Weltpolitik

Protest in Wien gegen U-Haft für inhaftierten Reporter Yücel

Unter dem Motto "Korso 4 Deniz" sind am Dienstagabend auch in Wien und Graz Auto- und Fahrradkorsos unterwegs gewesen, um gegen den U-Haft-Befehl des in Istanbul lebenden deutschen "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel zu protestieren. In Wien fuhren gut 20 Autos und mehrere Fahrräder unter einem Hup- und Pfeifkonzert und mit Polizeieskorte vom Ernst-Happel-Stadion Richtung Parlament.

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel. SN/APA (Archiv/dpa)/Karlheinz Schin
Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel.

"Ich bin besorgt über die Situation in der Türkei, und ich will meinen Teil dazu beitragen, dagegen anzukämpfen", sagte eine türkische Wissenschafterin aus Ankara, die seit drei Jahren in Österreich lebt. Ihren Namen wollte sie nicht sagen, sie habe Angst, was ihr passieren könnte - sie sei schon in Schwierigkeiten gekommen, weil sie eine regierungskritische Petition unterzeichnet habe.

"Ich will ein bisschen Optimismus bewahren. Mein Mann ist seit mehreren Jahren Deniz-Fan, und wir wollen einfach, dass er wieder frei kommt", so die Türkin. Hier in Wien sei es einfacher, etwas gegen die türkische Regierung zu unternehmen, meinte sie. "Aber in der Türkei ignorieren viele meiner Freunde die Situation." Sie bleibe aber hoffnungsvoll, "in der Türkei weiß man nie".

"Als ich von dem Korso gehört habe, habe ich gleich beschlossen, hier zu sein. Ich lese seit Jahren die Texte von Yücel. Seine Artikel fehlen mir, und ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen und Solidarität zu zeigen mit ihm und all den anderen Journalisten, die momentan in der Türkei inhaftiert sind", erzählte der 27-jährige Tim Dombrowski aus Lübeck.

Solidarität für den Kollegen zeigten in Wien auch Journalisten: Neben Florian Klenk vom "Falter" und Hanna Herbst von "Vice" waren viele der Wiener Demonstranten aus der Branche. Man müsse einfach aufstehen, meinte einer der Organisatoren des Protests, Can Gülcü. "Die Anschuldigungen gegen Deniz Yücel sind überhaupt nicht qualifiziert und bisweilen einfach absurd. Er hat seine Arbeit getan und hat kritisch berichtet. Es ist untragbar, dass er jetzt im Gefängnis sitzt", so Gülcü.

Auch Robert Misik, Journalist und ebenfalls Mitorganisator, war überzeugt, hier seinen Teil beitragen zu können: "Wir sind zufrieden." Es gehe bei einer solchen Demonstration eben darum, ein Zeichen zu setzen. Misik hofft, dass Kundgebungen und Aktionen wie diese dazu führen, unter europäischen Erdogan-Anhängern die Erkenntnis zu verbreiten, dass die Regierung unter Erdogan nicht zu unterstützen sei. "Vielleicht merkt man dann in der Türkei, dass dieses Vorgehen unter Anhängern Sympathien kostet."

Auch für Graz hatte es für den späten Dienstagnachmittag eine Facebook-Aufruf zu einem "Korso mit Scharf!" mit Autos und Rädern für die Freilassung von Deniz Yücel und aller anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten gegeben.

Die Rufe nach einer Freilassung des in der Türkei verhafteten Korrespondenten der deutschen Zeitung "Die Welt", Deniz Yücel, wurden am Dienstag auch international und vor allem in Deutschland immer lauter. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel sagte am Dienstag in Berlin, das Verhältnis zur Türkei "steht gerade vor einer der größten Belastungsproben in der Gegenwart". Er ließ den türkischen Botschafter zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt zitieren.

Yücel war am Montag nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen worden. Diese kann fünf Jahre dauern, bis es zur Freilassung oder zu einem Prozess kommt, in dem die Schuldfrage geklärt wird. Dem 43-jährigen Korrespondenten werden der "Welt" zufolge "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung" vorgeworfen. Yücel besitzt die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft. Aus Sicht der türkischen Behörden ist er damit ein einheimischer und kein ausländischer Journalist.

(Apa/Dpa)

Aufgerufen am 24.11.2017 um 10:17 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/protest-in-wien-gegen-u-haft-fuer-inhaftierten-reporter-yuecel-10228

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