DEUTSCHLAND - Thüringen

Landpartie als Gesamtkunstwerk: Wie ich im Weimarer Land plötzlich zum Gemälde-Motiv wurde

Videos & Insider-Tipps aus dem Weimarer Land im Osten Deutschlands: Radfahren auf den Spuren berühmter Künstler, Rendezvous mit Malern und Architekten, Schlafen in schwimmenden Hütten oder im Fahrrad-Hotel.

"Toskana des Ostens"

 SN/weimarer land tourismus

Sanfte Hügel, Weingärten, beschauliche Dörfer, aber auch originelle Lebenskünstler und zeitgenössische Kunst von unerwartet internationalem Format - das hat mir meine frühherbstliche "Landpartie" durch das Weimarer Land beschert. Eine gemütliche Radtour durch die "Toskana des Ostens", wie die Region im Bundesland Thüringen rund um die Goethe-Stadt Weimar genannt wird, ist ein Gesamtkunstwerk für kunstsinnige Genießer.

Radeln auf den Spuren des Weimarer Bauhaus-Künstlers Lyonel Feininger

Für meine Entdeckungen per Rad nehme ich mir den Bauhauskünstler Lyonel Feininger (1871-1956) zum Vorbild, ein amerikanischer Zeichner und Maler, der der Liebe wegen ins Weimarer Land kam und hier seine Begeisterung zu den ursprünglich gebliebenen Dörfern in zahlreiche berühmt gewordene Bilder goss. Feininger war selbst vorwiegend mit dem Rad unterwegs, und jetzt radle ich auf seinen Spuren von Weimar nach Mellingen. Dort steht eine der Kirchen, die Feininger in seinem typischen verfremdeten Stil malte. Radwegweiser symbolisieren Staffeleien und zeigen die Bilder Feiningers direkt neben dem Motiv. Berühmt ist etwa auch seine Interpretation der Kirche von Gelmeroda. Wer das Gotteshaus bei Dunkelheit besucht, wird durch die bunte Lichtinstallation an das Farbenspiel Feiningers erinnert.

 SN/peter stechert

Gemälde mit Rajchl: Wo bin ich?

Als ich bei über eine alte Brücke radle, begegne ich gleich zwei Malern, die das Brückenwerk buchstäblich von zwei verschiedenen Seiten betrachten. Kein Wunder, war die Brücke bereits für zahlreiche Bauhaus-Schüler ein beliebtes Übungsmotiv, wie mir der Maler und Dozent der Weimarer Mal- und Zeichenschule Peter Stechert erklärt. Wie einst Feininger zieht es auch ihn öfter mit Staffelei und Kreiden in die Landschaft. "Während Feininger jedoch Skizzen in der Natur anfertigte und dann das Bild im Atelier vollendete, muss bei mir das Bild draußen fertig werden." Und weil ich mit meiner Kamera gerade im Motiv gestanden bin, wurde ich eben Teil seines Bildes. Ein wunderbarer Kontrast zur Selfie-Manie, noch dazu mit künstlerischem Anspruch.

Ganz anders betrachtet Maler und Musiker Michael Lenhardt das Brücken-Motiv: bei ihm dominieren im Gegensatz zum bunten "Bild mit Rajchl" die Grautöne. Wenn Sie im Weimarer Land unterwegs sind, erkennen Sie Herrn Lenhardt sofort: Er ist praktisch immer mit seinem, aufgepimpten Fahrrad unterwegs - samt Dach und Hut. Schon wieder eine Parallele zu Lyonel Feininger.

Infos: Feininger Radweg
http://www.peter-stechert.de/
https://michael-lenhardt.com/

Apolda: Hotspot für internationale Kunst

Wer sich für zeitgenössische Kunst interessiert, sollte unbedingt dem Städtchen Apolda einen Besuch abstatten. Dort befindet sich in einer Landhausvilla im italienischen Stil das Kunsthaus Apolda, das stets mit international beachteten Ausstellungen aufwartet. Noch bis 15. Dezember 2019 sind hier "Lyonell Feininger und seine Dörfer" zu sehen. Ich treffe am Rande der Ausstellung die Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung, Dr. Andrea Fromm, die mir im Video-Interview Einblicke in Feiningers Kunst und Leben gewährt. "Er war von der Ursprünglichkeit der Dörfer des Weimarer Landes begeistert," so die Kunst-Expertin.
Info: http://kunsthausapolda.de/

Das spannende Vermächtnis des Architekten Egon Eiermann

Ebenfalls in Apolda besuche ich den nur auf den ersten Blick unscheinbaren Industriebau eines der bedeutendsten deutschen Architekten und Designers der Nachkriegsmoderne: das ehemalige "Total"-Feuerlöschgeräte-Werk, das bis in die 1990er Jahre in Betrieb war und als "Eiermann-Bau" in die Architekturgeschichte des Weimarer Landes einging.
Eiermann schuf mit dem Umbau des Gebäudes 1938/39 eine in sozialpolitischer Hinsicht bahnbrechende Fabrik, in der viele Einrichtungen erstmals vorrangig dem Wohl der Arbeiterschaft dienten. So befand sich etwa im obersten Geschoss, nicht wie sonst üblich die Chefetage mit luxuriösen Büros, sondern die Werksküche, in der die Arbeiter mit frisch zubereiteten Mahlzeiten versorgt wurden - und eine Dachterrasse für die Pausen. Welche Annehmlichkeiten der Architekt den Arbeitern noch angedeihen ließ, zeige ich im Video.
Das Gebäude wurde vom Internationalen Verein der Freunde des Eiermann-Baus vor dem Verfall gerettet und wird heute von der Internationalen Bauausstellung genutzt. Ein spannender Ausflug in die Industriegeschichte.
Info: Apolda Eiermann-Bau

