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Flucht in der Häuserschlucht

Kriterium (Teil 3). Bis dieletzte Runde entscheidet: Tour de France-Teilnehmer Marco Haller gewinnt das Abend-Kriterium in Bischofshofen.

Immer liegt es an den letzten Runden. Jedenfalls bei einem Rad-Kriterium. Bei einer Grand Tour hat man drei Wochen Zeit. Beim Abend-Kriterium in Bischofshofen ist es nach einer Stunde aus. Da zählt der Augenblick. Drei Runden vor Schluss kommt er. Da reißen sechs Fahrer aus.

Zwei Geraden, vier scharfe Rechtskurven. Sogar ein kleiner Anstieg. Der Kurs ist überschaubar, aber anspruchsvoll. Vor den Kurven knallen die Bremsen der 38 Starter. In den Kurven surrt es wieder. Wie ein Insektenschwarm schwirren sie. 50 Runden, jede gut 700 Meter lang. Immer auf Anschlag, auf gefährlich nasser Straße. "Es war schwierig", wird Marco Haller nach dem Rennen sagen. Er muss nicht klagen. Der Tour-de-France-Starter vom Team Katusha hat am Donnerstag zum zweiten Mal in Bischofshofen gewonnen.

Der Atem der Fahrer

Man spürt den Atem der Fahrer. Ein paar, meistens hoffnungsvolle junge Österreicher, wagen früh Angriffe. Sie werden gestellt. Kriterium heißt Action. "Es ist aufregend. Es geht eher um das Tempo als ums Gewinnen", sagt Reto Hollenstein. Der Schweizer ist einer von vier in Bischofshofen, die heuer auch bei der Tour de France am Start waren. Dazu gehört neben ihm und Haller auch der Slowene Luka Pibernik sowie Patrick Konrad, der kurz vor Ende sein Glück in der Flucht sucht. Vergeblich.

Mutiger Lokalamatdor

Haller bringt das Feld immer wieder an Ausreißer heran, schließt auch kurz vor Schluss noch einmal eine Lücke und sprintet kraftvoll. Er siegt vor Pibernik und dem Lokalmatador Daniel Schorn aus Saalfelden. Schorn hatte vor dem Start, dem ersten nach einer Verletzung, tiefgestapelt, wollte bei der Nässe nur heil herumkommen und hat sich dann aber das ganze Rennen über mutig gezeigt.

Bei den Damen, es waren 30 Starterinnen, rissen früh sechs Fahrerinnen aus. Doch auch da war es die letzte Kurve, in der Bahnspezialistin Verena Eberhardt am meisten wagte und auch von Straßen-Staatsmeisterin Christina Perchtold nicht mehr einzuholen war.

Nähe und Enge

"Die Fasziation liegt in der Nähe zu den Fans, in der Enge der Strecke", sagt Felix Großschartner, große Hoffnung beim polnischen CCC-Team. Und der Reiz liegt auch in der Wiederholung. Runde für Runde, ein Rauschen, ein paar sind weg, werden wieder gestellt. Gut 40 Kilometer lang, auf denen es nie fad wird. Auf den letzten paar Runden schiebt sich alles eng zusammen. Bloß Augenblicke, ein bisserl später bremsen, eine bisserl heftiger Antreten und dann freut sich Haller. "Vorne sein ist immer gut, egal wo", sagt er.

Bernhard Flieher ist Kulturredakteur der "Salzburger Nachrichten" und schreibt auch einen Radblog beim "Salzburger Fenster".

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