Weltpolitik

Ukraine vor der Wahl: Die Rache der Hyäne

Die Aktivistin Jekaterina Handziuk starb in einer Provinzstadt nach einem Säureangriff. Der Mord überschattet die Präsidentschaftswahl in der Ukraine und ist zum Symbol geworden für den Kampf der Maidan-Bewegung gegen die alten Eliten.


An dem Ort, an dem sich ein Liter Schwefelsäure durch Jekaterina Handziuks Haut und Haare fraß, erinnert nichts an die Tat. In einem Neubauviertel der südukrainischen Stadt Kherson bleibt der Blick auf einen Hauseingang mit verplombter Metalltür hängen. Nicht erinnert daran, dass hier am 31. Juli vergangenen Jahres die jüngste Nationalheldin der Ukraine chemische Verbrennungen dritten Grades erlitten hat. "Ihre Feinde im Stadtrat verhindern, dass die Straße nach ihr benannt wird und ein Ort des Gedenkens entsteht", sagt Serhij Nikitenko, ihr Freund.

Handziuk starb nach einem Martyrium in verschiedenen Kliniken am 4. November. Seitdem trauert nicht nur Nikitenko, sondern die ganze Ukraine um "Katja". Viele sind wütend und trauen ihren Politikern kurz vor der Präsidentschaftswahl am 31. März noch weniger über den Weg. Die Frage: "Wer hat Katja Handziuk ermordet?", wird seit dem Spätherbst überall im Land auf Hauswände gesprüht. Der Verdacht gegen Politiker der Parteien von Präsident Petro Poroschenko und seiner Herausforderin Julia Timoschenko bei der Wahl um das höchste Staatsamt zieht weitere Kreise.

Mehr als 100 Aktivisten wurden angegriffen

Handziuk ist ein Symbol für eine Reihe ungeklärter Morde und Attacken auf Aktivisten der jungen Zivilgesellschaft und Journalisten. So viele machten Ähnliches durch, sagt Nikitenko, vom Beruf investigativer Reporter. "Aber niemand musste so leiden wie Katja." Nikitenko hat viel zu berichten und weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Viele Ukrainer spürten im Alltag, dass der nach der Revolution auf dem Maidan versprochene Rechtsstaat nicht fest im Sattel sitze, sagt er. Aber niemand treffe es so hart wie jene, die für eine bessere Ukraine kämpften, sagt der Journalist. Er bezieht sich auf Dutzende von Anschlägen auf Umweltschützer und Aktivisten, die sich gegen Korruption und Machtmissbrauch einsetzen. Menschenrechts-Organisationen sprechen von 100 Attacken in den vergangenen zwei Jahren. Vier endeten tödlich.

100 Euro Schandlohn für einen Mord

Viele der Ermordeten oder Attackierten haben 2013 und 2014 für den Sturz des korrupten und autokratisch herrschenden Präsidenten Viktor Janukowitsch demonstriert. Über die Täter ist so gut wie nichts bekannt. Der Krieg im Osten der Ukraine hat das Land mit Waffen überschwemmt und mit Menschen, für die der Tod eine billige Ware geworden ist. Umgerechnet einige Hundert Euro kostet laut Recherchen von Journalisten ein Auftragsmord in der Ukraine. Um einiges günstiger sind zerschlagene Kniescheiben oder gebrochene Rippen.

Serhij Nikitenko erzählt voller Bewunderung von seiner Freundin Katja. Einer Frau, deren Talent es offenbar war, sich Feinde zu machen. Jung und ehrgeizig, aber nie ohne Herz sei die 33-Jährige gewesen, als sie im Rathaus der 300.000-Einwohner-Stadt Kershon anfing, für den nach dem Maidan gewählten Bürgermeister Wolodymyr Nikolaienko zu arbeiten. Der neue Bürgermeister holte die patente Frau an seine Seite. Sie sollte den Stall der alten Seilschaften aus der Janukowitsch-Zeit ausmisten und den Bürokraten auf ihren Sesseln Dampf machen.

