Weltpolitik

Saudis Kronprinz wankt nicht

Vor allem die Jungen sehen in Mohammed bin Salman ihre Hoffnung. Der mord an Dschamal Khashoggi spielt kaum eine Rolle.

Kronprinz Mohammed bin Salman sitzt fest im Sattel. SN/APA/AFP/Saudi Royal Palace/BANDAR AL-JALOUD
Kronprinz Mohammed bin Salman sitzt fest im Sattel.

Die Geschichtsbücher in Saudi-Arabien erzählen ihre eigene Sicht der Dinge. Kaum jemand außerhalb des erzkonservativen Königreichs erinnert sich daran, wie König Faisal 1945 die UN-Charta unterzeichnet hat und neben ihm am Tisch der weise Jedi-Meister Yoda saß. Als das manipulierte Schwarz-Weiß-Foto irgendwie seinen Weg in die saudischen Schulbücher fand, sorgte das für Aufregung. Und dem Künstler Shaweesh brachte es schlaflose Nächte, denn wenn es um das Königshaus geht, verstehen die Behörden keinen Spaß.

"Es ist nicht meine Art, zu schockieren", sagt der 28-jährige Künstler mit dem wirren Vollbart und dem hochgesteckten Zopf. "Wenn Du Menschen schockierst, dann schlagen sie irgendwann zurück." Eigentlich wollte er nur die Geschichte seines Landes mit dem kleinen grünen Filmhelden seiner Kindheit verbinden. Das Bild ist Teil einer Serie. Der Künstler will die Generationen verbinden.

Die Regale seines Ateliers sind vollgestopft mit Kindheitserinnerungen, die er sich im Internet bestellt hat: Rennwagen, Wasserpistolen und Ninja-Turtles-Actionfiguren. "Du kannst hier im Land alles machen, was Du willst", sagt Shaweesh. "Solange Du Dich von Ärger fernhältst."

Saudi-Arabiens junge Generation hat gelernt, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Als sie geboren wurden, hatten die extrem religiösen Kleriker und Prediger das Land schon auf einen konservativen Weg gebracht. Die jungen Menschen wuchsen ohne Kinos auf, ohne Frauen am Steuer und mit strengen Kleidungsvorschriften.

Der gerade einmal 33 Jahre alte Kronprinz Mohammed bin Salman äußerte sich vor einiger Zeit in einem Interview des britischen "Guardian" kritisch über die Vergangenheit. Der ultra-konservative Staat der letzten 30 Jahre sei "nicht normal" gewesen. Im Ausland steht der impulsive Thronfolger, den viele nur als "MBS" bezeichnen, wegen seines Auftretens, seiner aggressiven Außenpolitik im Jemen und seiner Verstrickung in den Mord des Journalisten Dschamal Khashoggi in der Kritik.

Am Mittwoch entlud sich erneut eine Welle der Empörung, weil der Streaming-Dienst Netflix eine saudi-kritische Sendung auf Druck der Führung Riads aus seinem Angebot für den Wüstenstaat nahm. Doch in Saudi-Arabien stehen laut einer Umfrage der Kommunikationsagentur Burson-Marsteller 90 Prozent hinter Kronprinz Mohammed.

"Er ist einer von uns, er weiß, wie wir ticken", sagt die 22-jährige Farah al Kuwailit. Sie arbeitet in einem Co-Working-Space in der Hauptstadt Riad. Ihr Kopftuch liegt nur wie ein dünnes Tuch über dem Kopf und rutscht immer wieder auf die Schultern, wenn sie durch die Räume geht. Junge Männer und Frauen arbeiten hier an Projekten und diskutieren innovative Unternehmensideen. An den meisten öffentlichen Orten und auch noch in vielen Firmen herrscht strikte Geschlechtertrennung. Es gibt eigene Eingänge für Frauen und Männer.

"In den letzten zwei bis drei Jahren ist das deutlich lockerer geworden", erzählt Farah. Vieles vor allem Tradition, sagt sie mit Blick auf die vielen vollverschleierten Frauen in der Stadt. "Es braucht jemanden, der das anstößt und den Familien den Weg bereitet", erzählt sie euphorisch. "Das ist der Kronprinz."

Dabei begannen die Entwicklungen bereits, lange bevor Mohammed bin Salman im vergangenen Jahr zum Kronprinzen ernannt wurde. Schon vor mehr als zehn Jahren hatte der damalige König Abdullah bin Abdelasis al-Saud ein Stipendienprogramm für die immer größer werdende Gruppe der Jungen eingeführt. Mehr als 200.000 junge Saudis haben so im Ausland studiert - und verpflichteten sich, anschließend zunächst im Königreich zu arbeiten. Neue Ideen hielten massenhaft Einzug.

Politikwissenschaftler Mansur al Marsuki sieht darin auch einen Grund, warum so viele junge Menschen hinter dem Kronprinzen stehen. "Im alten Regime herrschte Vetternwirtschaft, in der Wirtschaft gab es klare Monopole", sagt der Wissenschaftler vom staatlichen Zentrum für strategische Studien. Als der Kronprinz im vergangenen Jahr zahlreiche Prinzen und hohe Wirtschaftsbosse im Luxushotel Ritz Carlton festsetzen ließ, da sei dies ein Zeichen gewesen, dass die Zeit der Korruption vorbei sei, meint Al Marsuki.

Das wichtigste Thema für die Jugend seien Jobs und Entertainment, sagt der Analyst. Mit der sogenannten "Vision 2030", die eine Öffnung des Königreichs und einen Wandel der Wirtschaft weg vom Öl forcieren will, habe der Kronprinz genau diese wichtigen Themen aufgegriffen. Kinos wurden eröffnet, Frauen durften Auto fahren und internationale Stars wie die Black Eyed Peas und Enrique Iglesias Konzerte geben - vor einem gemischten Publikum.

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