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Der Kopf tänzelt im Windschatten von Peters Beinen

Am Hinterrad von Peter Buecking wird beim Rollen durch die Emilia Romagna und die Marken klar: Mit Köpfchen bringt dich dein Rennrad vom Belvedere Bike Hotel überall hin.

Peter rollt. Gleichmäßig. Mühelos. Ich kann noch mitrollen, weil ich an seinem Hinterrad klebe - seit 50 Kilometern. Windschatten ist ein Ort, wo man Kraft spart. Dauerhaftes Lutschen am Hinterrad gehört aber zu den bösen Verletzungen der Rennrad-Etikette. Sonst fühle ich bei solch ungerechtem Aufteilen der Kräfte schlechtes Gewissen aufsteigen. Hier, auf der kleinen italienischen Straße bei Schieti, tut es das nicht. Peter ist der Guide. Den überholt man nicht. Erstens aus Respekt, zweitens weil's nicht geht. Denn langsam beginnt mein Keuchen.

AC/DC auf dem Anstieg nach Urbino

Ich schau auf Peters Beine. Sehnig. Schmal. In rundem Takt. Geradlinig. Ohne Aufregung. Schieti liegt hinter uns. Der Anstieg nach Urbino beginnt.

Ich verliere Peters Windschatten. Walter kommt von hinten, geht an mir vorbei, schließt auf zu Peter. Sie hängen mich ab. So schaut das Böse aus, wenn man schwerer ist als die anderen: Du wirst von allein langsamer. Die anderen müssen gar nichts tun außer weiterfahren. Kein radikaler Antritt. Sie hängen mich also gar nicht ab, tröste ich mich, ich falle bloß zurück. Für einen Moment denke ich: Es geht doch um nichts. Aber es geht immer um etwas auf dem Rennrad. Es geht um den, der oben sitzt und die, denen er nachschauen muss.

Und immer kommt ein nächster Hügel

Wir haben kein Rennen im Terminkalender stehen. Wir kurbeln keinen Plan herunter. Walter und ich wollen nur aufs Rad. So oft (und dann so weit) es geht. Dieses Mal geht es eine Woche lang. Trainingslager, sagten wir, wenn jemand fragte. Das Belvedere Bike Hotel in Riccione, einem der legendären Rennradparadiese Europas, erweist sich als idealer Standort. Das wissen wir aber noch nicht, als wir ankommen. Wir ahnen die Gunst der Topographie - Meer, Hügel, dahinter die Berge. Kleine Straßen. Wenig Verkehr. Cafés. Wir hoffen auf Sonne. Wir haben keine Ahnung, wie ein Radurlaub im Bike Hotel mit Guides abläuft. "Da liegen die Listen mit verschiedenen Touren - da trägt man sich einfach jeden Abend ein", sagt Iris, auf deren Visitenkarte "Internationale Gästebetreuung" steht. Flach am Meer entlang, mittelmäßig gemütlich durch historische Städtchen, hinauf nach San Marino? Oder doch über vielen Colli, wie die Hügel hier heißen und die gern zu gefürchteten Anstiegen erklärt werden? Aber da können sie uns Alpinradlern nichts vormachen. Wir stehen vor der Liste, auf der "Racer-Tour" steht, schneller und weiter geht es nicht. "Seid ihr gerade angekommen? Ich bin Peter", sagt der schmale Mann mit grauem Bart. "Geht es ruhig an", sagt Peter Buecking. Ich habe das Gefühl, er sagt es, nachdem er meinen Bauch gemustert hat. Was weiß denn der? Ich habe heuer schon 1000 Kilometer in den Beinen! Dabei ist's erst frühes Frühjahr. Der Winter war den Rennradfahrern gnädig.

