Singapur nur der Anfang eines langen Prozesses sein kann - aber immerhin.

Frage: Wie geht die auf US-Hass eingeschworene Bevölkerung mit der Entwicklung um?

Antwort: Genaugenommen werden die Nordkoreaner nicht auf Hass gegen die USA (mi-guk) eingeschworen, sondern gegen den US-Imperialismus (mi-che). Als ich in den 1970er Jahren einige Jahre in der Sowjetunion lebte, hasste man dort die deutschen Faschisten, nicht die Deutschen. Vergessen wird man die von frühester Kindheit an gehörten Geschichten über amerikanische Verbrechen im Korea-Krieg niemals, aber man wird damit umgehen können - so wie es den Vietnamesen gelungen ist. Ich war vor zwei Wochen in Nordkorea; dort dominiert vor allem die Hoffnung auf ein Ende der Sanktionen und ein besseres Leben.

ZUR PERSON: Frank ist einer der führenden Nordkorea-Experten. Er besucht regelmäßig das abgeschottete Land und lehrt an Universitäten in Südkorea. Frank leitet das Ostasieninstitut der Universität Wien.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 21.08.2018 um 06:15 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/nordkoreaner-hoffen-sehr-auf-fortschritte-beim-gipfel-29025976

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