Weltpolitik

Serbischer Bürgermeister für Völkermord-Stadt Srebrenica

21 Jahre nach dem Völkermord an Tausenden Bosniaken hat die ostbosnische Stadt Srebrenica erstmals einen serbischen Bürgermeister gewählt. Dragan Grujicic setzte sich bei der Kommunalwahl am Sonntag mit klarer Mehrheit gegen den bosniakischen Amtsinhaber Camil Durakovic durch. Grujicic erhielt nach Auszählung von 23 der 27 Wahllokale 70,22 Prozent der Stimmen, Durakovic 29,55 Prozent.

Obwohl am Dienstag noch rund 15 Prozent der Stimmen auszuzählen waren, ist Grujicic der Sieg nicht mehr zu nehmen. Srebrenica gilt als Symbol für die Gräuel des bosnischen Bürgerkrieges. Im Juli 1995 wurde die zuvor von UNO-Truppen gesicherte Bosniaken-Enklave von bosnisch-serbischen Truppen eingenommen, die daraufhin etwa 8.000 Buben und Männer ermordeten. Das vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Völkermord eingestufte Verbrechen gilt als schwerstes Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges wurde Srebrenica in die bosnische Serbenrepublik eingegliedert, behielt aber einen bosniakischen Bürgermeister. Viele Bosniaken sehen die nunmehrige Wahl eines Serben zum Stadtoberhaupt als endgültige Bestätigung der ethnischen Säuberungen im Bürgerkrieg.

Wegen des sich abzeichnenden Wahlsieges des Einheitskandidaten der bosnisch-serbischen Parteien wuchs in den vergangenen Tagen die Spannung in Srebrenica. Grujicic und seine Familie hätten in der Nacht auf Dienstag Drohungen per SMS erhalten, berichtete der bosnisch-serbische Fernsehsender RTRS.

Grujicic war im Wahlkampf auch von serbischen Ultranationalisten, allen voran Vojislav Seselj, unterstützt worden. In der Wahlnacht versuchte der Bürgermeisterkandidat aber, versöhnliche Töne anzustimmen. So versicherte er, dass auch unter seiner Ägide die alljährliche Gedenkfeier für die Massakeropfer in der Gedenkstätte Potocari bei Srebrenica begangen werde. Tausende Menschen aus ganz Bosnien nehmen jeweils 11. Juli an der Gedenkfeier teil, bei der jeweils auch weitere aus Massengräbern exhumierte Opfer der Gräueltat beigesetzt werden.

Im Gemeinderat von Srebrenica wird der Bund der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) des bosnisch-serbischen Präsidenten Milorad Dodik die meisten Sitze haben, gefolgt von der bosniakischen Partei der Demokratischen Aktion (SDS) von Bakir Izetbegovic.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.09.2018 um 12:54 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/serbischer-buergermeister-fuer-voelkermord-stadt-srebrenica-1006783

Schlagzeilen