Weltpolitik

Syrien vom Graffiti zum politischen Supergau

Seit sechs Jahren berichten die Medien aus Syrien. Doch sie berufen sich meist auf Augenzeugen oder involvierten Parteien. Petra Ramsauer gehört zu den wenigen internationalen Journalisten, die sich in das Kriegsgebiet wagten. Ihre Recherchen in Syrien und den Grenzregionen von 2012 bis 2016 schrieb sie nieder. Ihr Buch "Siegen heißt, den Tag überleben" wird heute, Mittwoch, in Wien vorgestellt.

Die Szenerie erinnert teilweise an Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.  SN/APA (AFP)/KARAM AL-MASRI
Die Szenerie erinnert teilweise an Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.

Die Reporterin erklärt den Konflikt historisch, geopolitisch, aus verschiedenen Blickwinkeln und geht auch darauf ein, warum er so schwer zu beenden ist. Sie sprach mit Ärzten, Oppositionellen, Jihadisten, Regimevertretern und vor allem mit Menschen, die sich von niemandem mehr vertreten fühlen.

Petra Ramsauer geht es vorrangig um die syrische Zivilbevölkerung. Die entscheidende Front in diesem Krieg verlaufe zwischen den Konfliktparteien und der "Zivilbevölkerung, die diesen Krieg weder gewollt hat noch mit irgendjemandem sympathisiert", schreibt sie. "Eine halbe Million ist nach sechs Jahren Konflikt tot, über eine Million schwer verletzt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben."

Ihre Reportagen berühren, bringen den Konflikt nahe. Etwa wenn Ramsauer von Sumaia erzählt. Die junge Mutter schickt im Sommer 2016 Nachrichten und Bilder aus dem zertrümmerten Daraya. Die Vorstadt von Damaskus ist da seit mehr als drei Jahren von der Außenwelt abgeschnitten. Niemand kann raus aus Daraya, Waren kommen nicht hinein. Die wenigen Güter werden zu horrenden Preisen gehandelt. Ein Kilo Zucker kostet 60 Euro, ein Ei 25 Euro. "Ohne die Petersilie und die Minze, die wir hier anbauen, wären wir schon verhungert", sagt Sumaia. Sie macht Suppe aus den Kräutern oder Salat mit viel Gras, um einmal am Tag satt zu werden.

Daraya ist nur ein Beispiel für "eine zentrale Taktik des Regimes gegenüber Widerstandshochburgen: aufgeben oder aushungern lautet sie". Auch die Opposition schreckt nicht davor zurück, Hunger als Waffe einzusetzen. Ramsauer berichtet über unfassbare Gräueltaten und Kriegsverbrechen der Konfliktparteien: Folterkeller, Vergewaltigungen, öffentliche Enthauptungen, Verstümmelungen, Demütigungen.

Die abscheulichsten Verbrechen gehen auf das Konto der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) und des Regimes. "Doch trotzdem scheint für Syrer die Gefahr des IS geringer als jene des Regimes, das in den ersten sechs Jahren Krieg für siebenmal mehr Todesopfer verantwortlich ist als der IS." Ramsauer zitiert mehrere Experten, die gleicher Meinung sind: Nämlich dass Präsident Bashar al-Assad und sein Regime die Hauptverantwortlichen für die meisten Opfer sind, ebenso für die Flüchtlingswelle und auch dafür, dass Syrien zum Nährboden für die gefährlichsten Terrorgruppen der Welt geworden ist.

Dabei war der Auslöser vergleichsweise harmlos: Der Konflikt begann mit ein paar regimekritischen Graffitis auf einer Schulmauer. Im Eindruck der arabischen Revolution, die in anderen Ländern Diktatoren wegschwemmte, schrieben die Schüler im Februar 2011 in der südsyrischen Stadt Daraa Sätze wie: "du bist jetzt dran, Dr." (Assad, Anm.) oder "Das Volk will das System stürzen" auf die Mauer.

Die Jugendlichen wurden eingekerkert und gefoltert. Ein Vater, der sich um die Freilassung bemühte, bekam angeblich vom Geheimdienstchef die Antwort: "Vergesst eure Kinder. Geht nach Hause zu euren Frauen und macht neue. Wenn ihr es nicht schafft, dann schickt sie uns, wir kümmern uns darum." Dieser überlieferte Satz, von dem nicht gesichert ist, ob er wirklich so gefallen ist, brachte die Seelen zum Kochen. Wütende Demonstrationen folgten. Dann wurde geschossen, es gab Tote. Die Proteste schwollen an und schwappten auf andere Städte über.

Der Konflikt spitzte sich zu, weil die Konfliktparteien aus dem Ausland hochgerüstet und radikalisiert wurden. Syrien wurde Schauplatz erbitterter Stellvertreterkriege: Das Regime erhält Schützenhilfe aus dem Iran: den al-Quds-Brigaden und der verbündeten libanesischen Hisbollah-Miliz. Die Opposition wird unterstützt von Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und der Türkei. "Ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien prägt die ersten Kriegsjahre, der später von einem Zweiten, jenem zwischen Russland und dem Westen überschattet wird."

Der Westen seinerseits spielt eine tragische Rolle: durch Inkonsequenz. Der nun aus dem Amt geschiedene US-Präsident Barack Obama hatte seine Ankündigung nicht wahr gemacht, nach einem Giftgas-Einsatz in den Konflikt einzugreifen. Dabei hatte Obama von einer "roten Linie" gesprochen. Als aber das Regime diese rote Linie sogar mehrmals überschritt und Giftgas gegen die Bevölkerung in den Oppositionsgebieten versprühte, passierte nichts.

Und damit sei vermittelt worden: "Die Weltgemeinschaft wird jede Form von Brutalität tolerieren." Ramsauer spricht von einem "politischen Super-GAU", der dazu führe, dass der Krieg in Syrien noch erbitterter ausgefochten werde. Sie zitiert John Allen, den früheren Befehlshaber im Kampf gegen den IS: "Die Welt wird uns nicht verzeihen, wenn wir weiter nicht handeln."

( S E R V I C E : Petra Ramsauer: Siegen heißt, den Tag überleben. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2017, 208 Seiten, ISBN: 978-3-218-01060-3. Buchpräsentation am heutigen Mittwoch um 19:00 Uhr bei Thalia Wien-Mitte, 3., Landstraßer Hauptstraße 2A. http://go.apa.at/2jKWL2cq )

Quelle: APA

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