Weltpolitik

"Virus macht keinen Urlaub": Deutschland bremst Hoffnung auf rasche Reisefreiheit

Tschechien denkt bereits laut über eine Grenzöffnung nach. Deutschland nicht: Innenminister Seehofer und Außenminister Maas dämpften die Erwartungen auf baldige Reisen ins Ausland - zum Frust der heimischen Hoteliers.

Österreich ist in Europa bei den Lockerungsmaßnahmen weit vorne. Ausgangsbeschränkungen gibt es seit Freitag nicht mehr. Am Samstag durften auch alle Geschäfte und fast alle Dienstleister wie Friseure wieder öffnen. Am 15. Mai folgen die Restaurants, Ende Mai die Hotels. Man hofft, dass ab dem Hochsommer der Tourismus mit Ländern wie Deutschland wieder anlaufen kann. Das Schicksal vieler Betriebe hängt von der Reiselust speziell der Deutschen ab.

Die Hoffnungen, dass deutsche Gäste auch diesen Sommer viele Betten buchen werden, werden nun aber gedämpft: Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat sich gegen eine vorschnelle Wiederaufnahme des Reisebetriebes zwischen Deutschland und Österreich ausgesprochen. "Solange das Virus keinen Urlaub macht, müssen auch wir uns mit unseren Reiseplänen beschränken - so verständlich der Wunsch für die Menschen und die Tourismusbranche auch ist. Der Infektionsschutz gibt da den Zeitplan vor", sagte Seehofer zu "Bild am Sonntag". Ob und wann wieder Urlaub gemacht werden könne, hänge vom Infektionsgeschehen ab. "Niemand will die Bewegungsfreiheit der Bürger länger einschränken als unbedingt nötig. Aber leichtsinnige Öffnungen, die später in Gestalt erhöhter Ansteckungszahlen zurückschlagen, helfen niemandem."

Leere Strandkörbe in Cuxhaven. Auch Deutsche sollen heuer im Inland urlauben.  SN/AP
Leere Strandkörbe in Cuxhaven. Auch Deutsche sollen heuer im Inland urlauben.

Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas warb am Wochenende für Besonnenheit bei der Aufhebung der weltweiten Reisewarnungen. Denn "wir können im Sommer nicht noch einmal eine Viertelmillion Menschen aus dem Urlaub zurückholen." Er warnte vor "Schnellschüssen", stellte aber in Aussicht, die Reisewarnung für einige Länder schneller zurückzunehmen als für andere. Manche Staaten "konnten den Ausbruch früh durch drastische Maßnahmen eindämmen und fürchten, sich das Virus wieder ins Land zu holen, wenn sie die Grenzen öffnen", sagte der Minister den Funke-Medien. "Auch deshalb will ich nicht ausschließen, dass es zu differenzierten Lösungen kommt."

Deutschland verlängerte Reisewarnung bis Mitte Juni

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder hatten wegen der Corona-Pandemie im März umfassende Einschränkungen beschlossen, unter anderem der Bewegungsfreiheit. Einige davon wurden inzwischen aufgehoben, Kontaktbeschränkungen gelten aber noch immer. Auch eine weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gilt weiterhin, sie wurde am Mittwoch bis Mitte Juni verlängert. Schon Ende Juni beginnen in einigen Bundesländern die Sommerferien. Zuletzt waren Rufe nach einer Aufhebung der Maßnahmen oder zumindest einen konkreten Fahrplan dafür immer lauter geworden, insbesondere aus der Wirtschaft, die massive Schäden befürchtet.

Maas will nicht Fortschritte im Kampf gegen Corona aufs Spiel setzen SN/APA (dpa)/Bernd von Jutrczenka
Maas will nicht Fortschritte im Kampf gegen Corona aufs Spiel setzen

Außenminister Maas betonte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Grenzen in Europa dürften "keinen Tag länger als nötig" geschlossen bleiben. Aber auch bei den Grenzöffnungen müsse die Regierung "kontrolliert und koordiniert vorgehen, um nicht die Fortschritte im Kampf gegen das Virus aufs Spiel zu setzen, für die wir alle in den letzten Wochen einen Teil unseres normalen Lebens geopfert haben".

