Weltpolitik

Rennen um Mays Nachfolge: Dann waren es nur noch sieben

Zehn sind neun zu viel: Am Donnerstag beginnt bei den Tories die erste Abstimmungsrunde um den Tory-Vorsitz und das Amt des Premierministers von Großbritannien. Die ersten Kandidaten müssen schon ihr Feld räumen.

Muss die Downing Street 10 verlassen: Theresa May. SN/AP
Muss die Downing Street 10 verlassen: Theresa May.

Der Wahlkampf der Kandidaten, die um den Parteivorsitz der konservativen Partei buhlen, steht noch am Anfang, doch die vergangenen Tage ließen bereits nichts Gutes erahnen. Die Qualität der Debatte nähert sich bereits jetzt dem Tiefpunkt. Zehn Bewerber würden gerne Theresa May an der Spitze der Tories und damit auch im höchsten Amt im Königreich beerben.

Hält Ausschau nach dem Amt des Premierministers: Boris Johnson.  SN/AP
Hält Ausschau nach dem Amt des Premierministers: Boris Johnson.


Als Favorit gilt Boris Johnson. Dem Wettanbieter Smarkets zufolge stehen die Chancen bei 57 Prozent, dass er zum neuen Parteichef gekürt wird, gefolgt von Außenminister Jeremy Hunt, dessen Wahrscheinlichkeit laut Buchmacher bei 17 Prozent liegt. Schaffen es die beiden unter die letzten zwei? In den vergangenen fünf Jahrzehnten setzte sich nur einmal der Frontrunner durch. Auch bei der ersten Abstimmung am Donnerstag holte er sich die meisten Stimmen.

Boris Johnson meinte einmal, seine Chancen auf den Job des Premierministers stünden in etwa so gut wie jene, "als Olive wiedergeboren" zu werden oder "Elvis Presley lebend auf dem Mars zu finden". Natürlich kokettierte er, niemand will so dringend und unbedingt in die Downing Street wie das "blonde Gift", wie ihn eine Biografin einmal nannte. Dafür ändert Alexander Boris de Pfeffel Johnson auch gerne seine Meinung, je nachdem wie hilfreich welcher Standpunkt für die eigenen Karriereaussichten erscheint. Vor dem EU-Referendum entschied er erst in letzter Minute, dass er dem Brexit-Lager angehören wolle. Johnson wurde dessen Wortführer und trommelte mit einer ganz eigenen Auslegung der Wahrheit, dafür aber äußerst publikumswirksam, für den EU-Austritt.

Nach dem Sieg der Europaskeptiker wurde er vom ehemaligen Vertrauten Michael Gove Shakespeare-reif aus dem Rennen manövriert. Premierministerin Theresa May holte ihn dann als Außenminister ins Kabinett, um ihren scharfen Kritiker so an die kurze Leine zu legen. Der Versuch scheiterte bekanntermaßen. Gerade erst drohte der Hardliner, die für einen EU-Austritt vereinbarten Zahlungen in Höhe von rund 44 Milliarden Euro zurückzuhalten, um mehr Zugeständnisse aus Brüssel zu erreichen. Johnson will mit solchen Äußerungen die frustrierten Europaskeptiker für sich gewinnen, auch wenn der Plan natürlich an der Realität vorbeigeht. Aber Fakten interessieren ihn ohnehin selten, genauso wenig wie Details. Trotz etlicher Pleiten, Pannen und Peinlichkeiten als Chefdiplomat verzeiht ein Teil der Briten dem Klassenclown trotzdem immer wieder. "Boris eben", so der Tenor. Nun will der 54-Jährige offenbar weniger Boris, sondern mehr Johnson sein. Und vor allem ernst machen.

Ist noch Außenminister von Großbritannien: Jeremy Hunt.  SN/APA/AFP/ISABEL INFANTES
Ist noch Außenminister von Großbritannien: Jeremy Hunt.

Jeremy Hunt beerbte Boris Johnson als Chefdiplomat im Außenministerium und steht seinem Nachfolger in nichts nach, wenn es um das berühmte Fähnchen im Wind geht. Vor dem Referendum EU-Freund, tritt er nun als Brexit-Befürworter auf. Mit besonders harschen Aussagen - er verglich die EU bei seiner Parteitagsrede mit der Sowjetunion - will er die Europaskeptiker in den eigenen Reihen überzeugen. Auch sonst möchte er offenbar am erzkonservativen Rand fischen. Am Wochenende verkündete der 52-Jährige, er befürworte eine Änderung des auf der Insel liberalen Abtreibungsgesetzes. In Ausnahmefällen, etwa wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist oder das Kind schwer behindert ist, dürfen in Großbritannien Schwangere innerhalb einer Frist von 24 Wochen legal abtreiben. Das will Hunt ändern - auch wenn man davon ausgehen würde, dass es bereits genügend Männer gibt, die Frauen vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Michael Gove nahm offenbar früher gelegentlich Kokain.  SN/APA/AFP/TOLGA AKMEN
Michael Gove nahm offenbar früher gelegentlich Kokain.

Vor knapp drei Jahren hätte selbst im Land der Zocker niemand auf ein Comeback von Michael Gove gewettet. Im Sommer 2016 wollte der Umweltminister schon einmal in die Downing Street, doch nach filmreifen Intrigen und perfiden Hinterhältigkeiten zog er seine Kandidatur zurück. Nun ist der Brexit-Anhänger, der eine prominente Figur während der Referendumskampagne spielte und danach Theresa May loyal zur Seite stand, wieder da. Vermutlich für nicht lange. Denn nach seiner Beichte, früher bei mehreren Gelegenheiten Kokain geschnupft zu haben, fallen seine Beliebtheitswerte. Trotz unzähliger Entschuldigungen dürfte es das nun endgültig für den 51-Jährigen gewesen sein.

