Weltpolitik

Sacharow-Preis geht an irakische Yezidinnen

Der diesjährige Sacharow-Preis des Europaparlaments geht an zwei irakische Yezidinnen, die von der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) verfolgt und versklavt wurden. Der Menschenrechtspreis werde Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar verliehen, beschlossen am Donnerstag in Straßburg die Fraktionschefs und der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz.

Sacharow-Preis geht an irakische Yezidinnen SN/APA (dpa)/Julian Stratenschulte
Nadia Murad Basee wird mit dem Sacharow-Preis geehrt.

Murad und Bashar hätten angesichts der unbeschreiblichen Brutalität ihrer Peiniger "unglaublichen Mut" gezeigt, erklärte der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt. Murad, die als UNO-Sonderbotschafterin auf das Schicksal der religiösen Minderheit der Yeziden aufmerksam macht, war im August 2014 von IS-Kämpfern verschleppt und wiederholt vergewaltigt worden, bis ihr drei Monate später die Flucht nach Deutschland gelang. Sie hatte erst kürzlich auch den Vaclav-Havel-Preis des Europarates erhalten. Die Menschenrechtsaktivistin trage mit ihrem Engagement dazu bei, eine bessere Welt zu schaffen, hieß es damals zur Begründung.

Die 23-Jährige Murad gehört der kurdischsprachigen Minderheit der Yeziden im Irak an, die von der IS-Miliz grausam verfolgt wird. Murad fordert ein internationales Tribunal zu den Verbrechen des IS. Nach ihren Angaben wurden rund 12.000 Yeziden Opfer der Miliz - Männer wurden getötet, Frauen und Mädchen als Sexsklavinnen ausgebeutet.

Lamiya Aji Bashar rief die internationale Gemeinschaft zu Solidarität mit den IS-Opfern auf. "Es ist wichtig, dass die Welt die vom IS gefangen genommenen Frauen und Kinder nicht vergisst", erklärte die junge Frau am Donnerstag in einer Botschaft, welche die deutsch-irakische Hilfsorganisation Air Bridge Iraq (Luftbrücke Irak) übermittelte. "Die Welt wird das Leiden der Yeziden nicht vergessen und sich gegen Brutalität zur Wehr setzen", betonte Aji Bashar. "Ich bin so glücklich über den Preis, den ich im Namen der yezidischen Opfer bekommen habe."

Aji Bashar war im Sommer 2014 - mit nicht einmal 16 Jahren - von IS-Milizionären aus ihrem Dorf im Norden des Irak verschleppt worden. Die Jihadisten behielten die Jugendliche 20 Monate in ihrer Gewalt, sie verkauften sie mehrfach an Männer, die sie vergewaltigten und misshandelten. Erst nach mehreren vergeblichen Fluchtversuchen gelang es Bashar, ihren Peinigern zu entkommen. Heute lebt sie so wie Murad in Baden-Württemberg, wo sie Bleiberecht erhielt.

Josef Weidenholzer, Vizepräsident der sozialdemokratischen Fraktion (S&D), meinte zur Preisvergabe: "Das freut mich außerordentlich und ist ein wichtiges Zeichen, sowohl die Verbrechen an der jesidischen Minderheit, aber auch die unermüdliche und engagierte politische Arbeit der beiden Frauen stärker ins Bewusstsein zu rücken. (...) Die Frauen zeigen unglaublichen Mut und liefern mit ihren Erzählungen wichtige Beweise gegen die Verbrechen von Daesh."

Noch immer seien Tausende yezidische Frauen in den Händen von IS/Daesh. Jene, die befreit werden konnten, seien noch in Flüchtlingscamps im Irak, so Weidenholzer. "Mit der Auszeichnung soll auch politischer Druck erzeugt werden, diese Frauen zu finden und das Töten an den Jesiden als Genozid anzuerkennen."

Die grüne Europaabgeordnete und Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek, kommentierte: "Diese Entscheidung stärkt alle Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Versklavung einsetzen. Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar sind zwei von tausenden jesidischen Frauen und Mädchen, die vom IS verschleppt und sexuell versklavt worden sind. Die beiden konnten aus der Gefangenschaft entkommen und widmen sich seither unermüdlich und unerschrocken dem Kampf gegen diese Verbrechen. Damit geben sie allen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, eine Stimme."

Der nach dem verstorbenen russischen Dissidenten und Physiker Andrej Sacharow benannte und mit 50.000 Euro dotierte Preis wird vom Europaparlament seit 1988 an Persönlichkeiten oder Organisationen verliehen, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzen. Im vergangenen Jahr hatte der zu Haft und Peitschenhieben verurteilte saudi-arabische Blogger Raif Badawi die Auszeichnung erhalten. Verliehen wird der Preis am 14. Dezember.

Quelle: Apa/Ag.

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