Sie greifen nach den Sternen

Die Fünf-Sterne-Bewegung liegt in den Umfragen deutlich vorn. Regieren kann sie in Italien nur, wenn sie vom Nein zu einer Koalition mit anderen Parteien abrückt.

SN/AP
Beppe Grillo mit Spitzenkandidat Luigi Di Maio (2. und 3. v.l.).

Luigi Di Maio traut sich etwas zu. Der 31-jährige, stets sehr amtsoffiziell gekleidete Süditaliener möchte nach der Wahl am 4. März Premier werden. Der zweifache Studienabbrecher ohne Berufs- und Verwaltungserfahrung, Vizepräsident der Deputiertenkammer, ist "Capo politico", also Chef der vom Komiker Beppe Grillo gegründeten Fünf-Sterne-Bewegung (M5S).

Diese populistische Bewegung wird mit einiger Wahrscheinlichkeit die Nummer eins bei den Wahlen, aber nicht mit einer ausreichenden Stärke zur alleinigen Regierungsbildung. Würde sie weiterhin im Bewusstsein ihrer Überlegenheit jegliche Kontamination mit anderen Gruppierungen ablehnen, würde es nichts mit Di Maios Ambitionen. Die Frage also: Sind die "Grillini" bereit und in der Lage, von ihrem hohen Thron herabzusteigen und zu einer normalen politischen Gruppierung zu werden?

Seinen Zulauf verdankt der Movimento Cinque Stelle (M5S) vor allem der Enttäuschung vieler Wähler über Rechts wie Links sowie über die mangelnde Reformfähigkeit des politischen Systems in Italien. Daraus erwachsen hohe Ansprüche und Erwartungen, die man leicht in Reden und Papieren darstellen, in der Tagesrealität aber schwer verwirklichen kann.

Jedenfalls: Dort, wo die Cinque Stelle bislang regieren, nicht nur in Städten wie Rom und Turin, sind die Ergebnisse manchmal niederschmetternd und im Kontrast zu den hehren Prinzipien. Doch die Wähler zeigen - bis jetzt noch - Langmut mit ihren Hoffnungsträgern, die in Umfragen landesweit mit 28 Prozent notiert werden.

Wenn Mandatsträger ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Parteien nicht ganz ernst nehmen, können sie mit Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit rechnen - nicht so bei den Cinque Stelle. Diese haben sich verpflichtet, einen erheblichen Teil ihrer Diäten in einen Fonds für kleine und mittlere Unternehmen einzuzahlen. Nun kam auf, dass gut ein Dutzend von M5S-Parlamentariern viel zu wenig abgegeben, nicht nur ein bisschen gemogelt, sondern zum Teil raffiniert gelogen und betrogen hat. Um den Imageschaden zu begrenzen, wurden zwölf Politiker, nicht nur Hinterbänkler, aus der Bewegung ausgeschlossen. Da sie für die Wahlen am kommenden Sonntag auf aussichtsreichen Plätzen der amtlichen Kandidatenlisten stehen, werden die meisten von ihnen ohne Parteizugehörigkeit (wieder) ins Parlament einziehen.

"Ich bin niemals rechts oder links gewesen", sagt Luigi Di Maio, der auf Wähler von allen Seiten hofft und mit seinem vornehmen Auftreten bei Kirche, Unternehmern und sogar in der Londoner City um Vertrauen wirbt. Er ist vorsichtig etwa mit Äußerungen über den Anschlag auf Afrikaner in Macerata Anfang des Monats, etwas weniger vorsichtig schon beim Thema Migranten, für die so viel neues Personal eingestellt werden soll, damit die "Prozeduren zur Repatriierung klar und schnell" gemacht werden können.

Beppe Grillo, der ins zweite Glied zurückgetreten ist, hat wenig Bedenken gegen eine harte Haltung in der Flüchtlingsfrage. Er hatte auch keine Bedenken, Casa Pound, die "Faschisten des dritten Jahrtausends", zur Zusammenarbeit einzuladen. Roberta Lombardi, die Spitzenkandidatin in der Region Latium, die rüde für "mehr Touristen, weniger Flüchtlinge" wirbt, hat schon einmal laut über einige Vorteile des Faschismus schwadroniert.

Die Fünf-Sterne-Bewegung hat bereits Unterschriften für ein Referendum zum Austritt aus dem Euro gesammelt; vor nicht langer Zeit hat ihr Spitzenkandidat Di Maio erklärt, er würde für Ja stimmen; jetzt wurde das Referendum - erst einmal? - fallen gelassen. Im kritischen Verhältnis zu Europa gibt es Schnittmengen mit der nach rechts außen abgeglittenen Lega - wie auch bei den Migrationsfragen. Das hat schon zu von beiden Seiten zurückgewiesenen Spekulationen über eine Koalition der beiden Gruppen geführt.

Luigi Di Maio hat aus namhaften, auch parteilich nicht gebundenen Personen eine Kabinettsliste aufgestellt, mit der er den Staatspräsidenten Sergio Mattarella so beeindrucken will, dass der ihm den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt. Im Parlament hofft der Cinque-Stelle-Kandidat auf Stimmen von solchen, die Übereinstimmungen sehen und mitmachen würden.

Von einer Koalition will er aber nicht reden - jedenfalls noch nicht. Da müsste er vorher noch die Mehrheit seiner bockigen, stolz isolierten Bewegung umdrehen.

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