Weltpolitik

UNO will abgeriegelte Fluchtkorridore in Aleppo verwalten

Die Vereinten Nationen haben Russland aufgerufen, UN-Experten die Verwaltung der angekündigten humanitären Fluchtkorridore für die belagerte syrische Stadt Aleppo zu überlassen. Wenn es um humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung gehe, seien UN-Organisationen aufgrund ihrer Expertise am besten geeignet, erklärte der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, am Freitag in Genf.

UNO will abgeriegelte Fluchtkorridore in Aleppo verwalten SN/APA (AFP)/GEORGE OURFALIAN
Die Korridore halfen nur wenigen Zivilsten.

Zuvor war seitens der syrischen Opposition der Vorwurf laut geworden, die Regierung in Damaskus wolle sich mit Hilfe der Korridore militärische Vorteile beim Kampf um die Eroberung Aleppos verschaffen. Russland hatte die humanitäre Operation am Donnerstag verkündet. Die Rebellen hätten daraufhin ihre Kontrollen verstärkt, um die Menschen an der Flucht zu hindern, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Nach Angaben der Organisation, deren Angaben nicht unabhängig überprüft werden können, gelang bisher nur einem Dutzend Bewohner die Flucht.

De Mistura sagte, humanitäre Korridore seien grundsätzlich zu begrüßen. Es müsse aber klar sein, dass sie tatsächlich geschützt und nicht aus der Luft oder vom Boden aus beschossen werden. Kritik kam hingegen von Frankreich: Die Einwohner von Aleppo sollten Zugang zu Hilfsgütern nach internationalen humanitären Regeln erhalten und sicher in ihren Wohnungen bleiben können, erklärte das Außenministerium in Paris.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte versprochen, wer Aleppo durch die Korridore verlasse, werde Essen und medizinische Hilfe erhalten. Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien betonte daraufhin in New York, die Weltorganisation verlange den sicheren und regulären Zugang für humanitäre Helfer zu rund 250.000 von syrischen Truppen eingekesselten Menschen in Aleppo.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnte unterdessen vor akuten Versorgungsengpässen für die Bewohner Aleppos. Schätzungsweise 250.000 Menschen seien im Ostteil eingeschlossen. Lebenswichtige Nahrung und medizinisches Material kämen nicht mehr hinein, erklärte der für die Region zuständige Einsatzleiter Pablo Marco am Freitag. Die einzige Verbindungsstraße in das Gebiet, das von oppositionellen Gruppen gehalten werde, sei abgeschnitten. "Die Menschen dort - besonders die Verwundeten und die Schwerkranken - haben nun keinen Fluchtweg mehr."

Vier von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Kliniken im Osten Aleppos seien alleine in dieser Woche beschädigt worden, teilte die Organisation mit. Es lägen entsetzliche Berichte vor. Schwerverletzte und Kranke müssten evakuiert werden. "Alle, die Einfluss haben, müssen dazu beitragen, dieses Blutbad zu stoppen."

Am Freitag wurde eine stark frequentierte Geburtsklinik im Westen Syriens von Bomben getroffen und schwer beschädigt. Dies teilte die Hilfsorganisation Save the Children mit, die das Krankenhaus in Kafar Tacharim in der Provinz Idlib unterstützt. Es habe mehrere "Opfer" gegeben, erklärte die Organisation, ohne jedoch nähere Angaben zu machen.

Unklar blieb, ob der Angriff von syrischen oder von russischen Kampfjets ausging. Bisher verzeichnete die Klinik in Kafar Tacharim laut Save the Children im Schnitt 300 Geburten pro Monat. Nach Informationen der oppositionsnahen Beobachtungsstelle für Menschenrechte war das Krankenhaus nach dem Angriff "praktisch nicht mehr betriebsfähig". Die Beobachtungsstelle sprach von mehreren Verletzten.

Im Westen schürte die Ankündigung der syrischen Armee Sorgen, dass die Regierungstruppen eine Offensive zur vollständigen Übernahme der Stadt vorbereiten könnten. "Die unschuldigen Menschen von Aleppo sollten in der Lage sein, sicher zu Hause zu bleiben und Zugang zu humanitärer Hilfe zu bekommen", sagte US-Außenamtssprecher John Kirby. "Dem haben Russland und das Regime im Grundsatz zugestimmt."

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz forderte, die Bewohner sollten selbst entscheiden, ob sie die Stadt verlassen oder bleiben wollten. So oder so müsse ihnen Schutz garantiert werden. Eine "humanitäre Pause" in allen von Gewalt betroffenen Teilen Aleppos sei dringend nötig.

Auch in anderen Landesteilen wird weiter gekämpft. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, bei einem mutmaßlichen Luftangriff der von den USA angeführten Militärallianz zur Bekämpfung der radikalislamischen IS-Miliz auf die Stadt Al-Ghandura nördlich von Aleppo seien am Donnerstag mindestens 28 Menschen getötet worden, darunter sieben Kinder.

Al-Ghandura liegt rund 20 Kilometer nordwestlich der ebenfalls vom IS kontrollierten Stadt Manbij, die für die Jihadisten ein wichtiger Stopp auf ihrer Nachschubroute von der Türkei zur IS-Hochburg Raqqa ist. Seit Wochen versucht eine arabisch-kurdische Koalition, die von den USA unterstützt wird, Manbij zurückzuerobern. Mehrere zehntausend Zivilisten flohen bereits vor den Kämpfen.

Das US-Militär erklärte, die Angaben über zivile Opfer zu prüfen. Am Donnerstag räumte die Anti-IS-Koalition zudem weitere Todesopfer bei Luftangriffen im Irak ein. Wie das US-Militärkommando Centcom nach einer internen Untersuchung mitteilte, wurden bei einem Luftangriff auf ein Geldversteck der Jihadisten in der irakischen IS-Hochburg Mossul am 5. April drei Zivilisten getötet. Vier weitere Zivilisten starben demnach bei einem Angriff auf den australischen IS-Kämpfer Neil Prakash am 29. April, ebenfalls in Mossul.

Ein weiterer Zivilist wurde den Angaben zufolge am 26. April bei einem Luftangriff in der Nähe von Kajjarah, rund 60 Kilometer südlich von Mossul, getötet, weil er unerwartet im Zielbereich des Angriffs aufgetaucht sei. "Wir bedauern zutiefst den nicht beabsichtigten Verlust von Menschenleben und Verletzungen, die durch diese Luftangriffe verursacht wurden", heißt es in einer Erklärung von Centcom.

Die vom US-Militär eingeräumte Zahl ziviler Opfer seit Beginn der Luftangriffe stieg damit auf 55. Die Beobachtungsstelle geht dagegen von mindestens 600 getöteten Zivilisten aus, darunter mehr als 130 Kinder. Die USA bombardieren seit Sommer 2014 gemeinsam mit Verbündeten Stellungen der IS-Miliz im Irak und in Syrien.

Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 11:28 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/uno-will-abgeriegelte-fluchtkorridore-in-aleppo-verwalten-1210174

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