Weltpolitik

WHO-Chef ist ins Visier geraten

Die USA ziehen sich aus internationalen Organisationen zurück. China stößt in das Vakuum vor. Die WHO kann als Beispiel gelten.

Gilt als zu rücksichtsvoll gegenüber China: WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. SN/AFP
Gilt als zu rücksichtsvoll gegenüber China: WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Im Grunde gibt es einen gemeinsamen Feind: das neuartige Coronavirus. Doch eine weltweite Anstrengung im Kampf gegen die Pandemie scheitert am Desinteresse des Weißen Hauses in Washington ebenso wie an einem zutiefst misstrauischen Peking. Die jüngsten Angriffe von US-Präsident Donald Trump gegen China und die Weltgesundheitsorganisation WHO verdüstern die Lage zusätzlich.

Wie kam es zu dieser Zuspitzung? Noch im Jänner hatte Trump China für die "Transparenz" im Umgang mit Corona gelobt. Im eigenen Land dagegen konnte sich das Virus ungehindert verbreiten. Mit Stand Donnerstagnachmittag zählen die USA 31.000 Tote und 640.000 Infizierte. Immer lauter wird dem US-Präsidenten Versagen vorgeworfen - und in dieser Situation kommen ihm die WHO und China als Sündenböcke sehr gelegen. Zumal Kritik an der Rolle von WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus nicht von der Hand zu weisen ist.

Die WHO nehme zu viel Rücksicht auf China, so lautet Trumps Vorwurf im Wesentlichen. Sie habe außerdem keine Empfehlung für Einreisestopps aus China gegeben.

Tatsächlich meinte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus Ende Jänner, es gebe keinen Grund zu Maßnahmen, die "unnötigerweise den internationalen Reiseverkehr und Handel beeinträchtigen". Mehrfach lobte er China für seine "totale" Offenheit und sprach sogar davon, dass "die Welt in der Schuld Pekings" stehe.

Das ist durchaus verwunderlich, da die meisten Experten einig sind, dass wegen der anfänglichen Vertuschung durch die Behörden in Wuhan die neue Bedrohung der WHO in Genf erst sehr spät gemeldet wurde. Bis heute hat die WHO diese Tatsache nicht kritisiert. Vielmehr bemüht sie sich angestrengt darum, das Vertrauen der Führung in Peking zu gewinnen, um überhaupt an Informationen zu kommen.

Mag sein, dass die Erinnerung an 2003, als die SARS-Krise für drei Monate von Peking unter Verschluss gehalten wurde, noch lebendig war und man auf keinen Fall die Führung stoßen wollte. Denn Information zum Erreger und seiner Verbreitung ist essenziell für die Einschätzung der Bedrohung. Die WHO und die Forscher weltweit brauchten vor allem die Genom-Sequenz des Virus. Darin sind sich alle Experten einig. Ob die Charmeoffensive der WHO aber derart massiv sein musste, bleibt dahingestellt.

Dass aber die Coronakrise auch zu einem internationalen Propagandakrieg benutzt wird, ist längst klar. Wie sehr sich aber die Gewichtungen der Einflusssphären in den internationalen Institutionen verschoben haben, wird gerade am Fall der WHO deutlich.

China hat die vergangenen Jahre genutzt, um sich besser aufzustellen. Dass Donald Trump nicht mehr zum Budget der WHO beitragen will, ist im Grunde nur die Fortsetzung seines bisherigen Kurses. Die USA haben sich seit Trumps Amtsantritt 2017 Stück um Stück aus internationalen Organisationen verabschiedet, sie blockiert, kein Personal ernannt, Finanzierungen eingestellt. Dieses Vakuum hat Peking genutzt, um seine Kandidaten in Führungsämtern bei der UNO zu positionieren. Auch WHO-Chef Tedros profitierte bei seiner Ernennung im Frühjahr 2017 von der Unterstützung aus Peking. Fast ein Drittel der 15 technischen UN-Organisationen wird mittlerweile überhaupt von Chinesen geführt.

Eines der schwierigen diplomatischen Probleme der WHO als UN-Organisation ist es, auf die freiwillige Mitarbeit angewiesen zu sein. Kein Land ist verpflichtet, mit der WHO zusammenzuarbeiten und Daten herauszugeben. Dass in diesem Zusammenhang gerade der Umgang mit China nicht immer leicht ist, ist bekannt. Aber die immer engere Zusammenarbeit löst auch Sorgen aus. China nutzt die WHO, um nun eigene Propaganda zu verbreiten und dadurch legitimieren zu lassen.

So sendet Peking, seitdem die Coronapandemie in Europa und den USA wütet, immer wieder Schutzkleidung für die am schwersten betroffenen Regionen: Italien, New York, aber auch Deutschland stehen mittlerweile auf der langen Liste der Länder, die Lieferungen aus China bekommen. Dass China noch im Februar selbst Hilfsmittel aus vielen Ländern bekommen hat, wird ausgeblendet. Stattdessen titeln Staatsmedien lieber "Von China lernen".

In Peking fühlt man sich bestätigt. Westliche Länder greifen zur Eindämmung des Virus immer öfter zu ähnlichen Maßnahmen, wie sie in Wuhan zum Einsatz kamen. Beispielsweise das Telefon-Tracking oder den Einsatz von Drohnen - dafür war die chinesische Führung noch vor wenigen Wochen in den westlichen Medien kritisiert worden.

Aufgerufen am 28.05.2020 um 12:32 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/who-chef-ist-ins-visier-geraten-86321743

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