Tschechien denkt laut über Grenzöffnung nach

Die tschechische Regierung erwägt, die Grenzen des Landes im Juli wieder zu öffnen. Die Gespräche darüber mit Österreich und der Slowakei seien weit fortgeschritten, die mit Polen allerdings kompliziert, sagte Außenminister Tomas Petricek am Samstagabend laut Nachrichtenagentur CTK. "Ich würde im Juli gerne die Grenzen zu Deutschland, Österreich, Polen und der Slowakei öffnen."
Wenn sich die Situation bei der Bekämpfung der Corona-Epidemie gut entwickle, könne die Grenzöffnung auch früher erfolgen. Mitte März hatte die tschechische Regierung als Schutzmaßnahme gegen eine Ausbreitung des Coronavirus ein Ausreiseverbot für die eigenen Bürger verhängt, dieses aber Ende April wieder aufgehoben. Nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland müssen Tschechen nun einen Coronavirus-Test machen. Die Grenzkontrollen sollen derzeit noch bis zum 14. Mai bestehen bleiben. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Samstag hat Tschechien 7.750 nachgewiesene Coronavirus-Fälle und 245 Todesopfer.

Trend zur Lockerung: Welche Länder Hotels wann öffnen

Der Trend zur Lockerung bei den Anti-Corona-Maßnahmen verstärkt sich in ganz Europa. In Ländern wie Österreich, Griechenland und Spanien stehen die Starttermine bei den Hotels fest. Allenthalben gelten aber immer noch Reisebeschränkungen und -warnungen. Ein Überblick der wichtigsten Maßnahmen in beliebten Urlaubsländern:

KROATIEN: 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden vom Tourismus generiert. Umso bitterer, dass seit dem 19. März keine Urlaubsreisen möglich sind. Wer dennoch einreisen kann, muss in 14-tägige häusliche Quarantäne. Ab 11. Mai dürfen Cafés und Restaurants öffnen, wenn sie ihre Kundschaft außerhalb bedienen. In Kroatien besteht keine Maskenpflicht, sondern nur eine Empfehlung. Das Land macht Druck auf eine Öffnung der Grenzen für Urlauber. Vorgeschlagen wird die stufenweise Inbetriebnahme von Fremdenverkehrseinrichtungen: zuerst Campingplätze, dann Privatzimmer und Ferienhäuser, dann nautischer Tourismus wie die Vermietung von Segelbooten und Jachten. Man beobachtet die EU-Diskussion um Sommerreisen, verhandelt aber auch selbst direkt mit Slowenien, Tschechien und Österreich, um Reisen zwischen den Ländern zu ermöglichen.

GRIECHENLAND: Reisen außerhalb der jeweiligen Präfektur sind vorerst nicht erlaubt. Auch das Reisen vom Festland zu den Inseln ist vorerst nicht gestattet. Im Juni sollen stufenweise die Hotels wieder öffnen. Das größte Problem bleibt der Tourismus aus dem Ausland. Bislang ist unklar, wann die Flüge innerhalb Europas wieder starten werden.

In Dresden warnten Gastronomen und Hoteliers mit leeren Stühlen vor den Folgen der Krise. SN/dpa-Zentralbild/Robert Michael
In Dresden warnten Gastronomen und Hoteliers mit leeren Stühlen vor den Folgen der Krise.

