Weltpolitik

Tod eines Thora-Riesen

Hunderttausende trugen in Israel den letzten "großen Rabbiner seiner Generation" zu Grabe. Das Ableben des 104 Jahre alten Mannes ist ein Wendepunkt für die Ultraorthodoxie und für den Staat Israel.

Rabbi Shteinman war ein enorm einflussreicher Mann.  SN/APA/AFP/GIL COHEN-MAGEN
Rabbi Shteinman war ein enorm einflussreicher Mann.

Israel genießt eine ganz besondere Form politischer Sicherheit - so beginnt ein Witz. Sollte der Regierung etwas Unerwartetes zustoßen, gäbe es im Gefängnis vollen Ersatz: Ein Ex-Premier, ein Staatspräsident, Finanzminister, hochrangige Militärs und Rabbiner - Vertreter fast jeden Amtes verbüßen wegen Korruption oder Sexskandalen Haftstrafen.

Aharon Yehuda Leib Shteinman war in dieser Hinsicht eine wichtige Ausnahme.

Israels wichtigster Rabbiner, dessen Weisungen Hunderttausende Anhänger folgten und dem Regierungschefs gehorchten, lebte bis zu seinem Tod am Dienstag im Alter von 104 Jahren in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Vorort Tel Avivs. Selbst hochrangige Besucher mussten im Wohnzimmer, das auch als sein Schlafzimmer diente, auf wackligen Holzstühlen Platz nehmen, die sich Shteinman vor 70 Jahren aus Orangenkisten gezimmert hatte. Armut, so Shteinman, sei der beste Garant, dass man die Gebote der Thora, dem heiligen Buch der Juden, erfülle.

Er war jedoch mehr als nur ein erzkonservativer Fels in der Brandung. Er war der letzte unangefochtene Führer von Israels ultraorthodoxen Juden, und eine widersprüchliche Figur: Purist und Pragmatiker zugleich. Wie kaum ein anderer prägte er das Judentum und den Staat Israel. Sein Tod könnte der Beginn historischer Transformation sein.

Ultra-Orthodoxe, die sich selbst "Haredim" (die Gott fürchten) nennen, machen nur etwa 11 Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Doch Israels politisches System verleiht ihnen überproportional viel Macht. In der Knesset waren sie stets das Zünglein an der Waage. Sie entschieden oft, wer Premierminister wird - und ließen sich das gut bezahlen, etwa in Form von Subventionen für ein autonomes Bildungssystem bis ins hohe Alter, das ihnen ermöglicht, in einer Parallelgesellschaft zu leben. Oder durch politische Zugeständnisse, wie der Freistellung vom Wehrdienst, die verhindern soll, dass Haredim anderen Weltanschauungen ausgesetzt werden.

Seit Jahrzehnten gilt den Haredim das Studium der heiligen Schriften als wichtigster, gar einziger Lebensinhalt. In der jüdischen Geschichte ist diese Haltung beispiellos. Shteinman war maßgeblich daran beteiligt, dass sie entstand.

Er wurde 1913 in Kamnitz im heutigen Weißrussland geboren. Früh fiel er als begnadeter Thoraschüler auf. 1938 floh er in die Schweiz, um sich der Wehrpflicht zu entziehen. Dort überlebte er als einziger seiner Familie den Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte er 1945 nach Palästina aus, wo er schnell als Rabbiner und Lehrer Karriere machte.

In dieser Funktion revolutionierte er die Welt der Haredim: Bis Anfang der 1950er Jahre war es eine Ausnahme, dass ultraorthodoxe Männer nicht arbeiten, um sich ausschließlich Heiligen Schriften widmen zu können. Nur 1240 Haredim wurden 1953 von der Armee für Bibelstudien freigestellt. Shteinman eröffnete indes zig neue Thoraschulen, in denen immer mehr Haredim Unterschlupf fanden. Er drängte darauf, dass der Staat sie mitfinanziert. So entstand eine Parallelgesellschaft Zehntausender Männer, die weder arbeiten noch Wehrdienst leisten. Für den Staat ist das ein gewaltiges soziales Problem.

Doch Shteinman war nicht nur erzkonservativ, er war auch pragmatisch. Er gab zwar mit persönlichem Beispiel eine harte Linie vor, um seine Gläubigen vor "korrumpierenden Einflüssen" der Außenwelt abzuschotten. Er wetterte gegen Internet, Handys und akademische Studien für Frauen. Männer sollten nur Computerwissenschaft, Buchhaltung oder Verwaltung lernen, und das nur solange die Studien "nicht Literatur, Philosophie oder irgendetwas anderes beinhalten, das Gott behüte zu Ketzerei führen könnte."

Doch zugleich erkannte Shteinman die großen Probleme seiner Gesellschaft: Extreme Armut, die vom orthodoxen Lebenswandel rührt. Und er war sich der Verantwortung bewusst, die Israels am schnellsten wachsender Bevölkerungsanteil in Zukunft mitübernehmen muss, wenn der Niedergang des Staates verhindert werden soll. Er wollte kein Getto, aus dem Abtrünnige herausgeworfen werden, sondern ein großes Zelt, in dem jeder einen Platz hatte. Shteinman hasste Konfrontationen, suchte selbst mit Rivalen oder dem Staat nach Kompromissen.

Und so schlug er Brücken zur Regierung, half bei der Formulierung von Gesetzen, die Haredim zum Wehrdienst verpflichten. Zugleich tolerierte er, dass seine Anhänger längst nicht so fromm sind wie er. Heute studieren mehr als 11.000 orthodoxe Männer in Universitäten, etwa die Hälfte von ihnen ist berufstätig. Jeder zweite Haredi hat einen Internetanschluss, Tausende dienten bereits in der Armee und erlernten dort einen Beruf. Unter Shteinmans Führung entstand eine "liberale Orthodoxie": Haredim, die einerseits gläubig, aber doch in der Moderne verankert sind, und nicht mehr blind Weisungen von Rabbinern folgen.

Das brachte eine Minderheit gegen ihn auf. Extremisten drohen die einst monolithische Welt der Haredim zu spalten.

Der Tod Shteinmans, dem "größten Gelehrten seiner Generation", hinterlässt eine verwirrte Gesellschaft in einem komplexen, soziologischen Prozess ohne Führerschaft. Noch ist offen, ob die Haredim nun in einen Nachfolgekampf verfallen, der die Gesellschaft noch tiefer spalten und entmachten wird, ob sie extremistischer werden, oder liberaler.

Nur eines ist klar: Shteinmans Tod ist für Israel eine Zäsur, und der Beginn von etwas Neuem.

Aufgerufen am 24.05.2018 um 11:33 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/tod-eines-thora-riesen-21646150

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