Weltpolitik

Soldaten und Zivilisten begutachten zerstörtes Aleppo

Nach der vollständigen Einnahme von Aleppo durch die syrische Armee sind Regierungssoldaten und Zivilisten nach und nach in die zerstörten Viertel der Metropole zurückgekehrt. Soldaten begutachteten am Freitag die ehemaligen Rebellenviertel Sukkari, Sebdiye und al-Mashad. Kreml-Chef Präsident Wladimir Putin gratulierte dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad telefonisch zur "Befreiung" der Stadt.

Teile der Stadt sind komplett zerbombt.  SN/APA (AFP)/GEORGE OURFALIAN
Teile der Stadt sind komplett zerbombt.

Die Soldaten suchten nach versteckten Sprengsätzen und untersuchten Wohnhäuser, bevor Zivilisten dorthin zurückkehrten, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Im schwer zerstörten Bezirk Bustan al-Kasr nahe der berühmten Altstadt von Aleppo schafften Bagger Trümmerteile weg.

In den Vierteln waren dick eingepackte Bewohner von Aleppo zu sehen, die bei winterlichen Temperaturen auf dem Weg zu ihren früheren Häusern waren. "Ich bin gekommen, um mir mein Haus anzuschauen", sagte der Bewohner Khaled al-Masri, "ich war fünf Jahre nicht dort". Die Bewohnerin Umm Abdo fand ihre einstige Bleibe in Trümmern vor. "Es ist nichts mehr übrig", sagte sie. "Aber Häuser kann man wieder aufbauen."

Die syrischen Truppen hatten mit ausländischer Unterstützung Mitte November eine Großoffensive auf das umkämpfte Aleppo gestartet. Sie eroberten rasch einen Stadtteil nach dem anderen von den Rebellen zurück. In einer groß angelegten Evakuierungsaktion verließen rund 35.000 Menschen den Osten der Stadt. Am Donnerstag verkündete die syrische Führung, Aleppo sei wieder vollständig unter Regierungskontrolle.

Putin gratulierte Assad in einem Telefonat "zum Ende der Operationen zur Befreiung Aleppos", wie der Kreml mitteilte. Nun müsse es um eine "friedliche Beilegung" des Konfliktes gehen. Schon zuvor hatte Putin die Rückeroberung von Aleppo als einen "sehr wichtigen" Schritt auf dem Weg zu einer "Normalisierung in Syrien" bezeichnet. Nach Angaben des Kreml ordnete Putin die Entsendung russischer Militärpolizisten nach Aleppo an. Ein Bataillon Militärpolizisten soll in der ehemaligen Millionenstadt für Ordnung sorgen, sagte Verteidigungsminister Sergej Schoigu.

Putin bezeichnete die umstrittene Rückeroberung Aleppos als "die größte humanitäre internationale Rettungsaktion der Neuzeit". 100.000 Menschen seien aus der jahrelang umkämpften Stadt gebracht worden, sagte er bei seiner Jahrespressekonferenz in Moskau. Syrien brauche jetzt überall im Land Waffenstillstände, auf denen dann eine politische Lösung aufbauen könne, sagte der Kremlchef.

Die libanesische Hisbollah-Miliz, die die syrischen Regierungstruppen unterstützt hatte, erklärte am Freitag alle Bestrebungen, Assad zu stürzen, für gescheitert. Der Chef der schiitischen Miliz, Hassan Nasrallah, bezeichnete die Offensive in Ost-Aleppo in einer Fernsehansprache als "einen der härtesten Kämpfe, die die Region seit Jahren gesehen hat".

Die US-Regierung setzte unterdessen sechs weitere syrische Minister auf ihre Sanktionsliste. Auch gegen die syrische Fluggesellschaft Cham Wings, die ausländische Kämpfer nach Syrien geflogen haben soll, wurden Sanktionen verhängt, wie das US-Finanzministerium mitteilte.

Die bewaffneten Aufständischen kontrollierten weiterhin Gebiete am Stadtrand westlich von Aleppo und nutzten diese nach Angaben der Beobachtungsstelle als Ausgangspunkt zum Abschuss von Raketen. Dabei seien mindestens zwei Zivilisten getötet worden. Bei Raketenangriffen auf den Stadtteil Al-Hamdaniyeh wurden zudem zwei Zivilisten getötet und sieben weitere verletzt, wie die staatliche Agentur Sana meldete.

Nach der Rückeroberung Aleppos konzentriert sich das Kampfgeschehen auf die nahegelegene Islamistenhochburg Al-Bab. Dort wird die syrische Armee von türkischen Truppen unterstützt. Bei türkischen Luftangriffen auf Al-Bab wurden oppositionsnahen Menschenrechtlern zufolge seit Donnerstag mindestens 88 Zivilisten getötet, davon 16 am Freitag. Al-Bab sichert den Weg zur Verwaltungszentrale des IS-Kalifats, Al-Raqqa. Die Türkei hat sich in jüngster Zeit zunehmend Russland und dem Iran angenähert, obwohl sie den Sturz des mit diesen verbündeten Assad-Regimes will. Oberste Priorität hat für Ankara aber die Eindämmung des kurdischen Machtbereichs im Nachbarland.

Seit Beginn des Syrien-Krieges vor fast sechs Jahren wurden bereits über 310.000 Menschen getötet. Der Konflikt hatte Anfang 2011 mit regierungskritischen Protesten begonnen, die von der Führung niedergeschlagen wurden. Daraufhin griffen die Aufständischen zu den Waffen. Im vergangenen Jahr trat Russland an der Seite Syriens in den Konflikt ein und verschaffte Damaskus damit einen enormen Auftrieb.

Quelle: Apa/Ag.

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