Weltpolitik

Polen wirft EU-Kommission "Erpressung" vor

Die polnische Regierung droht die Europäische Union in eine neue schwere Krise zu stürzen. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki machte am Dienstag im Europaparlament deutlich, dass sein Land im Streit um das Verhältnis von EU-Recht und nationalem Recht nicht an ein Einlenken denkt. Der nationalkonservative Regierungschef warf der EU-Kommission "Erpressung" vor.

Polen hart im Streit mit der EU SN/APA/AFP/POOL/RONALD WITTEK
Polen hart im Streit mit der EU

Man werde nicht zulassen, dass dies als Mittel der Politik gegenüber EU-Mitgliedsstaaten eingesetzt werde, sagte er an die Adresse von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gerichtet. "Die Kompetenzen der EU haben ihre Grenzen, wir können nicht länger schweigen, wenn sie überschritten werden."

Von der Leyen hatte Polen kurz zuvor wegen des Infragestellens von EU-Recht schwere Sanktionen angedroht. "Wir können und wir werden es nicht zulassen, dass unsere gemeinsamen Werte aufs Spiel gesetzt werden", sagte sie in der teilweise sehr emotional geführten Debatte im Straßburger Europaparlament.

Als konkrete Optionen nannte von der Leyen nun ein weiteres Vertragsverletzungsverfahren, die Nutzung eines neuen Verfahren zur Kürzung von EU-Mitteln sowie erneute Anwendung des sogenannten Artikel-7-Verfahrens. Letzteres könnte sogar zum Entzug der polnischen Stimmrechte bei EU-Entscheidungen führen. Europaabgeordnete unterstützten in der Diskussion den harten Kurs gegen die polnische Regierung. Unter anderem die FPÖ nahm Morawiecki hingegen in Schutz.

Nach Ansicht von Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) hat der Streit mit Polen durch das Infragestellen von EU-Recht eine "neue Dimension erreicht". Damit stelle Warschau alles infrage, "was wir uns in den letzten Jahrzehnten erarbeitet haben an Glaubwürdigkeit, Zusammenarbeit und auch Zukunftsfähigkeit", so Edstadtler am Dienstag in Luxemburg vor einem Treffen mit ihren EU-Amtskollegen. Das Zurückhalten von EU-Geldern halte sie für ein "sehr effizientes" Mittel.

Bei den Abgeordneten von ÖVP, SPÖ, Grünen und NEOS stieß Morawieckis Auftritt durchgehend auf Ablehnung, ein Vertragsverletzungsverfahren und finanzielle Sanktionen wurden gefordert. Anders die FPÖ-Sicht: Delegationsleiter Harald Vilimsky bezeichnete den Umgang mit Polen als Anmaßung, die EU solle sich mit ihren eigenen Rechtsverletzungen beschäftigen.

Die EU "kann kein Geld von europäischen Steuerzahlern für ein Land freigeben, das die Rechtsstaatlichkeit nicht respektiert", sagte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn der Nachrichtenagentur AFP vor dem Treffen. Er forderte die Aktivierung des neuen Rechtsstaatsmechanismus. Damit kann Mitgliedstaaten eine Kürzung von Zahlungen aus dem EU-Haushalt drohen, wenn sie gegen bestimmte Grundwerte verstoßen.

Hintergrund des eskalierenden Streits ist ein Urteil des polnischen Verfassungsgerichts, nach dem Teile des EU-Rechts nicht mit Polens Verfassung vereinbar sind. Diese Entscheidung wird von der EU-Kommission als höchst problematisch angesehen, weil sie der polnischen Regierung einen Vorwand geben könnte, ihr unliebsame Urteile des EuGH zu ignorieren.

Das Urteil stelle die Grundlagen der Europäischen Union infrage, kritisierte von der Leyen am Dienstag im Parlament. "Es ist eine unmittelbare Herausforderung der Einheit der europäischen Rechtsordnung. Nur eine gemeinsame Rechtsordnung ermöglicht gleiche Rechte, Rechtssicherheit, gegenseitiges Vertrauen zwischen den Mitgliedstaaten und daraus resultierend gemeinsame Politik."

Morawiecki verwies hingegen darauf, dass auch die obersten Gerichte in anderen EU-Ländern keinen absoluten Vorrang von EU-Recht sehen und warf dem EuGH Kompetenzüberschreitungen vor. Um seinen Standpunkt zu untermauern, zitierte er aus Urteilen des Obersten Gerichtshofes in den Niederlanden, des französischen Verfassungsrats und des Bundesverfassungsgerichts. Allerdings hat bislang kein Gericht eines EU-Lands Teile des gemeinsamen Rechts grundsätzlich in Frage gestellt.

"Diese Situation kann und muss gelöst werden", sagte von der Leyen nun. Wie diese Lösung aussehen könnte, ist jedoch völlig unklar. Aus Sicht von Ländern wie Luxemburg oder der Niederlande müsste Länder wie Polen eigentlich aus der EU austreten, wenn sie sich nicht vollständig an Gemeinschaftsrecht halten wollen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte hingegen zuletzt mit deutlichen Worten Dialogbereitschaft auch vonseiten der EU an. "Wir haben große Probleme, aber ich rate dazu, sie im Gespräch zu lösen und Kompromisse zu finden", sagte sie. Zu glauben, dass man politische Differenzen und vielleicht auch Differenzen in der Wahrnehmung der Europäischen Union nur durch Gerichtsverfahren klären könne, finde sie nicht richtig.

Für die Notwendigkeit einer Einigung im Dialog spricht auch, dass die von der EU-Kommission angedrohten Sanktionsverfahren nur dann vorangetrieben werden können, wenn eine große Mehrheit der anderen EU-Staaten dies unterstützt. Dies ist bisher alles andere als sicher. Hinzu kommt, dass Polen in Reaktion auf Strafmaßnahmen einstimmig zu treffende EU-Entscheidungen blockieren und so zum Beispiel die gesamte EU-Außenpolitik lahmlegen könnte.

Dass Polen über das bereits laufendes Artikel-7-Verfahren die EU-Stimmrechte entzogen werden könnten, gilt derzeit wegen der Mehrheitsverhältnisse im zuständigen EU-Ministerrat als ausgeschlossen. Der EU-Kommission bliebe damit lediglich die Möglichkeit, weiter die Auszahlung von EU-Corona-Hilfen hinauszuzögern und darauf zu hoffen, dass der EuGH im Fall von nicht eingehaltenen Urteilen Zwangsgelder verhängt. Letztere könnten mit EU-Zahlungen an Polen verrechnet werden. Das Land ist größter Netto-Empfänger. Aus dem regulären EU-Haushalt erhielt das Land allein im vergangenen Jahr netto rund 12,4 Milliarden Euro.

Erwartet wird nun, dass der Streit beim EU-Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag Thema wird. Da Entscheidungen dort nur einstimmig getroffen werden können, hat Polen jedoch nichts zu befürchten. Einen Austritt aus der EU Polens schloss Morawiecki am Dienstag erneut entschlossen aus. Die EU sei Polens Platz, das Land bewege sich nicht irgendwohin fort, sondern schaue, was es der Staatengemeinschaft geben könne, sagte er.

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