Weltpolitik

Prinzessin tritt bei thailändischer Parlamentswahl an

In Thailand hat die Politik wenige Wochen vor der geplanten Parlamentswahl eine völlig überraschende Wendung genommen. Die älteste Schwester von König Maha Vajiralongkorn, Prinzessin Ubolratana, kündigte am Freitag ihre Kandidatur für das Amt der Premierministerin an. Das gab es in der langen Geschichte des südostasiatischen Königreichs noch nie. Die 67-Jährige ist im Volk sehr populär.

Thailands Prinzessin Ubolratana will sich der Wahl stellen SN/APA (AFP)/MARTIN BUREAU
Thailands Prinzessin Ubolratana will sich der Wahl stellen

König Vajiralongkorn kritisierte den Einstieg seiner Schwester in die Politik als "unangemessen". In einer Erklärung, die der Königspalast am Freitagabend (Ortszeit) veröffentlichte, heißt es, die Kandidatur von Prinzessin Ubolratana für das Amt der Premierministerin stehe auch im Widerspruch zur Verfassung.

Ubolratana wird bei der Wahl am 24. März für die wirtschaftsliberale Partei Thai Raksa Chart (offizielle Bezeichnung auf Englisch: Thai Save the Nation Party), antreten, wie Parteichef Preechapol Pongpanich am Freitag sagte. Prinzessin Ubolratana sei die "beste Wahl" für das Amt der Ministerpräsidentin, sagte Pongpanich. Sie sei "gebildet und geschickt".

Getragen wird die Kandidatur von einer Partei, die aus dem Umfeld der 2014 gestürzten Regierungschefin Yingluck Shinawatra kommt. Thailändische Medien sprachen von einer "Sensation". Offen blieb, ob Ubolratana ihren Bruder, König Maha Vajiralongkorn, im Voraus informierte und womöglich sogar dessen Rückendeckung hat.

Mit ihrer Bewerbung stellt sich das Mitglied des Königshauses gegen Thailands Generäle, die seit einem Militärputsch 2014 an der Macht sind, und fordert den Chef der Militärjunta und amtierenden Premierminister Prayut Chan-O-Cha heraus, der ebenfalls seine Kandidatur bekanntgab. Der Putsch-General hatte einst versprochen, sich nach getaner Arbeit aus der Politik zurückzuziehen. Am Freitag gab der 64-Jährige - wie allgemein erwartet - jedoch bekannt, dass er Premierminister bleiben will, künftig allerdings für eine zivile Partei.

Die Wahl zum neuen Parlament ist nach wiederholter Verschiebung nun am 24. März geplant. Für das 68-Millionen-Einwohner-Land wäre dies ein wichtiger Schritt wieder in Richtung Demokratie. Verlässliche Umfragen gibt es bisher nicht. Weltweit wäre es ein Novum, wenn die Schwester eines amtierenden Königs demokratisch gewählte Regierungschefin würde.

Thailand wird seit 1782 von der Chakri-Dynastie beherrscht. Seit 1932 ist das Land eine konstitutionelle Monarchie und hatte bisher keinen Premierminister, der dem Königshaus entstammt. Dieses hat nicht nur wegen seines enormen Reichtums großen Einfluss. Der alte König Bhumibol wurde bis zu seinem Tod 2016 - nach sieben Jahrzehnten auf dem Thron - gottesähnlich verehrt.

Heute steht Ubolratanas Bruder Maha Vajiralongkorn an der Spitze. Der 66-Jährige, der sich häufig in Deutschland aufhält, ist allerdings noch nicht offiziell gekrönt. Dies soll Anfang Mai geschehen - sechs Wochen nach der Wahl.

