Weltpolitik

Wien - die nukleare Hauptstadt der Welt

Wer baut insgeheim an einer Atombombe, und wie kann man das verhindern? Die Hauptverantwortung dafür liegt in Wien. Seit mittlerweile 60 Jahren.

Kerntechnikfreier als Österreich kann ein Land kaum sein - sogar das fertig gebaute Atomkraftwerk in Zwentendorf ging nie ans Netz. Dennoch ist Wien die Hauptstadt der Atomenergie und der Nuklearpolitik. Weil sich hier vor fast genau 60 Jahren die IAEA gründete - die Internationale Atomenergiekommission.

Am 23. Oktober 1956, wurde das Statut der IAEA angenommen. Unter der Obhut der Vereinten Nationen (UNO) wurde die Organisation dann ein Jahr später und hat seitdem ihren Sitz in Wien. Der Sinn des Ganzen: Die IAEA soll sich für die friedliche Nutzung der Kernenergie einsetzen - und gegen die Weiterverbreitung von Atomtechnologie zu militärischen Zwecken.

Nach Tschernobyl und Fukushima

Im Gründungsjahr fand auch die erste Generalkonferenz der IAEA statt, seither wurde jedes Jahr eine ordentliche Tagung abgehalten. Nach den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima wurden zudem außerordentliche Konferenzen veranstaltet. Wobei die Nutzung des Atoms für elektrischen Strom die eher weniger heikle Aufgabe ist, die die Experten in Wien zu bewältigen haben.

Aufpassen auf die Nicht-Atommächte

Die brisantere Aufgabe der IAEA ist nämlich die Überwachung jener Staaten, die dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten sind und auf die Entwicklung eigener Atombomben verzichten. Im Hintergrund steht die historische Erfahrung, dass das zivile Atomkraftwerk für manche Machthaber eher ein Feigenblatt ist - und im Hintergrund wird emsig an Atombomben geforscht. Aktuell erwägen rund 30 Entwicklungsländer nach Darstellung der IAEA den Einsatz von Atomkraft. So werde 2017 der erste von vier Reaktoren in den Vereinigten Arabischen Emiraten ans Netz gehen, sagte IAEA-Chef Yukiya Amano am Montag zum Auftakt der 60. Generalversammlung der UNO-Behörde in Wien. In den Mitgliedsländern der Organisation sind momentan 450 Kernreaktoren in Betrieb und 60 weitere in Planung. In manchen Ländern ist die Kernenergie also nach wie vor auf dem Vormarsch - vor allem dort, wo Wasserkraft nicht infrage kommt und die Wirtschaft schnell wächst. Daran ändert auch die zunehmende Skepsis der Risikotechnologie in Europa wenig. Und auch auf militärischer Seite ist festzustellen: Die Zahl der Atommächte auf dem Planeten ist in den vergangenen Jahrzehnten beständig gewachsen, auch wenn das nicht im Interesse der "alten" Atommächte wie den USA, Russland, Großbritannien oder Frankreich lag. Mittlerweile verfügen auch China, Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea über ein nukleares Arsenal - siehe Grafik.

Österreich ist Stolz auf seine Rolle als Gastgeber

In seiner Rede betonte Außenamts-Generalsekretär Michael Linhart, Österreich sei "stolz, Sitz der IAEA zu sein, und wird die Organisation wie bisher auch in Zukunft nach Kräften unterstützen".

Zwischen den Mitgliedsstaaten und der IAEA bestehen Kontrollabkommen, in denen alle Anlagen genannt werden, in denen spaltbares Material gelagert oder bearbeitet wird. Im sogenannten "Safeguard"-Programm überwachen Experten die kerntechnischen Einrichtungen von Ländern mit dem Ziel, eine Abzweigung von Nuklearmaterial für die Produktion von Waffen zu verhindern. Die IAEA-Inspektoren dürfen in diesen Anlagen Kontrollen durchführen und nehmen Proben von Kernmaterial, die im IAEA-Labor in Seibersdorf bei Wien ausgewertet werden. Über die Ergebnisse der Inspektionen oder eventuelle Zutrittsverweigerungen wird dem UNO-Sicherheitsrat berichtet. Insgesamt haben heute über 140 Staaten solche Kontrollabkommen mit der Atombehörde abgeschlossen.

Pakistan macht mit, Nordkorea nicht

Finanziert wird die Arbeit der IAEA aus einem Budget mit einem Volumen von rund 360 Millionen Euro jährlich. Auch Indien, Israel und Pakistan, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben, gehören der Organisation an.

Aktuell hat die IAEA 168 Mitglieder. Österreich trat der Organisation, so wie die meisten Staaten, 1957, im Jahr ihrer formellen Gründung, bei. Der jüngste Mitgliedsstaat ist Turkmenistan, das sich erst dieses Jahr der Organisation anschloss. Nordkorea kündigte 1994, nach 20 Jahren, seinen Vertrag mit der IAEA auf. Zuvor verweigerte das kommunistisch geführte Land Prüfern der Behörde ausführliche Kontrollen in einem umstrittenen Kernreaktor. Auch Messungen, die nachweisen sollten, dass Nordkorea kein Plutonium für den Bau von Atomwaffen abgezweigt hatte, wurden untersagt.

Friedensnobelpreis für die Kontrollore

In jüngster Zeit geriet die IAEA vor allem im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm ins internationale Rampenlicht. Die Atombehörde vermutete damals, dass die Islamische Republik im Verborgenen an einer Atombombe arbeite. Bestärkt wurde dieser Verdacht damit, dass der Iran, ein Mitglied des Atomwaffen-Sperrvertrages, den IAEA-Kontrolloren den Zutritt zu bestimmten Forschungszentren verweigerte hatte. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich die fünf UNO-Vetomächte und Deutschland mit dem Iran im Vorjahr auf ein Abkommen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Darin verpflichtet sich Teheran unter anderem auch, scharfe Kontrollen durch die IAEA zuzulassen.

2005 wurde der Atombehörde und ihrem damaligen Generaldirektor Mohammed ElBaradei der Friedensnobelpreis "für ihren Einsatz gegen den militärischen Missbrauch von Atomenergie sowie für die sichere Nutzung der Atomenergie für zivile Zwecke" verliehen.

Diese Woche findet in Wien die Generalkonferenz der Internationalen Atomenergieorganisation statt. Die am Montag am dem Hauptsitz der Organisation, eröffnete Tagung befasst sich mit dem Thema, wie Nukleartechnologien zum Erreichen der UNO-Entwicklungsziele (SDGs) beitragen können. Und sie ist die 60. ihrer Art.

Quelle: SN

Aufgerufen am 17.11.2018 um 04:32 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/wien-die-nukleare-hauptstadt-der-welt-1024363

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