Kurze Stiche, rhythmische Anstiege

Peter lächelt. Auf der Straße gibt es dieses Lächeln auch. Es ist das Lächeln jener Rennradler, die Erfahrung und Ahnung haben und sportlich unzweifelhaft gut sind. Von denen gibt es wenige. Dieses Lächeln schreibt einem nichts vor, sondern regt die Nachdenklichkeit an. Seit ein paar Jahren fährt der Kanadier Peter im Frühjahr für ein paar Wochen als Guide im Belvedere.

Er kennt alle Straßerl, die bösen kurzen Stiche, die lang gezogenen Anstiege, die engen Ecken bei den Abfahrten. Er muss nicht viel reden. Er ist unaufgeregt, braucht keine große Gesten, um seine Gruppe gefahrlos zu lenken.

Peter spricht, wie er Rennrad fährt: besonnen, geradlinig, ohne gefährliche Schwenks, ohne Hinterlist. Er antizipiert Schwächen, bevor man sie selbst bemerkt. Seine weise Stille gleicht der eines Zen-Mönchs. Wenn er fährt, habe er immer das Gefühl, "wie damals, als ich als junger Bub Rad fuhr", sagt er. Er ist 71. Viele Jahre lang kam er als Gast ins Belvedere, wo alles sehr familiär abläuft, man sich oft seit Langem kennt. "Vor vier Jahren wurde ich gefragt, ob ich als Guide kommen möchte." Und weil er nach Hüft- und Rückenoperationen darauf schauen muss, dass er fit bleibt, war das "eine sehr gute Gelegenheit". Auch wenn er sonst nicht zum Schwärmen neigt: "Zum Radfahren liebe ich die Region der Emilia Romagna."

Mit Marco Pantani auf der Panoramica Adriatica

Walter und ich schreiben uns dann nicht für die Racer-Tour ein. Wir starten vorsichtig mit der Explorer-Tour - 80 bis 90 Kilometer, Schnitt 22 km/h, und Peter als Guide. Es wird eine herrliche Ausfahrt auf der Strada Panoramica Adriatica, einer Straße hoch über der Mittelmeerküste zwischen Riccione und Pesaro. Einrollen mit wunderbaren Ausblicken! Zurück im Hotel nach der Panoramica-Tour fragen wir - euphorisiert, ungeduscht, zuversichtlich - gleich nach dem Cippo. Peter nickt sanft. Und Filipo, ein anderer Guide blickt auf. "Der Cippo ist schwer. Wirklich schwer", sagt er. Ich habe gleich das Gefühl, es geht wieder um meinen Bauch. Verdammte 95 Kilo. Marco Pantani war etwas kleiner als ich und wog nur 57 Kilo.

Der Cippo und Pantani fahren mit, seit Walter, der seit Jahren mein Rad(lehr)meister ist, und ich Richtung Riccione aufgebrochen sind. Und dieser Aufbruch begann schon vor Monaten, als wir gebucht haben.

Cippo, Cippo Tralala

Die Via Cippo ist ein Anstieg zum Monte Carpegna. Der höchste Berg der Umgebung. Mit knapp 1362 Metern aber nur rund 100 Meter höher als der Gaisberg. Aber man beginnt den Weg auf den Cippo halt am Meer. Wie Pantani. Es war der Trainingsberg des tragischen italienischen Radhelden, dem Piraten, dem glatzköpfigen Giro- und Tour-de-France-Sieger, der gleich ums Eck aus Cesenatico stammte, gleich ums Eck in Rimini 2004 einsam und gebrochen von Dopingtests und Diffamierung in einem Hotel starb. "Il Carpegna mi basta", sagte er, an gesprochen darauf, was er tue, um so ein guter Bergfahrer zu sein. "Mir reicht der Carpegna", heißt das. "Steil und sehr schwer", sagt Peter. "Extrem", sagt Filipo, "und vielleicht ist die Straße noch in schlechtem Zustand". Bis knapp über 20 Prozent erreicht die Steigung. Mir hat er dann auch gereicht, dieser Sauhund von einem Berg. "Sauhund, hör endlich auf wehzutun", das dachte ich zwei, drei Kilometer unterhalb des Gipfels. Von Walter war nichts mehr zu sehen. Ich war allein im Kiefernwald und meine Beine sprachen lauter als jeder Schrei. Aber das war noch nicht zu wissen, als Peter und Filipo auf der Terrasse des Belvedere bei Panna Cotta, frischen Früchten und Espresso vom Cippo erzählten, ja warnten.

