Weltpolitik

Russland greift trotz Friedensgesprächen weiter Ukraine an

Trotz der laufenden Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine hat Russland am Montag seinen militärische Offensive in der Ukraine fortgesetzt. In der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Charkiw, kam es zu heftigen Angriffen. Der Berater des ukrainischen Innenministers, Anton Heraschtschenko, veröffentlichte zu Mittag ein Video, das mehrere Raketeneinschläge in einem Wohngebiet zeigte.

Bilder der Zerstörung aus der Ukraine.  SN/www.picturedesk.com
Bilder der Zerstörung aus der Ukraine.

"Die ganze Welt sollte diesen Horror sehen", schrieb Heraschtschenko. Es gebe Dutzende Tote und Hunderte Verletzte. Russland dagegen behauptete, die ukrainischen "Nationalisten" würden die von russischen Truppen umstellten Städte selber beschießen.

Aus der Stadt Ochtyrka im Nordosten des Landes soll ein Video stammen, das einen brennenden Öltank zeigt. Veröffentlicht wurde es der ukrainischen Agentur Unian zufolge vom Bürgermeister.

Unterdessen mehrten sich die Anzeichen für einen massiven Ansturm der russischen Armee auf die Hauptstadt Kiew. Wie der US-Nachrichtensender CNN in der Nacht auf Montag berichtete, ist ein "riesiger russischer Militärkonvoi" dorthin unterwegs. Im Norden Kiews versuche die Armee eine Pontonbrücke über den Fluss Irpin zu bauen, schrieb der ukrainische Generalstab. Ein Versuch zur Eroberung der gleichnamigen Stadt sei erfolglos geblieben.

Die Kiewer Stadtverwaltung rief die Menschen dazu auf, nur bei dringender Notwendigkeit ihre Häuser zu verlassen. Straßenkämpfe fänden weiterhin in praktisch allen Bezirken der Stadt statt. Insgesamt sei die Nacht auf Montag verhältnismäßig ruhig verlaufen, abgesehen von einigen Gefechten und Kämpfen mit Sabotage- und Aufklärungsgruppen, hieß es. Die Stadt sei hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich weiter auf ihre Verteidigung vorzubereiten. Sollten die Menschen also das Haus verlassen, sähen sie neue Befestigungen, Panzerfallen und andere Verteidigungsstrukturen.

Der ukrainische Generalstab hatte am Sonntag eingeräumt, dass die Lage "schwierig" sei, weil der russische Beschuss "aus praktisch allen Richtungen" andauere. Konkret wurde etwa auf den Luftwaffenstützpunkt Wassylkiw südlich von Kiew verwiesen, wo weiter erbitterter Widerstand gegen russische Angreifer geleistet werde.

Die Agentur Unian berichtete, dass belarussische Fallschirmjäger den Befehl bekommen hätten, um 5.00 Uhr in die Ukraine zu fliegen. Sie beruft sich dabei auf Informationen von Andrej Strischak von der Nichtregierungsorganisation Bysol (Belarus Solidarity Foundation), die sich für Betroffene von politischen Repressionen in Belarus einsetzt. Der US-General und frühere NATO-Kommandant Wesley Clark sagte in CNN, dass ein Eingreifen belarussischer Soldaten das Problem der Verteidiger Kiews noch verstärken würde. Der belarussische Präsident Lukaschenko hatte nach Angaben von des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj noch am Sonntag versichert, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen.

Nach britischen Angeben hat sich der Vorstoß der russischen Truppen auf Kiew verlangsamt. Das liege an dem starken Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und an logistischen Problemen, teilte das britische Verteidigungsministerium auf Basis von Geheimdienstinformationen mit. Der Großteil der russischen Bodentruppen befinde sich weiterhin rund 30 Kilometer vor Kiew. Auch der strategisch wichtige Flughafen Hostomel werde weiter von ukrainische Soldaten gehalten.

