Weltpolitik

Warum Juden wieder Europa verlassen

Der Antisemitismus wird stärker. Manche lassen sich von ihm in die Flucht jagen - und kehren ihren Geburtsländern den Rücken.

Diese Quittung aus einem Pariser Supermarkt will Samuel Cohen sein Leben lang aufbewahren. Sie dokumentiert den Augenblick, an dem er nur knapp dem Tod entkam. Am 9. Jänner 2015 war der heute 20 Jahre alte Franzose im Hyper-Cacher-Supermarkt in Paris. Das gehörte zur Freitagsroutine, bei der er seiner Familie half, sich auf den Sabbat vorzubereiten. Er zahlte und ging zur koscheren Bäckerei nebenan. Exakt eine Minute später begann im Supermarkt ein blutiges Drama. Ein Islamist erschoss vier Personen und hielt die anderen Kunden einen Tag lang fest. Er habe Juden ermorden wollen, sagte der Täter einem TV-Sender, bevor ein Sonderkommando der Polizei den Supermarkt stürmte und ihn tötete.

Für Yohan Saadoun begann der Albtraum, als der 23 Jahre alte Musiker vergangenes Jahr mit seinen Eltern und drei Geschwistern in Urlaub war. Unbekannte deponierten einen Drohbrief in ihrem Haus: "Man würde uns erschießen, weil wir Juden sind", erzählt Saadoun. Es folgte ein weiterer Brief: "Diesmal stand auch ,Allahu Akbar' drauf, und wieder drohte man uns mit Mord." Sein Vater installierte Sicherheitskameras, doch selbst als diese einen Verdächtigen filmten, der die Hauswand mit Hassgraffiti beschmierte, hat die Polizei nichts unternommen. Als Unbekannte versuchten, das Garagentor aufzubrechen, war für die Saadouns das Maß voll: Sie verließen Frankreich und zogen nach Israel.

Gewalt gegen Juden ist in Europa wieder ein Problem. Schon zuvor zählte Antisemitismus zum Alltag. Die 29-jährige Megane Dreyfuss aus Lyon berichtete von einem Bewerbungsgespräch für einen Job in einem Fortbildungszentrum. Am Ende des Telefonats vergaß der Mann am anderen Ende der Leitung, den Hörer aufzulegen. So konnte Dreyfuss dessen Gespräch mit einem Kollegen mithören: "Wir haben schon zu viele Juden in unserer Firma. Ruf sie in zwei Wochen zurück und sage ihr, dass die Stelle mit jemand anderem besetzt wurde", habe der Mann gesagt. Später, auf der Universität, hätten Studenten sie als "schmutzige Jüdin" beschimpft und mit dem Hitlergruß empfangen. Ihren Eltern schlage immer wieder Hass entgegen, "vor allem von christlichen Franzosen, nicht muslimischen Einwanderern". Dreyfuss leitet heute übrigens das besagte Fortbildungszentrum.

Cohen, Saadoun und Dreyfuss sind Beispiele für viele europäische Juden, die mit einem erstarkenden Antisemitismus konfrontiert sind. Tausende haben deshalb dem Kontinent den Rücken gekehrt und sind nach Israel gezogen. Laut Angaben des israelischen Einwanderungsministeriums kamen seit 1989 72.000 Einwanderer aus Frankreich.

Doch obwohl die Gewalt gegen Juden zunimmt, ist die Zahl der Immigranten in Israel rückläufig. Im Spitzenjahr 2015 zogen fast 8000 französische Juden nach Israel. 2017 waren es nur 3157 Einwanderer. Aus Großbritannien, wo der Antisemitismus nicht minder virulent ist, zieht es jährlich nur wenige Hundert in den jüdischen Staat.

"Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen der Häufigkeit antisemitischer Zwischenfälle und der Zahl der Einwanderer", sagt Jigal Palmor, Sprecher der Jewish Agency, einer Behörde, die in aller Welt die Einwanderung von Juden nach Israel fördert. Antisemitismus sei nur einer von vielen Faktoren. "Viele haben kulturelle, religiöse, familiäre Bindungen nach Israel, andere kommen aus wirtschaftlichen Gründen." Laut Umfragen kommt mehr als die Hälfte der Einwanderer aus Frankreich aus zionistischen Beweggründen, nicht aus Angst vor Antisemitismus.

Auch Cohen und Dreyfuss flohen nicht vor Antisemitismus. "Viele Antisemiten hassen Juden nur, weil sie sie nicht persönlich kennen", sagt Dreyfuss. Sie kehrte nach Aufenthalten in anderen Ländern für mehrere Jahre nach Frankreich zurück, um als Aktivistin Aufklärungsarbeit zu leisten. "Niemand kann mir die Überzeugung nehmen, dass ich in dieses Land gehöre, und es auch mir gehört." Man dürfe nicht die Proportionen verlieren, betont sie. "Es ist immer noch leichter, ein Jude in Frankreich zu sein, als ein Schwarzer in Italien oder ein Muslim in Russland." Auch für Cohen bleibt "Frankreich meine Heimat. Die Antisemiten sind einfach dumm, sie machen mir keine Angst".

Saadoun dagegen hat sich vom Schock, den die Drohbriefe ausgelöst haben, noch nicht erholt. Er lebt mit seinen Eltern und drei Geschwister nahe dem Gazastreifen. Ab und zu hören sie die dumpfen Explosionen, wenn die israelische Armee und die Hamas sich wieder einen Schlagabtausch liefern. Dennoch fühlt er sich hier besser aufgehoben als in Paris. "Meine Familie wird Israel nie wieder verlassen", sagt er. "In Frankreich wird es immer schlimmer. Als Jude ist man dort nicht mehr sicher. Meine Kinder werde ich in Israel großziehen. Hier lassen einen die Behörden und Nachbarn nicht im Stich, nur weil man Jude ist."

Quelle: SN

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