Auf dem Rennrad gilt die Erzählung ohnehin nichts. Sie fährt aber immer mit, auch wenn bloß der Moment des nächsten Tritts gilt. Rennradfahren lehrt, nicht abzuschweifen. Jeder Gedanke, der daherkommt ist unmittelbar wahr: "Scheißanstrengend", denke ich jetzt. Und dann kommt schon das Ortsschild des Städtchens Urbino.

Alles ist in deinem Kopf

"Hey, du warst richtig schnell. Ein echter Pusher", sagt Peter. Was heißt schnell? Fertig bin ich. Das folgt einem Grundgesetz der Radwelt: Es wird nicht leichter, du wirst nur schneller. Schnelligkeit bedeutet auf dem Rennrad alles. Im Vergleich aber doch nichts. Peter und Walter warten seit Minuten an einer Kreuzung auf mich.

Zum Cippo hinauf schaute es tags drauf anders aus. Da ging's nicht um Geschwindigkeit, sondern um die Idee, ohne Absteigen durchzufahren, egal wie steil, egal wie sehr die Beine brennen. Peter lächelt, als wir von der Cippo-Solofahrt ins Belvedere zurückkommen. "Und?", fragt er. Wir lächeln zurück. "Nicht so arg." Er legt die Hand auf meine Schulter und sagt: "Ich dachte, es ist besser, es schwerer zu beschreiben, als es ist." Bei einem anderen klänge dieser Satz wie eine Vernichtung. Aber Peter sagt auch: "Du lässt dich ja nicht aufhalten. Du hast starke Beine, aber am stärksten fährst du da oben." Er tippt mir väterlich auf den Kopf und lächelt wieder.

Zum Essen am Cippo-Tag, bei dem ich meine Beine lauter reden höre als unsere Tischnachbarn, muss ich mich zwingen. Ich liege schon so gut um halb acht am Abend. Aber es gilt den Leitspruch der Woche zu erfüllen: "Eat - Sleep - Cycling", so steht's auf meinem T-Shirt. Walter sagt's so: "Das Leben im Trainingslager ist so einfach: Das Einzige, woran man denken muss, ist, das Telefon und den Radcomputer aufzuladen."

Free your mind, your legs will follow

Einen knappen 20er-Schnitt bei etwa fünf Prozent Steigung zeigt der Computer beim Zwischenstopp in Urbino für den Zehn-Kilometer-Anstieg. Es gibt die üblichen Tourennahrung Espresso, Coke und Schokokuchen. Der Kopf will keinen Kuchen, sondern schnell weiter. Erstaunlicherweise sind die Beine seiner Meinung. Wochen später, zweifle ich beim Durchschauen des Radtagebuchs an der Erinnerung an frische, scheinbar zu allem fähige Beine. Neben den Daten zur Urbino-Ausfahrt steht nämlich: "Fucking h-a-r-d AC/DC Climb." Das lässt auf Härte schließen. Tatsächlich hatte ich mir auf halber Strecke die Kopfhörer in die Ohren gestöpselt und meine Beine mit den heftigen E-Gitarren einer Hardrock-Playlist massierte. Die Playlist trug den Titel "It's a long way to the top - na und?" Seit der Abreise aus Riccione heißt sie: "Thanks P. Free your mind your legs will follow."


Aufgerufen am 20.11.2018 um 09:27 auf https://www.sn.at/salzburg/aktiv/der-kopf-taenzelt-im-windschatten-von-peters-beinen-962710

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