Trumps tägliche Desinformation kostet Menschenleben

Inmitten einer tödlichen Pandemie müssen US-amerikanische Journalisten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, nach Wahrheit zu streben statt Desinformation unbewusst zu verbreiten.

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Standpunkt Thomas Spang

Täglich um 17 Uhr schlägt für die Zuschauer der US-amerikanischen Nachrichtenkanäle die Stunde, ihre geistigen Schutzmasken anzulegen. Denn kurz darauf tritt einer vor die Kameras, der mit der Autorität des Präsidentenamts toxische Dinge verbreite. Sprichwörtlich.

Am Freitag sah sich der Hersteller eines Desinfektionsmittels dazu genötigt, dringend davon abzuraten, seine Produkte zu schlucken oder injizieren, nachdem Donald Trump bei seinem jüngsten Auftritt vor den Kameras laut darüber nachgedacht hatte.

Während die Reporter im Weißen Haus längst sozialen Abstand halten, schützen Amerikas TV-Sender ihre Zuschauer nicht vor der Ansteckungsgefahr, die von dem Virus der Desinformation ausgehen. Ungefiltert übertragen sie seit Wochen die zweistündige Corona-Show Trumps, deren kleinstes Problem die narzisstische Selbstdarstellung des Präsidenten ist.

Dieser versucht sich in der Pandemie wahlweise in der Rolle des Kriegspräsidenten, Medienkritikers und Cheerleaders. Und entpuppt sich dabei als ein in der Krise überforderter Reality-TV-Entertainer. Sein Anspruch auf "totale Autorität" löst Empörung, aber keine echte Besorgnis aus. Ein Führer, der nicht einmal Watte-Stäbchen für Corona-Test-Kits beschaffen kann, überzeugt nicht als Autokrat.

Jeder halbwegs aufmerksame Zuschauer ahnt, dass Trump seine Corona-Show benutzt, Nebelkerzen zu zünden, die den Blick vom Versagen seiner Regierung in der Jahrhundertkrise ablenken sollen.

Dass die Medien dagegen immer noch keine Immunität aufgebaut haben, und ihre kostbare Sendezeit und Druckspalten dafür hergeben, ist tragisch. Als geradewegs tödlich könnte sich die ungefilterte Wiedergabe von Desinformationen über die Pandemie selbst erweisen.

Dutzende Male promotete Trump über den Rat seiner eigenen Experten hinweg ein Malaria-Medikament als Wundermittel gegen den Virus. Nun liefert eine Studie unter Kriegsveteranen den Nachweis, dass Trumps Wunderpille nicht nur keinen Nutzen hat, sondern die Sterblichkeit erhöht.

Anders als Trumps-Lieblingssender Fox ist der US-Präsident gegen Klagen von Angehörigen der Opfer geschützt. Weshalb er ungestraft seine Experten unterminieren, zum Widerstand gegen Schutzmaßnahmen in hart von Corona betroffenen Bundesstaaten aufstacheln und verantwortlich Handelnde zu Sündenböcken machen kann.

Die Starmoderatorin auf MSNBC Rachel Maddow appelliert an die Verantwortlichen in den Medien, auf Abstand zu dem "Super-Spreader" im Weißen Haus zu gehen. Alle Sender sollten aufhören, Trumps "Corona"-Show live zu übertragen, weil dies Menschenleben koste.

Inmitten einer tödlichen Pandemie müssen Journalisten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, nach Wahrheit zu streben statt Desinformation unbewusst zu verbreiten. Der Kolumnist Charles Blow hat recht, wenn er in der "New York Times" fordert, die Lügen, Hetze und Agitation dieses politischen Horror-Clowns nicht zu verstärken.

Die tägliche Live-Übertragung hat genauso wenig mit Journalismus zu tun, wie die Wiedergabe von Desinformationen im geschriebenen Wort. Eine Nachricht verdient, was anders ist. Dieses Kriterium erfüllen die Corona-Shows Trumps schon lange nicht mehr.

Aufgerufen am 28.11.2020 um 08:16 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/standpunkt-trumps-taegliche-desinformation-kostet-menschenleben-86684137

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