Aufstand gegen die Autokraten

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Standpunkt Helmut L. Müller

Der Despot ist endlich gestürzt worden. Doch das ist nur ein halber Sieg, solange nicht auch das System demontiert ist, an dessen Spitze Sudans Machthaber Omar al-Baschir drei Jahrzehnte lang geherrscht hat. Es spricht für das politische Gespür der Menschen in dem arabisch-afrikanischen Land, dass sie den hehren Erklärungen des Militärs nicht trauen, binnen zwei Jahren eine zivile Regierung einzusetzen und politische Reformen in Gang zu bringen.

Der neue starke Mann in Khartum hieß nur 24 Stunden lang Ahmed Awad Ibn Auf. Der langjährige und enge Vertraute des abgesetzten al-Baschir kündigte Freitagabend seinen Rücktritt an, der Militärrat will aber an der Macht bleiben. Ibn Auf hat mitgewirkt bei al-Baschirs Feldzug in der Provinz Darfur und war damit auch an den Kriegsverbrechen beteiligt, die den sudanesischen Diktator auf die Anklagebank bringen müssen. Es ist also kein Zufall, dass das Regime die Auslieferung des mit internationalem Haftbefehl gesuchten al-Baschir verweigert.

Ähnliches ist zuvor in Algerien geschehen. Auch dort haben monatelange Proteste der Bürger den Langzeitpräsidenten Abdelaziz Bouteflika endlich von der Macht gedrängt. Aber auch hier gehen die Demonstrationen weiter, weil die Menschen befürchten, dass sich trotz aller Absichtserklärungen nichts ändern wird am Regieren einer korrupten Elite.

Man könnte von einer zweiten Welle des arabischen Aufstands sprechen, der 2011 despotische Herrscher reihenweise aus dem Amt gejagt hat, von Tunis bis Kairo, von Tripolis bis Sanaa. Nur in Tunesien ist die Transition zu einer Demokratie einigermaßen gelungen. In Ägypten aber ist die Autokratie heute schlimmer denn je. Von den Kriegsländern Libyen, Syrien und Jemen gar nicht zu reden. Knapp ein Jahrzehnt später hat offenbar eine junge, gut ausgebildete, aber perspektivlose Generation neuerlich eine "Revolution der Würde" begonnen.

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