Handziuk reizte zwei mächtige Männer in der lokalen Politik bis aufs Blut, berichtet der Reporter. Einer von ihnen, Wladislaw Manger, ist der Vorsitzende der Regionalversammlung von Kershon und gehörte bis Anfang Februar der Partei von Julia Tymoschenko an. Der andere ist der Leiter der Bezirksverwaltung, Andrij Gordejew, ein Politiker der Poroschenko-Partei. Katja brachte sie in der Öffentlichkeit mit kriminellen Machenschaften in Verbindung, nachdem Nikitienko und andere Journalisten in Kershon Ungereimtheiten aufgedeckt hatten. Sie verdächtigte sie insbesondere, sich am illegalen Holzhandel zu bereichern.

Den Oligarchen wurde der Hahn zugedreht

Serhij Nikitenko erzählt von dem Kampf der neuen gegen die alte Elite um die Stadt und ihre Seele. Die nach dem Maidan eingeleitete Dezentralisierung der Ukraine machte die Kommunen unabhängiger von Kiew. Sie sägte an dem Band, das lokale Oligarchen mit dem Machtapparat in der Hauptstadt verband. Die Städte können nun vieles selbst regeln, haben ein eigenes Budget. Das weckt Begehrlichkeiten bei korrupten Politikern. Gleichzeitig mischen sich die Bürger in für die Ukraine völliger neuer Weise in die Politik ein. Die Reformen helfen Politikern wie Katja Handziuk und Journalisten wie Nikitienko, alten Funktionären das Leben schwerzumachen. Es gefällt ihnen nicht.

Serhij Nikitenko und seinen Mitstreiten fanden die Spur zu den Tätern. Vier Männer aus der Einheit des Kriegsveteranen Serhij Torbin haben die Attacke auf Katja Handziuk ausgeführt und gestanden. Torbin steht seit vergangenem August vor Gericht, schweigt aber zu den Hintergründen. Er gilt als Mann aus dem Umfeld Wladislaw Mangers. Das allein macht den Präsidenten der Regionalversammlung nicht zum Verdächtigen. Doch während Handziuk auf einer Intensivstation in Kiew einen langsamen Tod starb, fand ihr Freund in Kershon Indizien, die Manger belasteten. Die Polizei nahm ihn fest. Doch das Gericht entließ Manger wieder auf Kaution. Seine Chancen stehen nicht schlecht, dass das Verfahren eingestellt wird.

Opfer hatte einst für Julia Timoschenko gearbeitet

Würden wir aufgeben, wären wir morgen so tot wie Katja, meint Marina Khromykh in einem Szenelokal in Kiew. Die 32-Jährige arbeitet für die UN-Kinderschutzorganisation Unicef in der ukrainischen Hauptstadt. Nach der Attacke auf Handziuk stellte sie eine Seite auf Facebook online, auf der sich Freunde und Unterstützer der Aktivisten austauschten. Die Webseite wurde zu einem Internetphänomen in der Ukraine. Erstaunlich sei dieses Echo nicht gewesen, sagt Khromykh. "Katja war im ganzen Land vernetzt. Wer Kershon hörte, dachte an sie."

Khromykh und Hanziuk lernten sich zwei Jahre nach der Orangenen Revolution von 2004 in der Jugendorganisation der Partei von Julia Timoschenko kennen. Später wanden sich beide von der Heldin der ersten ukrainischen Revolution ab."Wir haben uns geschworen, niemals Teil dieses Systems zu werden. Als wie wieder politisch aktiv wurden, nannten wir uns Hyänenschwestern", sagt Khromykh. Eine Hyäne ist nicht gerade ein ansehnliches Tier. Aber eines mit scharfen Zähnen.

Quelle: SN

Aufgerufen am 01.10.2020 um 04:17 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/ukraine-vor-der-wahl-die-rache-der-hyaene-67905256

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