Weltpolitik

Russland schickt offenbar Killer nach Europa

Ein ungeklärter Mordfall in Berlin stürzt die deutsch-russischen Beziehungen in eine Krise. Für neuen Wirbel sorgen Berichte, dass russische Spione von einem Stützpunkt in den französischen Alpen zu Operationen in ganz Europa starten.

Schon wieder muss Kremlchef Wladimir Putin schwere Vorwürfe abwehren: Stecken russische Stellen hinter Auftragsmorden im westlichen Europa? SN/AP
Schon wieder muss Kremlchef Wladimir Putin schwere Vorwürfe abwehren: Stecken russische Stellen hinter Auftragsmorden im westlichen Europa?

Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter fordert eine Reaktion der Europäischen Union, falls sich im Fall des in Berlin erschossenen Georgiers ein Mordauftrag Russlands bestätigen sollte. "Dann brauchen wir eine europäische Antwort", sagte Kiesewetter am Donnerstag.

Russland reagiert wie üblich: Man betrachte die von Deutschland angekündigte Ausweisung zweier Mitarbeiter der russischen Botschaft als unbegründeten und unfreundlichen Akt, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung des russischen Außenministeriums. "Ein politisierter Umgang mit Ermittlungsfragen ist nicht zulässig. Wir sind gezwungen, eine Reihe von Gegenmaßnahmen zu setzen."

Berlin hatte zuvor zwei russische Diplomaten des Landes verwiesen - wegen mutmaßlicher Verwicklungen russischer Staatsorgane in den Mordfall im Berliner Tiergarten des Landes.


Kreml-Sprecher Dmitri Peskow dementierte jetzt jede Verbindung der russischen Behörden mit der Tat. "Von ernsthaften Verdächtigungen kann gar nicht die Rede sein", versicherte Peskow gegenüber Journalisten. "Die Anschuldigungen sind absolut unbegründet."


Am 23. August war ein 40 Jahre alter Georgier in einem Park in Berlin-Moabit von hinten erschossen worden. Der mutmaßliche Täter, ein 49 Jahre alter Mann mit russischem Pass, wurde kurz nach der Tat gefasst. Seit seiner Festnahme schweigt er. Der mutmaßliche Auftragsmord hat eine diplomatische Krise zwischen Deutschland und Russland ausgelöst.

Am Dienstag berichteten die Internetagentur"Bellingcat", die Zeitschrift "Der Spiegel" und das russische Rechercheportal "The Insider" gemeinsam, der Täter Vadim Krasikow habe schon 2013 einen nordkaukasischen Geschäftsmann in Moskau erschossen. Krasikow wurde zur Fahndung ausgeschrieben, aber 2015 stellte die russische Polizei diese Fahndung ein. Und laut der internationalen Recherchegruppe verschwanden die Angaben über ihn aus einer zentralen Datenbank des russischen Innenministeriums. Die Beteiligung russischer Staatsorgane werde auch dadurch belegt, dass die russische Seite Deutschland keine Informationen über den Killer lieferte, obwohl sein Foto und seine Fingerabdrücke vorlagen. Und dass Krasikow an einen russischen Reisepass auf den falschen Namen "Vadim Sokolow" gelangen konnte.


Wie schon bei anderen einschlägigen Mordfällen in Westeuropa, etwa der radioaktiven Vergiftung des Putin-Kritikers Alexander Litwinenko 2006 in London oder dem Giftstoffanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal in Salisbury vergangenes Jahr, betrachten die linientreuen Moskauer Medien den Fall vor allem als Propaganda-Angelegenheit. "Es ist eine lautstarke Informationskampagne mit Anschuldigungen an die Adresse Russlands zu erwarten", schreibt die Zeitung "Moskowski Komsomoljez". Und die Staatsagentur RIA Nowosti zitiert den Deutschlandexperten Wladislaw Below mit den Worten, dieSE Affäre führe zweifelsohne zu einer Verschlechterung der Beziehungen nicht nur zu Deutschland, sondern zum kollektiven Westen.

Kritische Stimmen in Moskau fragen dagegen, mit welcher Version sich die russische Staatsmacht diesmal herausreden wolle. "Es ist so gut wie unmöglich, diesen Fall ohne die Teilnahme russischer Sicherheitsdienste zu erklären", sagt Roman Dobrochotow, Chefredakteur des "The Insider" im SN-Gespräch.


Der Duma-Abgeordnete Alexei Tschepa erklärte, der Fall reiche wohl kaum aus, um den am 9. Dezember geplanten Ukraine-Gipfel in Frage zu stellen. Dort sollen sich auch Angela Merkel und Wladimir Putin treffen.


Doch der Wirbel um Russlands Agieren in den Ländern der EU zieht längst schon weitere Kreise. 15 russische Spione haben einem Medienbericht zufolge die französischen Alpen als Stützpunkt für Operationen in ganz Europa genutzt. Die renommierte französische Zeitung "Le Monde" berichtete, die Agenten gehörten einer Eliteeinheit des russischen Militärgeheimdiensts GRU an, die für Auftragsmorde, Sabotageakte und die Verwaltung "toter Briefkästen" zuständig sei.

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