ITALIEN: Nach Italien darf man derzeit nur mit einem triftigen Grund reisen. Tourismus ist nicht möglich. Hotels sind seit Anfang März geschlossen. Wann sie wieder aufmachen, ist vollkommen unklar. Ab 4. Mai werden erste Mini-Schritte in Richtung Freiheit gemacht, dann dürfen die Menschen wieder zum Spazieren raus. Der Tourismus ist einer der größten Geschäftszweige in Italien, umso verzweifelter sind die Menschen, die in der Branche arbeiten. Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro rief zuletzt dazu auf, jeder, der sich wieder bewegen dürfe, möge bitte umgehend nach Venedig kommen. Viele setzen nun auf den inländischen Tourismus. Hoteliers oder Strandbadbesitzer denken sich alles mögliche aus, um "soziale Distanz" am Meer oder am Pool garantieren zu können: Von Plexiglastrennwänden über verschiedene "Schichten" - also eine begrenzte Anzahl von Badenden zu jeweils verschiedenen Zeiten - am Meer bis zu Abstandskontrollen am Strand oder schwimmende Sonnenliegen im Wasser.

SPANIEN: Ob Schlagerparties auf Mallorca, ein Städtetrip nach Barcelona oder eine Wanderung auf dem Jakobsweg - für den Sommer 2020 bleiben diese Aktivitäten für ausländische Feriengäste wohl Wunschdenken. Der Tourismus werde wohl nicht vor Jahresende in Gang kommen, warnte die Regierung in Madrid zuletzt. Bislang sind die Grenzen zu und auch Reisen in andere Regionen des Landes sind selbst den Spaniern weiter verboten, wenn sie keinen wichtigen Grund vorweisen können. Wohl ab Ende Juni können zumindest die Spanier selbst voraussichtlich bescheidene Urlaubspläne schmieden. Viele Hotels sollen Mitte Mai wieder öffnen dürfen - unter strikten Auflagen und mit maximal 30 Prozent Belegung. Medien schrieben zuletzt, Spanien werde diesen Sommer ein Revival der 1950er Jahre erleben: Kaum internationale Gäste, kein Badespaß im Mega-Resort, kein überfülltes All-Inclusive, stattdessen Kurzreisen, Städtetrips, Wanderungen in den Bergen und Urlaub auf dem Land bei Familie und Freunden.

FRANKREICH: An den Stränden der französischen Riviera können sich Urlauber aller Voraussicht nach frühestens im Juni sonnen. Die Strände Frankreichs bleiben generell bis mindestens 1. Juni für die Öffentlichkeit geschlossen, kündigte Regierungschef Édouard Philippe am Dienstag bei der Vorstellung der Lockerungspläne ab dem 11. Mai an. Erst Ende Mai will die Regierung Frankreichs bekanntgeben, ob im Juni auch Cafés, Restaurants und Bars wieder öffnen können. Eine klare Ansage für Hotels und Camping-Plätze gab es zunächst nicht.

TÜRKEI: Die Einschränkungen in der Türkei sollen vorerst noch bis Ende Mai gelten. Dazu gehören Ausgangssperren über die Wochenenden für 31 Städte und Provinzen und ansonsten für chronisch Kranke, die meisten Unter-20-Jährigen und Senioren ab 65. Außerdem bleiben unter anderem Schulen und Unis, Bars und Cafés geschlossen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat aber einen baldigen Fahrplan für die Rückkehr zur Normalität angekündigt. Ab Ende Mai soll zumindest die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines wieder fliegen. Die Türkei hängt zur Rettung ihrer angeschlagenen Wirtschaft stark vom Tourismus ab.

ÄGYPTEN: Hier wurden die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus teils etwas gelockert. Restaurants und Cafés dürfen zwar liefern, in ihren Räumen aber keine Gäste bewirten. Und öffentliche Strände in beliebten Badeorten wie Hurghada und Scharm El-Scheich sind weiterhin geschlossen und dieser Tage menschenleer. Touristische Flüge nach Ägypten sind immer noch ausgesetzt.

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Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 04.12.2020 um 10:07 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/virus-macht-keinen-urlaub-deutschland-bremst-hoffnung-auf-rasche-reisefreiheit-87049093

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