Weltpolitik

Syrien: "Das war eine Kopfnuss. Mehr nicht."

Wie beurteilen Menschen in Syrien den Angriff? Wir haben einen Kriegsfotografen aus Damaskus gefragt.

Die syrische Hauptstadt Damaskus wurde am Wochenende von den USA, Frankreich und Großbritannien angegriffen.  SN/AP
Die syrische Hauptstadt Damaskus wurde am Wochenende von den USA, Frankreich und Großbritannien angegriffen.

Rami Alsayed lag im Bett, als in der Nacht auf Samstag Marschflugkörper den Nachthimmel durchschnitten und die Erde bebte. Der 35-Jährige ist Syrer, lebt in Jarmuk, nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus, und fotografiert für die Nachrichtenagentur AFP.

Wie haben Sie die Nacht von Freitag auf Samstag erlebt? Rami Alsayed: Wir alle sind inzwischen an Kriegslärm gewöhnt. Wir wissen, wie sich Explosionen anhören. Aber dieses Mal waren sie lauter, anders. Ich bin sofort aufgestanden, habe mein Handy geschnappt und bin in der Nähe auf ein sechsstöckiges Gebäude geklettert, aufs Dach. Ich habe die Explosionen gefilmt und alles direkt auf Facebook gestellt.

Was denken Menschen in Syrien über den Angriff? Ich lebe in der letzten Enklave von Oppositionellen im Großraum Damaskus. Wir hatten einen Schlag gegen das syrische Regime erwartet, eine Strafe für Baschar al-Assad. Aber das war es nicht. Es war wie eine Kopfnuss für ein Kind. "Keine Panik, du kannst weitermachen." Das war die Botschaft. "Mach weiter, aber ohne chemische Waffen." Mehr nicht. Viele sagen, dass Amerika lügt und es für die USA egal ist, wann und ob das Abschlachten hier ein Ende hat. Assads Unterstützer haben gefeiert. Es war nur ein kleiner Angriff und die Chemiewaffen-Lager wurden vorher geleert.

Wie können Sie das wissen? Kein syrischer Soldat wurde getötet. Ist es denkbar, dass ein so sensibler Standort wie ein Chemiewaffen-Lager nicht bewacht ist? Nein. Nur, wenn die Soldaten vorher gewarnt waren und die Vorräte eben woanders versteckt wurden.

Auf welche Art von Reaktion hatten Sie gehofft? Ich hatte gehofft, dass Flughäfen und Waffendepots des Regimes angegriffen würden. Und dass auch Russland etwas abbekommen würde. Wir hatten auf eine Aktion gehofft, die das Regime und seine Verbündeten schwächen würde.

Mit dem Risiko, dass der Konflikt dann noch viel größer würde, als er schon ist. Das Leben hier mit den Bomben des Regimes und der Russen ist die Hölle. Werde ich sterben, weil eine Bombe vom Himmel fällt? Oder weil ich Giftgas einatme? Es gibt keine richtige oder falsche Art, zu töten. Für mich sind alle falsch. Ich habe den Tod von Hunderten Menschen dokumentiert. Die Welt schaut zu. Sie will unser Leid nicht beenden und nimmt hin, dass Assad an der Macht bleibt. Sie schützt einen Mörder.

Das syrische Regime schafft gerade ein zusammenhängendes Gebiet, das es wieder unter Kontrolle hat. Die letzten oppositionellen Enklaven werden angegriffen. Was werden Sie tun? Das hier ist der letzte Fleck im Großraum Damaskus, der von Rebellen kontrolliert wird, es sind allerdings auch Kämpfer vom "Islamischen Staat" darunter. Sie alle werden von Russland vor die Wahl gestellt: "Entweder es fallen Bomben oder ihr setzt euch in die Busse und wir bringen euch Richtung Norden, an die türkische Grenze in die Provinz Idlib." Ich denke, es wird nicht mehr sehr lang dauern, bis sie uns holen.

Aufgerufen am 23.04.2018 um 08:03 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/syrien-das-war-eine-kopfnuss-mehr-nicht-26720131

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