Russische Truppen eroberten unterdessen nach Angaben aus Moskau die ukrainischen Städte Berdjansk und Enerhodar im Südosten des Landes. Sie stünden unter russischer Kontrolle, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montag in Moskau mit. Berdjansk, dessen Einnahme zuvor schon die ukrainische Seite gemeldet hatte, liegt am Asowschen Meer, Enerhodar nordwestlich der umkämpften Stadt Mariupol. Konaschenkows Angaben zufolge hat Russland die Lufthoheit über die gesamte Ukraine erlangt. Dafür gab es von ukrainischer Seite zunächst keine Bestätigung.

Russische Truppen haben nach eigenen Angaben die Kontrolle über das ukrainische Kernkraftwerk in Saporischschja im Süden des Landes übernommen. Es ist das größte Atomkraftwerk Europas. Das Personal kontrolliere und warte die Anlage weiter, teilte Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, am Montag mit. Das staatliche Unternehmen Energoatom dementierte die Darstellung. Es handle sich um eine Falschnachricht. Die Angaben sind nicht unabhängig zu überprüfen.

Das US-Verteidigungsministerium betonte indes, dass die heftige Gegenwehr der Ukrainer den Vormarsch der russischen Armee bremse. "Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Ministeriums am Sonntag (Ortszeit) in einem Briefing für Journalisten. "Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen." Man beobachte zudem "Treibstoff- und Logistikengpässe" der russischen Truppen.

"Nach unserer Einschätzung haben sie nicht mit dem Ausmaß des Widerstands gerechnet, auf den sie stoßen würden", sagte der Regierungsvertreter weiter. Es sei aber davon auszugehen, dass die russischen Streitkräfte sich anpassen und die Herausforderungen bewältigen würden. Nach US-Einschätzung habe der russische Präsident Wladimir Putin erst zwei Drittel seiner für die Invasion an der Grenze zusammengezogene "Kampfkraft" im Einsatz in der Ukraine.

Unterstützung für die Kämpfer in der Ukraine könnte es bald aus Lettland geben. Das Parlament erlaubt Staatsangehörigen, in der Ukraine zu kämpfen. Diese Entscheidung sei einstimmig gefallen, heißt es in einer am Montag verbreiteten Erklärung. "Unsere Bürgerinnen und Bürger, die die Ukraine unterstützen und dort freiwillig zur Verteidigung der Unabhängigkeit der Ukraine und unserer gemeinsamen Sicherheit dienen wollen, müssen dazu in der Lage sein", sagt Juris Rancanis, Vorsitzender der parlamentarischen Kommission für Verteidigung, Inneres und Korruptionsprävention, die den Gesetzentwurf verfasst hat.

Der ukrainische Generalstab gab indes eine neue Bilanz der russischen Verluste bekannt. Seit Beginn des Krieges am Donnerstag soll die russische Seite 4.500 Soldaten verloren haben, hieß es. Außerdem seien Hubschrauber, Panzer und weitere militärische Fahrzeuge zerstört worden. Von unabhängiger Seite ließen sich diese Angaben nicht überprüfen. Auch war unklar, wie sich diese Verluste (in Gefallene, Verwundete und Vermisste) untergliedern. Russland hatte am Sonntag erstmals Todesopfer im Krieg eingeräumt, aber keine Zahlen genannt.

Seit Beginn der Kämpfe wurden nach Angaben der Vereinten Nationen 376 Zivilisten verletzt, 94 davon tödlich. Die Kämpfe hätten "schwere humanitäre Auswirkungen", die Zahl der Opfer könnte deutlich höher sein, heißt es in dem Bericht.

Die ukrainische Regierung bittet unterdessen bei dem auch im Internet ausgetragenen Krieg gegen Russland Hacker um Hilfe. "Wenn Sie Informationen über Schwachstellen in der russischen Cyberabwehr (Bugs, Backdoors, Anmeldeinformationen) besitzen, melden Sie diese bitte", schrieb die staatliche Behörde für Kommunikation und Informationsschutz am Montag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Ukrainische Regierungsvertreter haben sich bereits zuvor an Hacker weltweit gewandt mit der Bitte, bei der Bekämpfung der russischen Invasion zu helfen.

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