Weltpolitik

"Unser eigener schlimmster Feind": Papua-Neuguinea im Impfdesaster

Während viele Länder die Grenzen öffnen und Corona-Maßnahmen lockern, droht in Papua-Neuguinea gerade eine Katastrophe. Kliniken sind am Limit, Leichenhallen überfüllt. Geimpft sind im Tropenstaat nur ganz wenige. Nicht, weil Vakzine fehlen - die Gründe sind vielkomplexer.

Für die Impfteams ist es schwierig in die abgelegenen Bereiche der Insel zu kommen. SN/facbook/ papua new guinea national department of health
Für die Impfteams ist es schwierig in die abgelegenen Bereiche der Insel zu kommen.

Es sind Szenen, die an den Beginn der Pandemie erinnern - als die Welt noch keine Waffe gegen das Coronavirus hatte. Die Krankenhäuser in Papua-Neuguinea sind wegen massiv steigender Infektionszahlen völlig überlastet. Viele Erkrankte haben nicht einmal ein Bett, andere werden direkt abgewiesen. "Überall liegen Patienten. Die Situation ist schrecklich", zitierte der australische Sender ABC den Leiter des Corona-Notfallteams, Gary Nou.

Medien berichten von Leichenhallen, in denen sich Tote stapeln. Verlässliche Daten zum jüngsten Ausbruch gibt es nicht. Das Gesundheitspersonal sei erschöpft und oft selbst mit dem Virus infiziert, so Nou.

Gewappnet ist aber fast niemand in dem armen Land mit neun Millionen Einwohnern. Laut "Our World in Data" sind gerade einmal 1,2 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Virus geimpft. Zum Vergleich: Im nur 160 Kilometer südlich gelegenen Australien werden einige Regionen im November eine Impfquote von 90 Prozent erreichen. Andere Südsee-Staaten wie Palau und die Cook-Inseln gelten sogar als weltweite Spitzenreiter in ihren Kampagnen: Dort sind laut Rotem Kreuz schon 99 bzw. 96 Prozent der Menschen zweifach geimpft.

Auch in Fidschi haben bereits 96 Prozent der Bürger eine erste Impfdosis erhalten. In dem Inselparadies bildeten Regierung, Zivilgesellschaft und religiöse Führer "eine gemeinsame Front", lobte Katie Greenwood, Pazifik-Delegationsleiterin der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC). Fidschi habe einen "faktenbasierten Ansatz" verfolgt und damit Vertrauen in der Bevölkerung erzeugt. "Alle sprechen hier mit einer Stimme", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Attacken auf mobile Impfteams

Anders in Papua-Neuguinea, wo die Gründe für das aufziehende Desaster vielschichtig sind. Laut IFRC handelt sich um eine Mischung aus einem unvorbereiteten Gesundheitssystem und einer verbreiteten Impfskepsis, gepaart mit der Ausbreitung der Delta-Variante und Argwohn gegenüber den Behörden. "Das geringe öffentliche Vertrauen in Politiker und Institutionen mindert die Wirkung offizieller Kampagnen", schrieb die australische Denkfabrik Lowy Institute. Es soll bereits zu Attacken auf mobile Impfteams gekommen sein.

"Wir müssen auf diese Pandemie der Fehlinformationen reagieren, die sich zusammen mit dem Virus ausbreitet", sagte der IFRC-Experte John Fleming. "Wir müssen die Menschen dringend über die Vorteile des Impfstoffs informieren und gleichzeitig die Einführung von Impfungen in allen Gebieten Papua-Neuguineas beschleunigen, vom Hochland bis zu den Küstendörfern."

Viele Einwohner können sich den Weg in die Stadt nicht leisten

Der Inselstaat ist ein wildes Land, geprägt von undurchdringlichen Regenwäldern, Gebirgsmassiven und entlegenen Dörfern. Oftmals fehlen Straßen, und wo es sie gibt, mangelt es an Geld - etwa, um zum Impfen in die Hauptstadt Port Moresby zu fahren. "Für viele von uns ist es schwer, in die Stadt zu kommen, weil sich so mancher das Busticket nicht leisten kann", sagte Nellie Sere aus dem Örtchen Gaire dem Sender ABC. Mit Vakzinen in Kühlboxen abgelegene Dschungelregionen zu erreichen, ist umgekehrt aber ein logistisches Problem.

Viele sehen die Impfkampagne skeptisch

Das Gesundheitssystem war schon vor der Pandemie extrem fragil. Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen herrscht Personalmangel, und die, die doch im Gesundheitswesen arbeiten wollen, sind oft schlecht ausgebildet. Die Menschen hätten deshalb "eine Reihe von Bewältigungsstrategien" entwickelt - und sich bei Krankheiten häufig der traditionellen Medizin zugewandt, erläuterte Greenwood. Deshalb seien viele heute so skeptisch gegenüber der Impfkampagne.

Hinzu kämen Falschinformationen, die über soziale Medien verbreitet würden, gibt auch die Regierung zu. Speziell, nachdem eine Corona-Welle im März und April zunächst scheinbar besiegt worden war. Aber dann schlich sich die Delta-Variante ins Land - vermutlich aus dem indonesischen Westpapua, mit dem sich Papua-Neuguinea die Landmasse der zweitgrößten Insel der Welt teilt.

Gesundheitsminister: "Wir sind unser eigener schlimmster Feind"

Die Warnungen vor einer neuen schweren Welle blieben ungehört. "Wir dachten, dass so etwas in unserem Land niemals passieren würde", sagte Gesundheitsminister Jelta Wong. "Wir sind unser eigener schlimmster Feind. Wir wurden selbstgefällig, und wir begannen, den Leuten auf Facebook zuzuhören."

Die genauen Fallzahlen sind unbekannt, die Dunkelziffer wohl hoch. "Es gibt wenig Tests, aber was es gibt, zeichnet ein wirklich schreckliches Bild", hieß es in einer Veröffentlichung des australischen Forschungsinstituts Burnet Institute. Von 1848 Tests, die zwischen dem 27. September und dem 3. Oktober im ganzen Land durchgeführt wurden, seien 82 Prozent positiv ausgefallen. "Sieben von zehn Personen, die sich im größten Krankenhaus von Port Moresby mit Symptomen vorstellen, werden jetzt positiv getestet."

Australien will nun medizinisches Personal nach Papua-Neuguinea schicken

Immer häufiger kommt jede Hilfe zu spät. Viele Patienten sterben, bevor sie die Kliniken erreichen. Erst vor wenigen Tagen schlug das Port Moresby General Hospital Alarm, weil sich in der Leichenhalle mehr als 300 Tote stapelten, obwohl die Räumlichkeiten nur für maximal 60 Tote angelegt sind. Es wurde ein Massenbegräbnis von 200 Leichen angeordnet, um die Lage zu entschärfen.

Australien kündigte nun an, dem Nachbarn weiteres medizinisches Personal zu schicken, um beim Kampf gegen die drohende Katastrophe zu helfen. Der Schlüssel sei aber letztlich, die Ängste der Menschen zu verstehen. Sie nicht zu verurteilen, sondern ihnen mit Verständnis und Neugier zu begegnen, ist Greenwood überzeugt. "Wir hängen da alle zusammen drin. Den Sturm können wir nur gemeinsam bezwingen."

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