Weltpolitik

Paris und London vor neuem Abkommen zur Grenzsicherung

Frankreich und Großbritannien wollen ein neues Abkommen zur Grenzsicherung gegen Flüchtlinge schließen. Der französische Präsident Emmanuel Macron will den neuen Vertrag am Donnerstag bei einem Gipfeltreffen mit der britischen Premierministerin Theresa May in Sandhurst besiegeln, wie sein Büro in Paris mitteilte.

Von Calais aus wollen Flüchtlinge nach Großbritannien SN/APA (AFP)/PHILIPPE HUGUEN
Von Calais aus wollen Flüchtlinge nach Großbritannien

Frankreich dringt auf größere Finanzhilfen aus London, um Flüchtlinge an der Überquerung des Ärmelkanals zu hindern. Für London ist das neue Abkommen entscheidend, da nach dem Brexit die Grenze zur EU durch den Ärmelkanal verläuft. Macron hat sich seinerseits den Kampf gegen die "illegale Einwanderung" auf die Fahnen geschrieben. Frankreich hatte im vergangenen Jahr eine neue Höchstzahl von mehr als 100.000 Asylbewerbern verzeichnet, das war ein Zuwachs von gut 17 Prozent.

Macron fordert deshalb einige Zugeständnisse von London: Nach Angaben aus dem Élysée-Palast geht es unter anderem um die Aufnahme von unbegleiteten Minderjährigen oder von Flüchtlingen, die bereits Familienangehörige in Großbritannien haben.

Das hatte Macron am Dienstag auch bei einem Besuch in der Hafenstadt Calais angedeutet, von der aus die meisten Flüchtlinge über den Ärmelkanal zu gelangen versuchen. Dort sagte der Staatschef, Calais sei keine "Geheimtür" nach Großbritannien, sondern eine "Sackgasse" für die Migranten. Die Vorgängerregierung hatte dort vor 14 Monaten ein Flüchtlingslager mit fast 8.000 Menschen räumen lassen.

Das neue Abkommen soll den 15 Jahre alten "Vertrag von Touquet" ergänzen, den Frankreich und Großbritannien 2003 in dem französischen Badeort schlossen. Er ermöglichte erstmals gemeinsame Grenzkontrollen in den Häfen beider Länder.

In weiteren Vereinbarungen aus den Jahren 2009, 2010 und 2014 verpflichtete sich Frankreich, Grenzübertritte von Flüchtlingen nach Großbritannien zu verhindern - vor allem in der Umgebung des Eurotunnels in Calais. Mit britischer Hilfe wurden Zäune und Überwachungsanlagen gebaut. Kritiker argumentieren, faktisch habe sich damit die britische Grenze nach Frankreich verschoben.

Zugleich wollen beide Länder einen stärkeren kulturellen Austausch vereinbaren, wie es in Paris heißt. So könnte Frankreich erstmals den weltberühmten Teppich von Bayeux an Großbritannien ausleihen, der den Sieg von Normannenfürst Wilhelm der Eroberer über den angelsächsischen König Harald II. im Jahr 1066 zeigt.

May begrüßte die Ankündigung als "sehr wichtig". Dies ermögliche es den Menschen im Vereinigten Königreich, den Teppich von Bayeux zu sehen. Viele Briten kennen Bilder des Wandteppichs aus ihren Schul-Geschichtsbüchern. Die kostbare mittelalterliche Stickarbeit aus dem 11. Jahrhundert gehört seit 2007 zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Der Gipfel in Sandhurst südlich von London steht im Zeichen einer europäischen Charmeoffensive gegenüber London: Macron hat sich dafür ausgesprochen, die Tür für Großbritannien trotz der Brexit-Verhandlungen offen zu halten. Auch die EU-Spitzen boten London am Dienstag einen Verbleib in der Union an, namentlich Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Aus London kam allerdings umgehend eine Absage.

Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 08:52 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/paris-und-london-vor-neuem-abkommen-zur-grenzsicherung-23060494

Kommentare

Schlagzeilen