Weltpolitik

Weiter Kämpfe in Ostukraine, mehr Tote nahe Odessa

Im Ukraine-Krieg gehen die Kämpfe im Osten des Landes unvermindert weiter. Das russische Vorrücken konzentrierte sich am Freitag auf die Stadt Lyssytschansk - den letzten großen Ort, den die ukrainischen Truppen im Gebiet Luhansk noch halten. Die Zahl der Toten bei russischen Raketenangriffen auf ein Wohnhaus und eine Freizeiteinrichtung in der Nähe von Odessa erhöhte sich unterdessen auf mindestens 21.

Von russischen Raketen zerstörtes Wohnhaus nahe Odessa SN/APA/AFP/-
Von russischen Raketen zerstörtes Wohnhaus nahe Odessa

Dutzende Orte in den Gebieten Charkiw, Donezk, Luhansk, Saporischschja, Mykolajiw und Cherson seien am Freitag von russischer Artillerie beschossen worden, hieß es in dem bei Facebook veröffentlichten Bericht des ukrainischen Generalstabs. Vereinzelt seien auch Angriffe von Flugzeugen und Hubschraubern geflogen worden. Ukrainische Einheiten hätten einen russischen Angriff bei einem Gelatine-Werk bei der Industriestadt Lyssytschansk im Gebiet Luhansk abgewehrt. Details zum Geschehen um die letzte unter ukrainischer Kontrolle stehende Stadt in dem Gebiet wurden seitens Kiews nicht genannt.

Mittlerweile sei die Ölraffinerie in Lyssytschansk unter russischer und prorussischer Kontrolle, sagte indes der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow, am Freitag. Die Eroberung von ganz Luhansk ist eines der erklärten Ziele Moskaus in dem bereits seit mehr als vier Monaten andauernden Krieg. In der vergangenen Woche hatte das ukrainische Militär die nur durch einen Fluss von Lyssytschansk getrennte Großstadt Sjewjerodonezk aufgeben müssen.

Während Russland in der Ostukraine weiter seine militärische Überlegenheit ausspielt, kann Kiew über die Rückeroberung der symbolträchtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer jubeln. Nachdem die russische Armee am Donnerstag den Abzug angekündigt hatte, haben die Soldaten nach ukrainischen Angaben die kleine Insel inzwischen verlassen. Nach ukrainischen Militärangaben erlaubt die Schlangeninsel im Schwarzen Meer die Kontrolle über Teile der ukrainischen Küste und Schifffahrtswege.

Die Zahl der Toten infolge russischer Raketenangriffe nahe Bilhorod-Dnistrowskyj im Süden der Ukraine nahe der Großstadt Odessa ist auf mindestens 21 gestiegen. Dies teilte der Zivilschutz am Freitag mit. Zunächst war von zehn Todesopfern die Rede gewesen. Mindestens 39 Menschen wurden weiter in Krankenhäusern behandelt. Der Militärverwaltung zufolge schlugen insgesamt drei russische Raketen ein. Dabei seien ein Mehrfamilienhaus und ein Erholungszentrum getroffen worden.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte von der Ukraine auf dem Weg in die Europäische Union indes weitere Anstrengungen etwa im Kampf gegen Korruption und den Einfluss von Oligarchen. Das Land habe bereits große Fortschritte erzielt, sagte die deutsche Politikerin am Freitag in einer Video-Ansprache vor dem Parlament in Kiew. Viele der notwendigen Gesetze und Institutionen gebe es bereits. Nun sei es an der Zeit, diese Schritte in "einen positiven, dauerhaften Wandel" umzusetzen.

Die EU hatte die Ukraine vergangene Woche offiziell in den Kreis der Beitrittskandidaten aufgenommen, dies jedoch an weitere Reformen geknüpft. "Es liegt ein langer Weg vor uns, aber Europa wird an Ihrer Seite sein", sagte von der Leyen.

Nach der angekündigten Ausweisung 70 russischer Diplomaten aus Bulgarien erwägt Moskau den kompletten Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Russlands Aufforderung an Bulgarien, die bisher größte Diplomaten-Ausweisung in dem EU-Land zurückzunehmen, sei ignoriert worden, kritisierte Russlands Botschafterin in Sofia, Eleonora Mitrofanowa, am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Deshalb werde nun die Schließung der gesamten russischen Vertretung diskutiert. Bulgarien wäre das erste EU-Land, in dem Russland seine Botschaft dichtmacht. Das wiederum würde "unweigerlich" auch das Ende für die Arbeit von Bulgariens Botschaft in Moskau bedeuten, so Mitrofanowa.

Unterdessen kritisierte Polen die Äußerungen des ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, über den früheren Nationalistenführer Stepan Bandera (1909-1959). "So eine Auffassung und solche Worte sind absolut inakzeptabel", sagte Vize-Außenminister Marcin Przydacz am Freitag der Internetplattform Wirtualna Polska. Nationalistische Partisanen aus dem Westen der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden.

Melnyk hatte Bandera in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung in Schutz genommen und gesagt: "Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen." Dafür gebe es keine Belege. Das ukrainische Außenministerium hatte daraufhin auf seiner Webseite erklärt, dies sei Melnyks persönliche Position und nicht die des Ministeriums, dem er unterstellt ist. Melnyk ist in Deutschland auch durch Kritik an der Ukraine-Politik der Bundesregierung bekannt. Am Donnerstag hatte der Diplomat zahlreiche deutsche Prominente, die sich in einem Appell für einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg aussprachen, als "Haufen pseudo-intellektueller Versager" tituliert.

Aufgerufen am 16.08.2022 um 10:02 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/weiter-kaempfe-in-ostukraine-mehr-tote-nahe-odessa-123568783

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