Weltpolitik

Paramilitärs terrorisieren Brasiliens Favelas

Brasiliens Präsident Bolsonaro gibt bei der Verbrechensbekämpfung gern den harten Hund. Gegenüber den Milizen hält er sich allerdings auffällig zurück. Mitglieder der paramilitärischen Gruppen sollen vor einem Jahr die populäre Politikerin Marielle Franco getötet haben.

Die brasilianische Polizei bei einem Versuch, gegen die organisierte Kriminalität in den Favelas von Rio de Janeiro vorzugehen. Die paramilitärischen Gruppierungen verbreiten Angst und Schrecken in den Armenvierteln. SN/CHRISTOPHE SIMON / AFP / picturedesk.com
Die brasilianische Polizei bei einem Versuch, gegen die organisierte Kriminalität in den Favelas von Rio de Janeiro vorzugehen. Die paramilitärischen Gruppierungen verbreiten Angst und Schrecken in den Armenvierteln.

Für Monica Bonicio ist der Fall klar: Es war ein politischer Mord, der ihre Lebensgefährtin aus dem Leben riss. 13 Jahre waren sie und Marielle Franco ein Paar. Bis an jenem Abend im März vergangenen Jahres. "Sie wurde hingerichtet, in einem politischen Verbrechen, durch einem Mord, der die Welt schockte", sagt Bonicio. "Und es gibt keine Antworten."

Franco war ein Shootingstar der brasilianischen Linke. Jung, schwarz, lesbisch - aufgewachsen in einer Favela. Als Stadträtin der linken Partei PSOL engagierte sie sich gegen Gewalt und Korruption in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro. Damit brachte sich offenbar die mächtigen Milizen gegen sich auf.

Am späten Abend des 14. März 2018 wird ihr Wagen von einem Auto ausgebremst. Bewaffnete Personen steigen aus, geben Schüsse auf den Wagen der Politikerin ab. 13 Stück. Vier davon waren tödlich. Neben Franco stirbt auch ihr Fahrer Anderson Gomes.

Am Dienstag nahmen Beamte des Morddezernats zwei Verdächtigte fest - beide ehemalige Militärpolizisten. Ronnie Lessa soll die tödlichen Schüsse abgefeuert haben, Élcio Vieira de Queiroz das Tatfahrzeug gesteuert haben. Pikant: Lessa wohnt in einem Gebäudekomplex in Barra da Tijuca im Westen von Rio, in dem auch der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro eine Wohnung hat.

Die Milizen sind ein typisch brasilianisches Phänomen: Die Verbrechersyndikate bestehen aus aktiven und ehemaligen Polizisten, Feuerwehrleuten, städtischen Beamten und sollen in Rio nach Einschätzung von Ermittlern etwa 25 Prozent des Stadtgebiets kontrollieren. Sie sind in Drogenhandel und Schutzgelderpressung verwickelt, entscheiden, wer Strom, Gas und fließendes Wasser bekommt.

Sie handeln mit Immobilien und Konzession, erledigen Auftragsmorde und organisieren Wählerstimmen für Lokalpolitiker. Regisseur José Padilha erzählt in dem Spielfilm "Tropa de Elite 2" von dem kriminellen Treiben der Milizen und ihren engen Beziehungen zur Politik und zum Sicherheitsapparat.

Brasiliens neuer Präsident Bolsonaro geriert sich gern als harter Hund. Die Polizei soll entschlossen gegen die Drogenbanden wie Comando Vermelho und Primeiro Comando da Capital in den Favelas vorgehen. Gegen Beamte, die im Einsatz Kriminelle töten, solle nicht ermittelt werden, vielmehr hätten sie einen Orden verdient, sagt er. Gegenüber den Milizen hält er sich hingegen erstaunlich zurück.

