Wir haben keine Zeit zum Tricksen mehr

Die Emissionen müssen schneller sinken, als die Temperaturen steigen. Das gelingt nicht mit Reinhold Mitterlehners Rezepten.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Martin Stricker

Die Frage ist simpel: Kippt das Klima unseres Planeten oder schaffen wir die Kurve gerade noch? Die Wissenschaft hat eine rote Linie vorgegeben. Steigt die Durchschnittstemperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um mehr als zwei Grad, wird es kritisch. Dann ist das Risiko nicht mehr vorhersehbar. Einen ersten, wenn auch nur kleinen Vorgeschmack bieten die immer häufigeren Extremwetterlagen.

Derzeit ist die Menschheit, oder besser: ihr Wirtschaftssystem, unterwegs in Richtung fünf oder sechs Grad. Eine Kursänderung steht an. Wir müssen weniger Treibhausgase in die Luft blasen, damit sich die Atmosphäre nicht weiter aufheizt. In der Europäischen Union ist es gelungen, die Emissionen von 1990 bis 2012 deutlich zu verringern. Das ist erfreulich, reicht aber nicht. Gemeinsam mit China (mehr als 20 Prozent der Emissionen) und den USA (etwa 15 Prozent) bildet die EU mit ihren 10 Prozent das Klimakiller-Spitzentrio. Abgesehen davon, dass die USA und Europa für den Löwenanteil aller Treibhausgase verantwortlich sind, die sich seit Erfindung der Dampfmaschine in der Atmosphäre angereichert haben.

Die Argumentation von Vize-Kanzler und ÖVP-Parteichef Reinhold Mitterlehner, wonach der Anteil Europas am Klimawandel mittlerweile vernachlässigbar und mehr Anstrengungen daher unnötig seien, ist daher falsch und zynisch. Er entbehrt aber nicht einer gewissen Absurdität. Logisch weiter gedacht müsste sich Österreich vom Wasser- und Bodenschutz verabschieden, weil jetzt einmal die Anderen dran sind, vom Schutz der Ozeane und Urwälder gar nicht zu reden, denn unser Land grenzt weder an Meere noch beherbergt es Dschungelgebiete und ist somit unzuständig. Mitterlehners kurzsichtiger Blick ist der des Lobbysten "der Wirtschaft", die allerdings fast ausschließlich mit den Stimmen jener spricht, die in fossilen Branchen wie Öl, Gas, Kohle, Stahl oder Zement ihr Geld verdienen. Sie fürchten aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu Recht um ihr altes Geschäftsmodell, wenn sie zur Rettung des Klimas weniger Treibhausgase in die Luft blasen sollen - oder dafür zahlen müssen. Andere Branchen wie Agrarbereich oder Tourismus dagegen sind durch die Emissionen "der Wirtschaft" bedroht oder könnten, wie innovative Technologie- oder Mobilitätsunternehmen, massiv profitieren, wenn, ja wenn, es nicht nur darum ginge, solange nur irgendwie möglich weiter zu machen wie gewohnt, sondern darum, rasch ein kohlenstoffarmes Wachstumsmodell zu erreichen - von unseren Kindern und Enkeln ist da noch gar keine Rede.

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