Wie die Gastronomie-Jobs krankgeredet werden

Warum will kaum noch jemand in der Gastronomie arbeiten? Weil sie zur beruflichen No-go-Area erklärt worden ist.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

"Was macht denn Ihre Tochter beruflich?" "Sie ist Physiotherapeutin." "Ach so, da schau her, ja eh ganz nett." Die Frau eines führenden Managers schildert ein typisches Gespräch unter Damen in der höheren Gesellschaft. Dort ist es längst nicht mehr üblich, dass junge Menschen noch einen bodenständigen Beruf erlernen. "Es ärgert mich maßlos, dass alle so tun, als müssten die Kinder unbedingt studieren." Was die Frau für die vielen mitleidigen Blicke mehr als entschädigt, ist die Freude, mit der ihre Tochter den segensreichen Heilberuf ausübt.

Ein verhängnisvoller Akademisierungswahn hat unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten erfasst. Das Ergebnis hat zwei Seiten. Die gute: Wir holen in den europäischen Rankings der Akademikerquote auf. Mittlerweile schlägt sich ja auch der erfolgreiche Besuch einer HTL in der Statistik positiv nieder. Die schlechte: Immer weniger junge Menschen wollen eine Lehre absolvieren und einen Beruf von der Pike auf erlernen.

In der Gastronomie und Hotellerie ist diese Entwicklung besonders stark zu spüren. Hier kommt verschärfend hinzu, dass die Branche in der Vergangenheit als Berufsumfeld krankgeredet wurde. Unter dem Deckmantel, nur das Beste für das geschundene Personal zu wollen, führten Gewerkschaften einen regelrechten Kampf gegen "unattraktive und unzumutbare" Arbeitsbedingungen in den Küchen und hinter den Tresen unserer Wirte und Hoteliers. Am Wochenende arbeiten? Nein danke. Länger als zehn Stunden am Stück im Einsatz sein? Nein danke. Für 1800 Euro brutto oder sogar weniger im Monat schuften? Nein danke. Die Gastronomie wurde systematisch zur beruflichen No-go-Area erklärt.

Natürlich ließen auch einige Unternehmer keine Gelegenheit aus, ihre Branche ins schlechte Licht zu rücken, indem sie ihr Personal schlecht bezahlten und schlecht behandelten.

Und so ergab sich eine verhängnisvolle Melange aus frei erfundenen und tatsächlich erlebten Horrorgeschichten aus einer der schönsten Berufswelten, die unser Land auszeichnet. Als Konsequenz müssen wir Köche und Kellner aus ganz Europa nach Österreich lotsen, damit wir die Gäste im Winter noch ausspeisen und bedienen können. Es steht nicht nur die Qualität des Produkts Tourismus auf dem Spiel, die Entwicklung trifft auch unser Selbstverständnis als eines der gastfreundlichsten Länder der Welt. Um das zu ändern, müssen wir unsere Einstellung zum ehrbaren Handwerk schleunigst überdenken.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 07:48 auf https://www.sn.at/politik/wie-die-gastronomie-jobs-krankgeredet-werden-865846

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