Weltpolitik

Sudan: Ein Jahr nach der Revolution

Der Langzeitherrscher im Gefängnis. Eine Übergangsregierung im Amt. Der Sudan hat eine für Afrika seltene Erfolgsgeschichte.

Vor allem die Frauen trugen die Revolution im Sudan. SN/APA/AFP/AHMED MUSTAFA
Vor allem die Frauen trugen die Revolution im Sudan.

Vor einem Jahr besetzten Abertausende Sudanesen den Platz vor dem Armee-Hauptquartier in der Hauptstadt Khartum. Die junge Studentin Alaa Salah, die zum Symbol der Protestbewegung wurde, stand auf einem Autodach und rief Parolen. Künstler bemalten die Mauern, Wände und Straßen der sudanesischen Hauptstadt. Professoren, Lehrer, Ärzte - alle gingen sie auf die Straße. Doch es waren vor allem die Frauen, die in dem muslimischen Land die Revolution trugen. Das Land brodelte.

Dann passierte das Unmögliche: Präsident Omar al Bashir wurde am 11. April nach fast 30 Jahren an der Macht vom Militär gestürzt. Es war der Arabische Frühling 2.0.

Ein Jahr später herrscht in Khartum eine andere Stimmung. Schulen und Universitäten sind geschlossen. Feierlichkeiten zur Revolution finden im kleinen Rahmen und in den sozialen Medien statt. In den Wohnvierteln ertönen abends Gesänge über den einstöckigen Häusern. Hier und da stehen Menschen auf den Dächern der Gebäude, schwingen die Flagge Sudans und singen die Nationalhymne.

Denn das Coronavirus hat auch den Sudan erreicht. Politisch ist es zwar relativ ruhig, aber die Lage ist immer noch fragil und wirtschaftlich liegt das Land nach wie vor am Boden.

Die Bedeutung des Sudan für die Region und auch Europa ist kaum zu überschätzen. Das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas mit 42 Millionen Bürgern ist die Brücke zwischen der afrikanischen und arabischen Welt. Es ist eines der wichtigsten Transitländer für Migranten in Afrika - viele der Menschen, die an Europas Küsten ankommen, sind durch die Wüsten des Sudan gereist.

Verbessern sich die Bedingungen, könnte der Staat viele Investitionsmöglichkeiten bieten, vor allem für europäische Unternehmen. Ist der Sudan stabil, sorgt er auch für Stabilität in der Region. Doch rutscht der Sudan ab, könne dies verheerende Folgen haben, sagt Philipp Jahn, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung im Sudan. Dann müsse Europa "statt Investitionen Geld aufbringen", um ein völliges Chaos in der Region zu verhindern. Ägypten, Libyen, Äthiopien, der Tschad - so heißen die Nachbarn.

Die Proteste in Khartum Begannen Ende 2018. Ausgelöst wurden sie durch eine schwere Wirtschaftskrise - und diese dauert immer noch an. Langzeit-Herrscher Omar al Baschir wird mit Internationalem Haftbefehl vom UN-Strafgerichtshof in Den Haag wegen des Verdachts von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in der Provinz Darfur gesucht. Jahrelang waren gegen den Sudan Sanktionen in Kraft. Das Land wurde zum Paria.

Dann gingen mit der Abspaltung des Südsudan 2011 auch noch die meisten Ölfelder verloren. Die Produktivität ist niedrig und die Wirtschaft stark auf Subventionen angewiesen.

Politisch wenigstens scheint die Lage nicht schlecht. Nach dem Sturz des zuletzt islamisch orientierten Omar al Baschir im April 2019 und einem Massaker an Demonstranten im Juni 2019 konnten sich die Streitkräfte und die zivile Oppositionsbewegung doch auf eine Übergangsregierung und einen gemeinsamen Souveränen Rat einigen - schon das galt als großer Erfolg.

Die Regierung hat bisher aus Sicht vieler Sudanesen einiges richtig gemacht: Sie hat politische und religiöse Freiheiten durchgesetzt, ist gegen Vertreter des alten Regimes vorgegangen und hat die Partei von Al Baschir aufgelöst. Außerdem wurde der Ex-Präsident wegen Korruption verurteilt.

Doch die Regierung hat desolate Institutionen übernommen und kommt bei Reformen nur langsam voran. Im März entkam Regierungschef Abdullah Hamduk einem Attentat. Die Konstruktion aus Zivilisten, Militärs, Vertretern der Sicherheitsdienste und der berüchtigten paramilitärischen Schnellen Einsatztruppen (RSF) hält derzeit, aber das liegt nach Ansicht von Beobachtern vor allem daran, dass es niemanden gibt, "der im Augenblick diesen Staat übernehmen will".

Und nun auch noch die Corona-Pandemie. Das Risiko ist groß, dass eine katastrophale Verbreitung die Legitimität der Übergangsregierung kippen lässt.

Quelle: SN, Dpa

Aufgerufen am 04.12.2020 um 10:24 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/sudan-ein-jahr-nach-der-revolution-86016397

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