Weltpolitik

Ungarischer Minister beschimpft Wien wegen Zuwanderer

Wien sei schmutzig, unsicher und höchst kriminell, und das nur wegen der Zuwanderer. Das behauptete der ungarische Kanzleramtsminister Janos Lazar in einem Video, das er auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte. Würde die Opposition im April bei den Parlamentswahlen in Ungarn siegen, werde Budapest in 20 Jahren so aussehen wie Wien, warnt Lazar in dem Clip. Entsetzt reagierte die Wiener Politik.

Wien als abschreckendes Beispiel? SN/APA (Symbolbild)/HELMUT FOHRINGE
Wien als abschreckendes Beispiel?

Lazar behauptete in dem wohl in der Favoritenstraße in Wien-Favoriten gedrehten Video, dass es vor 20 Jahren noch keinen Zuwanderer in diesem Bezirk gegeben hätte, heute hingegen nur noch Pensionisten die einzigen verbliebenen Österreicher seien. Er wollte nach eigener Aussage einige Zuwanderer fragen, wie es ihnen denn in Wien gefalle, doch "keiner antwortete, da keiner Deutsch sprach". Es gebe viele Wiener Schulen, in denen "bereits keine weißen Wiener Kinder mehr lernen, sondern nur noch muslimische Kinder und Kinder aus Nahost", meinte Lazar.

Die "weißen christlichen Österreicher" hätten diesen Stadtbezirk bereits verlassen, dessen Lenkung die Zuwanderer übernommen hätten und nach ihrem Gutdünken formten, behauptete Lazar weiter. "Ich konnte mich bei meinem Gang durch die Stadt von großer Unordnung, von viel Müll und Schmutz überzeugen, ebenso von der Angst, in der die Menschen leben." Wenn Ungarn die Zuwanderer reinlässt und diese "in unseren Städten leben, sind die Folgen Verarmung, Kriminalität, Schmutz und unmögliche Lebensumstände". Dieser Prozess sei nicht aufhaltbar, kämen die Zuwanderer nach Ungarn.

Am Mittwochvormittag wurde das Video von Lazars Facebookseite durch Facebook gelöscht. Es war nur noch ein zweites Video dort zu sehen, in dem Lazar an der österreichisch-ungarischen Grenze steht und ankündigt, bald einen Bezirk Wiens zu besuchen, der von den Einwanderern dominiert werde. Umgehend forderte Lazar Facebook auf, das Video wieder einzustellen, da ansonsten sein "Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit" beschnitten würde.

Facebook habe das Video "zensuriert und gelöscht", beklagte Lazar. Er veröffentlichte den Screenshot einer Facebook-Mitteilung an ihn, aus dem hervorgeht, dass das soziale Netzwerk Beiträge entfernt, die Menschen etwa aufgrund ihrer ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit angreifen.

Mit dem Video hat die rechtskonservative Regierungspartei Fidesz den Schauplatz ihres Wahlkampfes auch nach Österreich verlegt. Dabei zeigen die Aufnahmen das friedliche Bild einer Fußgängerzone, in der weder Müll noch Schutz dominieren. Noch dazu erinnern Medien daran, dass Wien nach Umfragen eine der lebenswertesten Städte der Welt ist, zu deren wirtschaftlichen Entwicklungsgrad Ungarn aktuell laut Nationalbank-Chef Gyögy Matolcsy bis 2050 aufschließen möchte.

Der Historiker und Publizist Peter Konok kommentierte auf seiner Facebook-Seite, dass Lazar mit einer Wiener Straße Schrecken bereiten wollte und nicht etwa mit einem Armenviertel im ungarischen Komitat Borsod oder dem "Ghetto" im 8. Budapester Stadtbezirk (wo viele arme Roma leben, Anm.), "weil das ja in Ordnung ist" - oder mit erfrorenen Menschen, ungeheizten Schulen, schimmelnden Spitälern und ins Ausland flüchtenden Ungarn.

Im Video über das "schmutzige Wien" sei kein einziger Zigarettenstummel zu sehen, ebenfalls keine Bilder, wie Lazar versuche, mit Zuwanderern "Deutsch zu kommunizieren, aber niemand verstand, was er sagte", schrieb Konok. Der Kanzleramtsminister hatte in der Aufnahme behauptet, die von ihm in Wien angetroffenen Migranten hätten alle kein Deutsch gesprochen.

Empört zeigte sich auch die Wiener Stadtpolitik. Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner (SPÖ) meldete sich etwa via Twitter zu Wort. Als Stadträtin für Internationales und "stolze Wienerin" protestiere sie "auf das Schärfste" gegen die Darstellung ihrer Heimatstadt. "Wir sind verwundert und entsetzt, dass ein Politiker die Hauptstadt eines Nachbarlandes so herabwürdigt", kritisierte Brauner den Fidesz-Politiker. Die Vorwürfe seien inhaltlich falsch und auf "traurige Weise fremdenfeindlich". Persönlich könne sie Ungarn nur wünschen, dass die Städte dort so werden, wie Wien - die Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität, fügte Brauner hinzu.

Auch Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) übersandte dem Minister mittels Facebook-Posting "wienliebe" und "favoritenpride". Der Bezirksvorsteher von Favoriten, Marcus Franz (SPÖ), versicherte wiederum in einer Aussendung: "Favoriten ist ein wunderschöner Bezirk, in dem die Menschen sehr gerne leben. Die Kritik an meinem Heimatbezirk ist überzogen."

Auch die FPÖ hat mit dem Kurzfilm keine Freude. Zwar hätten sich in den vergangenen Jahren unter der rot-grünen Rathaus-Koalition tatsächlich viele Dinge in die falsche Richtung entwickelt, befand der blaue Vizebürgermeister Dominik Nepp, aber das Video sei "unangemessen und im Sinne der an sich freundschaftlichen Beziehungen unter Nachbarländen nicht gerade ein Akt der Höflichkeit".

Das Video ist noch auf mehreren ungarischen Nachrichtenportalen zu sehen, etwa hier: http://go.apa.at/zyCdNX8n

(APA)

Aufgerufen am 24.06.2018 um 06:20 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/ungarischer-minister-beschimpft-wien-wegen-zuwanderer-25092538

Meistgelesen

    Kommentare

    Schlagzeilen