Dominic Raab war einmal Brexit-Minister. SN/AP
Dominic Raab war einmal Brexit-Minister.

Vor Dominic Raab fürchten sich, so heißt es hinter den dicken Mauern von Westminster, sogar viele Abgeordnete in den Reihen der Tories. Das sagt einiges aus. Doch der ehemalige Brexit-Minister, der aus Protest gegen May seinen Job aufgab, gilt als Ideologe beim Thema EU, dazu als nicht gerade detailverliebt. So bleibt etwa unvergessen, dass dem 45-Jährigen erst im Amt als britischer Chefunterhändler klar wurde, wie viele Lastwagen täglich mittels Zügen und Fähren in der Hafenstadt Dover ankommen. Raab klang zwar äußerst beeindruckt vom Ausmaß der Bedeutung des Ärmelkanals für den Handel im Königreich. Das änderte aber keineswegs seine Positionierung als absoluter Hardliner im Brexit-Streit.

Sajid Javid arbeitete bei der Deutschen Bank in London bevor er in die Politik wechselte. SN/APA/AFP/TOLGA AKMEN
Sajid Javid arbeitete bei der Deutschen Bank in London bevor er in die Politik wechselte.

Sajid Javid wurde lange insbesondere in den traditionellen konservativen Kreisen als nächster Premierminister gehandelt, doch mangelndes Charisma könnte für den 49-Jährigen zunehmend zum Problem werden. Der Sohn eines pakistanischstämmigen Busfahrers arbeitete sich im klassenverliebten Königreich seinen Weg nach oben, war erst tätig in einem gut bezahlten Job in der Londoner City bei der Deutschen Bank, bevor er in die Politik wechselte. Angeblich spricht der amtierende Innenminister gerne in der dritten Person von sich. Doch auch wenn sich kaum noch jemand erinnern kann, dass "The Saj" während des Referendums auf der Seite der EU-Befürworter stand und erst danach in die Reihen der Brexiteers wechselte, gilt er im jetzigen Wettbewerb als Außenseiter.

Rory Stewart wuchs in Malaysia und Schottland auf. SN/APA/AFP/TOLGA AKMEN
Rory Stewart wuchs in Malaysia und Schottland auf.

Rory Stewart wird von vielen Experten als vernünftigster Kandidat gehandelt - und habe aus exakt diesem Grund keine Chance auf den Parteivorsitz, wie Kommentatoren einschränken. Der Entwicklungshilfeminister tourte monatelang als Chef-Cheerleader des Austrittsabkommens von Theresa May durch das Land, was ihn für viele Brexit-Anhänger bereits disqualifiziert. Eigentlich EU-Freund, akzeptiert der 46-Jährige das Ergebnis des Referendums, will aber unbedingt einen ungeregelten Austritt ohne Deal vermeiden und stattdessen eine freundschaftliche Scheidung von der Staatengemeinschaft erreichen. Er stieß die Diskussion um die Drogenvergangenheit von Politikern an, nachdem er zugab, einmal bei einer Hochzeit im Iran Opium geraucht zu haben.

Andrea Leadsom hat es wieder nicht geschafft, Premierministerin zu werden.  SN/AP
Andrea Leadsom hat es wieder nicht geschafft, Premierministerin zu werden.


Nicht mehr dabei: Andrea Leadsom war auch bereits einmal da und sogar schon weiter als im weiten Feld der Kandidaten. Vor drei Jahren kam die 56-jährige Brexit-Befürworterin unter die letzten zwei - ihre Widersacherin hieß Theresa May. Nach einem mehr als ungeschickten Interview, in dem sie behauptete, sie wäre für den Posten tauglicher als May, weil sie Mutter sei, zog ein Sturm der Kritik über sie. Leadsom gab ihre Kandidatur auf. Später zeigte sie sich loyal gegenüber May, wurde Sprecherin der Fraktion, trat jedoch im Mai aus Protest gegen Mays Brexitkurs zurück.

Noch ist er der britische Gesundheitsminister: Matt Hancock.  SN/AP
Noch ist er der britische Gesundheitsminister: Matt Hancock.

Matt Hancock dürfte nach Rory Stewart am ehesten den Realitätstest in Sachen Brexit bestehen, was ihn wiederum ebenfalls zum Außenseiter im Rennen um das höchste Amt macht. Eine Scheidung ohne Austrittsabkommen lehnt der Gesundheitsminister ab und gilt auch sonst als smart und kompetent. Doch um diese Eigenschaften geht es auf der Insel in diesem Sommer nicht.

Bevor Esther McVey in die Politik ging, war sie Fernsehmoderatorin.  SN/AP
Bevor Esther McVey in die Politik ging, war sie Fernsehmoderatorin.

Nicht mehr dabei: Esther McVey lancierte ihren Wahlkampf und fand es offenbar eine gute Idee, am Rednerpult das Porträt des Tory-Urgesteins Margaret Thatcher aufzustellen. Sieht sich die 51-Jährige in der Tradition der Eisernen Lady? Viele Ideen hat die ehemalige Arbeitsministerin nicht, nur in einem Punkt ist sie klar: Am 31. Oktober soll das Königreich unter allen Umständen die EU verlassen - ob mit Deal oder ohne.

Mark Harper war bis 2005 Wirtschaftsprüfer.  SN/AP
Mark Harper war bis 2005 Wirtschaftsprüfer.

Nicht mehr dabei: Mark Harper kennt, aufgerundet, im Königreich wohl nur 0,01 Prozent der Bevölkerung. Als größter Außenseiter wurde er von der Fraktion aus dem Rennen gewählt.

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