Über eine Kandidatur der Prinzessin war seit einigen Tagen spekuliert worden. Viele glaubten nicht daran. Schließlich bestätigte die Partei Thai Raksa Chart - gegründet von Anhängern der Shinawatras - die Gerüchte. Die Prinzessin selbst verbreitete auf Instagram die Botschaft: "Wir werden zusammen vorangehen. An alle Bürger Thailands Danke für Eure Liebe und Unterstützung."

Die "Königliche Hoheit" - mit vollem Namen Thunkramom Ying Ubolratana Rajakanya Sirivadhana Barnavadi - hat enge Kontakte zu der einflussreichen Familie Shinawatra, die Thailands Politik seit langem mitbestimmt. Familienoberhaupt Thaksin Shinawatra wurde 2006 als Premierminister vom Militär gestürzt. Acht Jahre später ereilte seine Schwester Yingluck das gleiche Schicksal.

Die thailändische Armee hatte damals nach monatelangen politischen Unruhen zwischen den Yingluck Shinawatra unterstützenden Rothemden und den royalistischen Gelbhemden mit fast 30 Toten das Kriegsrecht verhängt, die Regierungschefin abgesetzt und die Macht im Land übernommen. Thailand wird seitdem von einer Militärregierung unter General Prayut regiert. Thaksin und Yingluck Shinawatra leben inzwischen im Ausland.

Der Chef der Militärjunta gab am Freitag seine Kandidatur für die Partei Phalang Pracharat (People's State Power Party) bekannt, die der Armee nahesteht. Er sagte: "Ich bekräftige, dass ich keine Absicht habe, meine Macht im Amt zu verlängern. Ich will nur zum Wohl des Landes und der Menschen arbeiten." Die Kandidatur der Prinzessin macht die Dinge für Prayut und die anderen Militärs nun viel komplizierter.

Prayut hatte schon unmittelbar nach dem Putsch eine Übergabe der Macht an eine Zivilregierung binnen 18 Monaten versprochen. Angekündigte Neuwahlen wurden jedoch seither mehrmals verschoben. Im August 2016 setzte die Junta zudem in einem umstrittenen Volksentscheid eine neue Verfassung durch, die den Streitkräften politische Macht sichert.

Thailands Königshaus ist durch ein sehr strenges Gesetz praktisch gegen jede Kritik geschützt. Das Militär hat sich in Thailand stets als Verteidiger der Monarchie dargestellt, Prayut versicherte der Königsfamilie immer wieder seine Loyalität. Dass Prinzessin Ubolratana jetzt aber gegen den Junta-Chef antreten will, macht Risse deutlich - zumal die Shinawatra-Familie gewissermaßen als Erzfeind der Streitkräfte gilt. Die Zusammenarbeit könnte den alten Konflikt zwischen Gelbhemden und Rothemden überbrücken helfen.

Am Freitag wurden aber auch Zweifel laut, ob die Prinzessin überhaupt kandidieren darf. Die Entscheidung darüber liegt bei einem staatlichen Wahlausschuss.

Ubolratana wurde 1951 in der Schweiz geboren. Sie hat einen Abschluss der amerikanischen Elite-Universität MIT. Wegen ihrer Hochzeit mit einem bürgerlichen US-Amerikaner 1972 verlor sie viele Privilegien. Ein Vierteljahrhundert lang lebte sie unter bürgerlichem Namen in den USA. Nach der Scheidung kehrte sie nach Bangkok zurück und nahm ihre Pflichten als Mitglied des Königshauses wieder auf. Ihr einziger Sohn kam 2004 bei der Tsunami-Katastrophe in Südostasien ums Leben.

Die 67-Jährige gehört zu den prominentesten Figuren der thailändischen Gesellschaft und ist in den sozialen Netzwerken aktiv. Auf Instagram hat sie knapp 100.000 Follower. Außerhalb des Protokolls spielte sie auch in drei Thai-Kinofilmen mit und nahm Platten auf.

Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 25.10.2020 um 04:00 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/prinzessin-tritt-bei-thailaendischer-parlamentswahl-an-65398408

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