Vom Handwerk zur Kunst

Am Stadtrand von Weimar besichtige ich die Villa "Hohe Pappeln" des belgischen Architekten und Designers Henry van de Velde, das heute als Museum dient und Einblick in das Multitalent des Gründers der Kunstschule Weimar (Vorläufer des Bauhauses) gibt. So erfahre ich, dass der Perfektionist von der Farbe der Wände bis zu den verwendeten Materialien nichts dem Zufall überließ und als Designer Anfang des 20. Jahrhunderts neuartige Brücken zwischen Handwerk und Kunst schlug. Beispiele zeige ich im Video.
Info: Villa Hohe Pappeln

Auch der Kunstschmied und Kinetik-Künstler Michael Ernst schlägt Brücken zwischen Handwerk und Kunst. Ich besuche ihn in seinem Wohnhaus und Atelier im Ort Bechstedtstraß. Die Besonderheit seiner eisernen Kunstwerke liegt darin, dass sie sich im Wind drehen und bewegen. Moderne Beschaulichkeit im Weimarer Land.
Den Kontrast dazu liefert seine Frau, die Keramik-Künstlerin Cosima Göpfert: Sie setzt sich in ihren zerbrechlichen Kunstwerken unter anderem mit Themen wie Gewalt und Krieg auseinander.
Info: https://www.mobiles-eisen.de
https://cosimagoepfert.de/

Schlafen an besonderen Orten: Mühlen-Dorf und Rad-Hotel

Vom Schloss bis zum Luxus Spa Hotel, vom Gutshof bis zum Kräuterhotel: Unter dem Motto "Schlafen an besonderen Orten" präsentiert das Weimarer Land eine Reihe von Unterkünften, die ihre außergewöhnlichen Reize haben. In zwei besonders originellen habe ich übernachtet:

Die Mühle
Eine Mischung aus Ferien-Ressort, Glamping und Hausbootatmosphäre bieten die schwimmenden Hütten der Hotel- und Erlebnisinsel "Die Mühle" in Eberstedt. Die Holzhütten sind mit Doppelstockbetten und Bettwäsche für bis zu drei Personen ausgestattet, drei Hütten bieten sechs Personen Platz. Jede Hütte trägt den Namen einer Fischart, ich nächtige bei den "Karpfen". Sanft schaukelt mich die Hütte in den Schlaf - wie auf einem Hausboot. Die Morgentoilette erfolgt wie auf einem Campingplatz in den sauberen Sanitärräumen. Ein üppiges Frühstück gibt's im Mühlengebäude. Die Ölmühle ist übrigens intakt - hier wird Senföl im traditionellen Kaltpressverfahren hergestellt.
Die Mühle hat auch andere originelle Schlafplätze im Programm - etwa einen Leiter- und einen Schäferwagen. Und wer doch lieber in einem richtigen Hotelzimmer schlafen möchte, für den stehen im Landhotel sechs Zimmer zur Wahl.
Konzipiert ist die Hotel- und Erlebnisinsel als Ferienparadies für Romantiker und Familien: Es gibt ein "Am-Vieh-Theater", wo die Kinder Ziegen und Schafe füttern können, Lagerfeuer und einen Angelteich.
Köstlich speisen kann man in den Restaurants des Ferien-Resorts: Ein Gedicht sind die heimischen Forellen und dazu ein Glas Weißwein aus der Region.
Preise: Hüttendorf ab 34 € pro Person, Doppelzimmer im Landhotel ab 88 €
Info: www.oelmuehle-eberstedt.de

Basislager velo inn
Das perfekte Quartier für Radtouristen ist das "Basislager velo inn" in Bad Berka, das direkt am Ilmtal-Radweg liegt. Gastgeber Dietmar Meier bietet hier Rundum-Service für Pedalritter. Das beginnt beim gesunden und köstlichen Frühstück mit frischen Produkten aus der Region. Es gibt einen Radverleih mit einem Fuhrpark vom Nostalgierad bis zum e-Bike, eine Service-Werkstatt, einen Schlauch-Automaten und einen Pannendienst. Dietmar Meier lädt auch zu geführten Radtouren und liefert seine Leihräder auch gerne überall im Weimarer Land aus. Anders als es das spartanische Wort "Basislager" vielleicht vermuten lässt, sind auch die elf Zimmer absolut komfortabel ausgestattet.
Doppelzimmer ab 69 €.
Info: https://www.veloinn.de

Alle Infos über das Weimarer Land:
https://www.weimarer-land-tourismus.de

(Entgeltliche Einschaltung)

REISEN WIE RAJCHL
Experten-Tipps und Wissenswertes für Ihre Reise ins Weimarer Land

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Aufgerufen am 13.12.2019 um 11:26 auf https://www.sn.at/rajchl-reist/deutschland-thueringen-landpartie-als-gesamtkunstwerk-wie-ich-im-weimarer-land-ploetzlich-zum-gemaelde-motiv-wurde-77424550