Weltpolitik

Vom Corona-Hotspot zum Vorbild: Portugiesen kehren in die Straßencafés zurück

Vor drei Monaten war Portugal noch ein Corona-Hotspot. Nun gibt es nur noch wenige Infektionen. Wie hat das Land das geschafft?

Auf dem Aussichtspunkt Portas do Sol tummeln sich normalerweise Touristen, um über Lissabons historischen Stadtteil Alfama zu blicken. Aktuell haben die Menschen in Portugals Hauptstadt die Cafés dort für sich.  SN/AFP
Auf dem Aussichtspunkt Portas do Sol tummeln sich normalerweise Touristen, um über Lissabons historischen Stadtteil Alfama zu blicken. Aktuell haben die Menschen in Portugals Hauptstadt die Cafés dort für sich.

Viele sprechen von einem "Wunder": Noch im Jänner hatte Portugal bezogen auf seine Bevölkerungsgröße die weltweit höchsten Coronazahlen. In dem Land mit rund 10,3 Millionen Einwohnern lag die Sieben-Tage-Inzidenz vor drei Monaten noch bei 900. Die portugiesische Regierung beschloss daraufhin, ab 13. Jänner in einen strengen Lockdown zu gehen. Die Maßnahmen scheinen gewirkt zu haben. Denn inzwischen ist die Lage dort so gut wie fast nirgendwo in Europa.

Im Zuge der sinkenden Infektionszahlen hat Portugal die Coronamaßnahmen gelockert. Seit Montag dürfen Gastronomiebetriebe wie Bars, Cafés und Restaurants wieder Gäste empfangen. Auch Museen und Galerien, Läden mit einer Verkaufsfläche von höchstens 200 Quadratmetern, Straßenmärkte und Fitnesszentren und andere Sporteinrichtungen wie Tennis- und Golfplätze dürfen unter strengen Auflagen wieder öffnen. Für Schüler mehrerer Jahrgänge gibt es wieder Präsenzunterricht. Und die Portugiesen dürfen wieder den jeweiligen Wohnbezirk verlassen, ohne einen "triftigen Grund" dafür angeben zu müssen.

"Die Öffnung muss sehr vorsichtig geschehen", mahnte Portugals Regierungschef António Costa. "Wir können kein Risiko eingehen und wir dürfen das Erreichte nicht aufs Spiel setzen." Doch der Appell fand nach Ostern, als der harte Lockdown nach drei Monaten gelockert wurde, nicht durchwegs Gehör. Die Bürger stürmten geradezu die Außenterrassen der Straßencafés und Restaurants.

"Endlich", jubelte eine Frau im portugiesischen Fernsehen. "Toll, dass wir draußen wieder einen Espresso trinken können. Das hat uns gefehlt." Der tägliche "Bica", wie der Espresso genannt wird, gehört zur portugiesischen Tradition. Entsprechend groß war nun die Freude. Das Fernsehen berichtete live aus Lissabons Innenstadt, in der man volle Straßencafés sehen konnte.

Normalität herrscht allerdings auch in Portugal noch lang nicht. Die Gastronomiebetriebe dürfen nur in den Außenbereichen und nur bis 22.30 Uhr an Werktagen und bis 13 Uhr an Wochenenden und Feiertagen ihre Gäste bewirten. An jedem Tisch dürfen nur höchstens vier Personen Platz nehmen. Die Landgrenze zu Spanien bleibt geschlossen.

Noch im Jänner standen Portugals Spitäler kurz vor dem Kollaps. Vor den Krankenhäusern stauten sich die Krankenwagen, weil es keine freien Betten mehr gab. Auch die Leichenhallen waren überfüllt. Portugal musste um internationale Hilfe bitten: Deutschland schickte 27 Ärzte und Sanitäter der Bundeswehr, um den medizinischen Notstand zu lindern. Österreich nahm Patienten aus Portugal auf.

Drei Monate später hat sich die Lage erstaunlich entspannt. Nach jüngsten Zahlen steckten sich in den vergangenen sieben Tagen nur mehr 30 Menschen pro 100.000 Einwohner mit dem Coronavirus an. Das ist - nach Island - die zweitniedrigste Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Europa. Und auch die Zahl der an Covid Erkranken auf den Intensivstationen ging von rund 1000 auf 117 zurück.

Wie hat Portugal es geschafft, die Ansteckungskurve auf dieses niedrige Niveau zu drücken? Die Antwort ist einfach: mit einem konsequenten Lockdown. Es galt eine 24-Stunden-Ausgangsperre für alle Bürger. Nur aus dringenden Gründen, etwa um Einkaufen oder zur Arbeit zu gehen, durften die Portugiesen ihre Wohnungen verlassen. Spazierengehen war nur in der Nähe des Wohnorts erlaubt.

Zudem führte die Regierung eine Homeoffice-Pflicht für alle Unternehmen ein, in denen dies möglich war. Schulen wurden geschlossen, ebenso Universitäten und die Gastronomie. Auch der Einzelhandel machte - mit Ausnahme der Supermärkte - dicht. Die Landesgrenzen wurden komplett abgeriegelt. Nur noch Menschen mit Wohnsitz in Portugal und Pendler durften diese überqueren.

Jetzt, nachdem die Infektionen drastisch gesenkt werden konnten, wagt das Land eine schrittweise Rückkehr zur Normalität. Doch der Zwang zum Homeoffice bleibt. Und auch die Regierung mahnt die Portugiesen, die zurückeroberten Freiheiten nicht zu missbrauchen und auch weiterhin möglichst zu Hause zu bleiben.

Die nächsten Wochen wird man sehen, ob Portugals Weg erfolgreich war. Die nationalen Gesundheitsbehörden warnen bereits, dass auch der Musterknabe Portugal nicht vor einer neuen Coronawelle sicher sei. Das "portugiesische Wunder" hält möglicherweise nicht lang an.

Denn schon jetzt steigt die Reproduktionszahl in ganz Portugal wieder an. Sie gibt an, wie viele Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Voller Sorge blickt die Regierung vor allem auf die Urlaubsküste Algarve und die Ferieninsel Madeira. Dort nehmen die Ansteckungen besonders stark zu.

Aufgerufen am 20.04.2021 um 10:00 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/vom-corona-hotspot-zum-vorbild-portugiesen-kehren-in-die-strassencafes-zurueck-102114901

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