Weltpolitik

US-Handelspolitik fehlt die Strategie

Freunde und Verbündete verprellt, politischer Flurschaden groß, Folgen unklar.

Der 80-jährige US-Handelsminister Wilbur Ross war erstaunt, dass sich die Alliierten den amerikanischen Forderungen nicht einfach beugten.  SN/APA/AFP/GREG BAKER
Der 80-jährige US-Handelsminister Wilbur Ross war erstaunt, dass sich die Alliierten den amerikanischen Forderungen nicht einfach beugten.

Eigentlich sollten die amerikanischen Hersteller von Aluminum nach der Verhängung der Einfuhrzölle auf Konkurrenzprodukte vor Begeisterung Freudentänze aufführen. Doch Heidi Brock von der "Aluminum Association" machte eher den Eindruck einer Schockstarre. Donald Trumps Vorgehen trifft aus Sicht der Industrie das falsche Ziel.

"Er tut wenig, der Herausforderung durch China entgegenzutreten, während er unsere Verbündeten entfremdet", warnte Brock. Sie fürchtet einen Dominoeffekt. Warum, so fragt sich nicht nur die Aluminium-Lobby, sollten Europäer, Kanadier und Mexikaner Trump künftig dabei helfen, echte Probleme im Handel mit China zu korrigieren?

"Das über Generationen aufgebaute Vertrauen in die Führung der USA erodiert gefährlich", befand die Washington Post. "Indem er die nationale Sicherheit als Begründung für Zölle gegen politische und militärische Verbündete bemüht, überschreitet Mr. Trump die Schwelle von harten Verhandlungen zu Arglist."

US-Experten weisen darauf hin, dass die Zölle China so gut wie nicht berühren. Die Hauptimporte an Stahl und Aluminium kommen aus Ländern, die oft zu höheren Kosten produzieren, da sie ihre Arbeiter besser bezahlen als die US-Konkurenz. Kanada führt die Liste mit 12,4 Milliarden Dollar an, gefolgt von der EU mit 7,7 Milliarden Dollar und Mexiko mit 2,9 Milliarden Dollar. Erst dann kommt China mit ebenfalls 2,9 Milliarden.

Die höheren Preise in der Metall verarbeitenden Industrie werden direkt an die Verbraucher durchgereicht. So könnten schon im Sommer beispielsweise Bier- und Cola-Dosen teurer werden. Ökonomen vergleichen den Effekt mit einer indirekten Steueranhebung, die sich mit bis zu 500 Dollar in der Haushaltskasse von Mittelstands-Familien niederschlagen könnte.

Handelsminister Wilbur Ross sagt, selbst wenn die bestraften Länder mit ihren Gegenmaßnahmen Ernst machten, beträfe dies maximal ein Prozent der amerikanischen Volkswirtschaft. Bei einem Volumen von 19 Billionen US-Dollar sei der Effekt "trivial".

Das verkennt nach Ansicht der New York Times den politischen Schaden. "Amerika erklärt seinen Freunden den Krieg", kommentiert das Blatt. Es sei schon merkwürdig, wie Trump seinen Fokus verschoben habe, nachdem Tochter Ivanka Markenrechte in China erhalten habe.

Kritik kommt auch aus der eigenen Republikanischen Partei. Der Präsident habe die vom Kongress an ihn übertragene Handelsautorität missbraucht, sagt Senator Bob Crocker, der seinerzeit eine Schlüsselrolle bei der Ansiedlung von VW in Tennessee spielte. Sein Kollege Ben Sasse aus Nebraska nannte die Entscheidung "dumm".

Stellt sich die Frage, ob Trump Europäer und Nachbarn noch als Freunde sieht. Handelsminister Ross zeigte sich nach eigenem Eingeständnis überrascht, dass sich die Alliierten nicht einfach den Forderungen der USA beugten.

Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau bezeichnete die Strafzölle in einer Fernsehansprache als "total unakzeptabel" und kündigte "Dollar für Dollar" Vergeltung an.

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