Weltpolitik

Was wir uns von Amerika wünschen

Die vergangenen vier Jahre waren turbulent, oh yes. Donald Trump hat vieles auf den Kopf gestellt, was wir vorher für selbstverständlich hielten. Unsere außenpolitischen Redakteure erlauben sich zu träumen.

Unser Blick auf Amerika hat sich in den vergangenen vier Jahren verändert. Wohin steuern die unvereinigten Staaten? SN/olga - stock.adobe.com
Unser Blick auf Amerika hat sich in den vergangenen vier Jahren verändert. Wohin steuern die unvereinigten Staaten?
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Respekt: Die Reparatur des Risses
Gudrun Doringer

Als Studentin habe ich ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht. Was mich am meisten beeindruckt hat, war - neben Pumpkin Pie, Crater Lake und einem Kayaking-Trip in Arizona - , wie leidenschaftlich an der Uni debattiert wurde. Raum war für alles, für Überlegtes und Verzichtbares, für Provokantes und Show, für Kluges und für bald wieder Verworfenes. Aber gesagt werden durfte es. Verlacht wurde niemand, diskutiert wurde viel - und der gegenseitige Respekt dabei stets hochgehalten. Zu kostbar war das Gefühl der (angst)freien Meinungsäußerung.

Debatten, zumindest solche über Politik, finden heute in den USA kaum noch statt. Zu Polarisiert ist das Land. Wer nicht die gleiche Partei wählt, hat sich nichts zu sagen.

Ich wünsche mir, dass die klaffende Wunde heilt. Dass Amerika wieder ein Land wird, in dem andere Standpunkte als der eigene etwas zählen und um Kompromisse gerungen wird. Zudem: Dass der Präsident der Vereinigten Staaten Frauen, die ihm widersprechen, nicht ihre sexuelle Anziehungskraft abspricht.

Und dass ich diesen Satz eben nie wieder aufschreiben muss.

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Standards: Ein Vorbild als Führungsmacht
Martin Stricker

Ohne Fehl und Tadel waren die USA nie. Die Liste der Verfehlungen reicht von der Stützung der blutigen Diktaturen Lateinamerikas bis zu Foltergefängissen für Islamisten. Doch Amerika hat auch immer gezeigt, dass es nach Besserem strebt. Die Selbstreinigungskraft dieser Nation und ihre Fähigkeit, sich stets neu auf Grundlage ihrer Verfassung zu erfinden, war bislang ihre größte Stärke.

Das begründete die Strahlkraft der mächtigsten liberalen Demokratie der Welt unabhängig davon, ob welchen Partei am Ruder war. Die Selbstschwächung Amerikas durch einen Präsidenten und seine Truppe, die demokratische und moralische Standards geringer schätzen als die eigene Machtausübung, hat eine fatale Wirkung. Sie stärkt totalitäre Führungsfiguren von Viktor Orban bis Wladimir Putin, von Recep Tayyip Erdogan bis Xi Jinping.

Eine Welt, in der es nur noch die Wahl zwischen mehr oder etwas weniger Egoismus, zwischen mehr und noch mehr Korruption gibt, ist kein freundlicher Ort. Wäre fein, bliebe die EU nicht allerletzter Hort der Rechtsstaatlichkeit.

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Miteinander: Eine glaubhafte Partnerschaft
Stephanie Pack-Homolka

Der Nutzen von internationalen Organisationen wird oft in Frage gestellt. Schlechte Beispiele, wo Probleme nicht gelöst, Krisen schlecht gemeistert oder Probleme zu spät erkannt wurden gibt es genug. Bündnisse, sei es die Nato oder die UNO, zu hinterfragen ist gut und notwendig. Das kann sie besser machen. Die eigenen Bündnisse so generell in Frage zu stellen, wie es die USA in den vergangenen vier Jahren getan haben, beraubt sie aber ihrer Glaubwürdigkeit und letztlich auch ihrer Handlungsfähigkeit.

Für die kommenden vier Jahre ist der Welt ein Amerika zu wünschen, auf das wir uns wieder verlassen können. Das nicht vom Verhandlungstisch aufsteht, weil Gespräche mühsam oder nicht opportun sind; das nicht alte Allianzen aus einer Laune heraus in die Luft zu sprengen droht; das seine Verantwortung in der Welt wieder wahrnimmt.

Kritik an den internationalen Organisationen? Bitte gerne. Aber bitte konstruktiv.

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Toleranz: Ein Amerika ohne Rassismus
Dorina Pascher

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Ideal, von dem die heutigen Vereinigten Staaten von Amerika weit entfernt sind: George Floyd musste seine letzten Worte unter den Knien eines Polizisten herauspressen: "I can't breathe." Jacob Blake wurde sieben Mal in den Rücken geschossen, vor den Augen seiner Kinder. Breonna Taylor schlief tief, als die Polizei in ihre Wohnung eindrang und auf die Rettungssanitäterin schoss - Taylor wachte nicht mehr auf. Allen war gemeinsam, dass ihre Haut nicht weiß war.

Rassismus in den USA hat eine lange Geschichte. Von der Sklaverei angefangen, über Diskriminierung von Afroamerikanerinnen und -amerikanern am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche. Keine Gesellschaft ist frei von Rassismus. Doch mit Donald Trump sitzt ein Rassist im Präsidentenamt. Er nannte Einwanderer pauschal "Vergewaltiger", er zeigte kein Verständnis für die Proteste der "Black Lives Matter"-Bewegung.

Was man sich von Amerika wünschen kann? Ein Land zu werden, in dem es unbegrenzte Möglichkeiten gibt - für Menschen jeder Hautfarbe.

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Anstand: Die Rückkehr zur Wahrheit
Thomas J. Spang

Ich wünsche mir, dass Amerika wieder ein Land wird, dessen Identität nicht auf Blut und Boden, sondern gemeinsamen Überzeugungen beruht. Das hat die Einwanderer-Nation einzigartig in der Welt gemacht.

Nicht, dass Amerika jemals perfekt gewesen wäre. Das Land hat bis heute Mühe anzuerkennen, dass die Ureinwohner und Schwarzen nicht in die neue Welt kamen, ein besseres Leben zu finden. Sie leiden unter strukturellem Rassismus und Benachteiligung. Aber bis zu Donald Trump gab es stets das Streben nach einer "perfekteren Union". Nichts könnte anti-amerikanischer sein als der weiße Nationalismus, dessen Prophet die Spaltungen in der Gesellschaft nur vertieft hat. Damit verbunden ist der Wunsch nach einer Rückkehr von Anstand und Wahrheit.

Nur so lässt sich übrigens auch die Pandemie in den Griff bekommen. Vor allem hoffe ich, dass die USA wieder Teil der westlichen Werte-Gemeinschaft werden. Eine Macht, die an der Spitze des Fortschritts beim Klimawandel, Menschenrechten und Demokratie steht.

Quelle: SN

Aufgerufen am 24.11.2020 um 10:44 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/was-wir-uns-von-amerika-wuenschen-95056381

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