In den Ermittlungen zum Mord an Marielle Franco taucht auch immer wieder der Name von Bolsonaros Sohn Flavio auf. In seinem Abgeordnetenbüro waren zeitweise die Ehefrau und die Mutter von Adriano Magalhães da Nóbrega beschäftigt. Der ehemalige Hauptmann der Polizeispezialeinheit Bope soll ebenfalls in den Mord an Franco verwickelt sein und ist derzeit auf der Flucht. "Ich bin Opfer einer diffamierenden Kampagne, die auf die Regierung von Jair Bolsonaro abzielt", schrieb der Senator in einer Erklärung.

Bolsonaro junior hatte Nóbrega einst für eine Verdienstmedaille vorgeschlagen. Überhaupt hegt der älteste Sohn des Präsidenten gewisse Sympathien für die Milizen. "Eine Miliz ist nichts anderes als eine Gruppe von Polizisten, Militärs und anderen, die von einer gewissen Hierarchie und Disziplin geprägt ist und danach strebt, das Schlimmste aus dem Schoß der Gesellschaft zu tilgen: die Verbrecher", sagte er einmal in einer Rede.

Dabei sind die Milizen in den Favelas längst selbst zum Problem geworden. "Viele dieser Gruppen wurden zunächst von den Anwohnern unterstützt, weil sie die Drogengangs bekämpften, doch dann wurden sie selbst kriminell und betätigten sich im Drogenhandel, der Schutzgelderpressung und anderen Feldern der organisierten Kriminalität", heißt es in einer Analyse des Fachportals Insight Crime.

Bonicio will die Erinnerung an ihre getötete Freundin wach halten. Obwohl dieser Kampf auch für sie nicht ungefährlich ist, trägt sie offen T-Shirts mit politischen Botschaften wie "Wer tötete Marielle?" oder "Kämpft wie Marielle Franco". Auf den Unterarm hat sie sich das Konterfei von Franco tätowieren lassen.

Aus Sicherheitsgründen lebt Bonicio nun vorübergehend in der Hauptstadt Brasilia. In Rio ist sie dennoch oft. "Wovor soll ich denn noch Angst haben?", fragt sie bei einem Treffen in Maré, einem Konglomerat aus rund einem Dutzend Favelas. Dort sind zurzeit drei große Drogengangs und die Milizen aktiv.

"Es ist ein Kampf um Gerechtigkeit, nicht für Rache", sagt Bonicio. "Ich möchte, dass - egal wer antwortet - Brasilien und der Welt erklärt wird, wer den Auftrag gab und wer Marielle und Anderson tötete." Brasilien ist eines der gewalttätigsten Länder der Welt - über 60 000 Menschen werden dort jedes Jahr getötet. Touristen spüren die Kriminalität vor allem, wenn Jugendgangs in langen Menschenketten über Strände wie die Copacabana in Rio herfallen und alles klauen, was sie in die Finger bekommen.

Im Gegensatz zu den Drogen- und Gefängnisgangs operieren die Milizen an der Schnittstelle von Staat und Unterwelt. "Es ist ähnlich wie in Kolumbien, die haben Verbindungen bis in die Politik", sagt Sérgio Ramalho, Investigativjournalist für die Plattform The Intercept. "Eine Miliz ist organisiert wie ein Staat", sagt er. Oft sind Mitarbeiter von Stadträten und Abgeordneten in Milizen aktiv.

Monica Bonicio bezweifelt, dass der Verdächtige Nóbrega des Rätsels Lösung ist:

"Bislang wurde keine politische Figur gefasst, die für irgendetwas verantwortlich sein könnte." Sie sieht die Ermittlungen noch lange nicht auf der Zielgeraden. "Brasilien ist ein so komplexes Land, mit einem politischen System, das durchsetzt ist mit Korruption. Wir beginnen gerade erst die vielen Türen zu entdecken, die es in diesem Mord gibt."

Quelle: SN

Aufgerufen am 23.09.2019 um 07:18 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/paramilitaers-terrorisieren-brasiliens-favelas-67190299

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