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Tropfen in der Raserei

Reportage aus der Raserei: Bischofshofen. Juli 2014. Abendkriterium

Tropfen in der Raserei SN/GEPA pictures

Es tröpfelt. Sage ich. Sie sagt: "Es regnet." Das Gute in einer Altstadt bei Regen ist, dass es immer einen Platz zum Unterstellen gibt. Beim Radkriterium sitzen wir also im Schanigarten eines Cafes auf Plastiksesseln und bei mittelmäßigen Kaffee aber immer noch mitten im Geschehen. Bernhard Eisel fährt auch. Der Österreicher hat gerade seine zehnte Tour de France überstanden, war an den Schlusstagen ein paar Mal weit vorne. 55 Mal werden sie in der Altstadt an uns vorbei rasen. 55 Mal die Pflasterstraße herauf. Dann um ein Eck. Leicht bergauf. Noch ein leichtes Eck, dann zwei Häuserreihen hinter unserem Rücken die Parallelstraße wieder wieder bergab. Schweres Bremsen auf die Kurve. Kurzer Antritt. Wieder 90 Grad. Dann wieder herauf über das Pflaster. Hinter den Absperrgittern kann 55 Mal Ausschau gehalten werden nach dem richtigen Trikot. Sitzend vom Cafe aus sieht man dann nur Oberkörper und Helm oberhalb des Absperrungsgitters vorbeiflitzen .Das weißblaurote von Katousha. Das schwarzweiße von Trek. Das schwarz-blaue von Sky, von Eisel. Wer gewinnen soll, hängt wie immer von den Vorlieben der Zuschauer ab. Und irgendwie bleibt der Verdacht, die hätten sich das Gewinnen ohnehin ausgemacht. Heute in Wels du. Und morgen in Bischofshofen ich. Ein paar Euro als Startgeld. Die Schaltungen knallen wieder in der Kurve. Und mit dem Knall erwacht ein früherer Schmerz.

Als Kinder rasten mein Bruder und ich. Zwei Runden gab es in der Vorstadt. Beide ein paar hundert Meter lang. Start war bei der Straßenlaterne an unserer Gerageneinfahrt. Die Gelbe-Haus-Runde, benannt nach einem Sozialbau, den wir dabei passieren mussten, war die längere. Am gelben Haus führten unsere Rennen vorbei. Die Bell-Runde, benannt nach einem Beisl, das wir passieren mussten, war anspruchsvoll, gefährlich, nur für Mutproben. Da waren zwei Spitzkehren zu bewältigen. Hohe Gartenzäune verhinderten die Sicht um diese Kurven. Wir fuhren auf Gefühl. Und Autos fuhren selten. Wie die Radprofis hier in der Altstadt von Bischofshofen immer wieder an uns vorbei ziehen, erinnere ich mich an die Runden in der Vorstadt. Vier Kurven mit 90 Grad. Dazwischen zwei kurze und zwei lange Geraden. Bernhard Eisel zieht jetzt davon zwischen den Geschäften in Bischofshofen. Ein paar Runden noch. Er wird gewinnen. Wenn er alle Kurven erwischt.

Kein Gegenverkehr. Extreme Kurvenlage. Der Radius passt. Der Lenker ist stabil. Ein paar Meter ohne Treten. Konzentration auf den Scheitelpunkt der Kurve. Wie immer. Wird schon passen, auch wenn's nass wird. Im Traum durchgefahren bis zur Ziellinie an der Straßenlaterne. Nur noch die eine Gerade runter, vorbei beim Duscher, dem Lexl, beim Kern. Dann unser Haus. Alle Häuser schauen gleich aus und alle beschützen unterschiedliche Leben. Auf Höhe vom Lexl noch drei, vier kräftige Tritte. Beim Zaun vom Kern dann die Hände vom Lenker, in einem Schwung über den Rücken nach oben. Ausgestreckt über den Kopf vorbei an der Straßenlaterne. Wie der Hinault, der van Impe, der Zootemelk, der Zadrobilek. Wie einer der Helden aus Paris. Oder Alpe d'Huez. San Sebsatian. Oder vom Großglockner. Wie die Helden die Hände in die Höhe reißen und ausschnaufen, das ist der Traum. Bernhard Eisel hat noch vier Runden. Das wird er gewinnen. Dann wird er die Armen hochreißen. Einmal atmen noch in der Kurve. Die Regentropfen schmerzen im Gesicht. Der Asphalt glänzt. Ich bin zu schnell. Ich bin zu eng. Ich lenke leicht nach. Ich treffe mit dem Vorderrad den Kanaldeckel. Ich kenne den Deckel seit Jahren. Müsste ich einen Plan der Kreuzung anfertigen, ich könnte ihn auf den Zentimeter richtig einzeichnen. Nie war er ein Problem. Er war gar nicht da, wenn wir unsere Runden rasten. Jetzt taucht er auf. Und von da an beginnt die Zeitlupe. Das Rad rutscht zuerst vorne weg. Dann das Hinterrad. Es zieht zuerst den Unterschenkel auf und dann über den groben Asphalt. Das ist gut. So wird das Knie nicht voll drauf knalle. Das Knie schlittert bloß. Das Rad rutscht weg unter mir. Der Kopf. Ich muss ihn hochhalten. Hochhalten. Nicht aufschlagen. Bernhard Eisel zischt in die letzte Kurve.

"Es tröpfelte ja nur", sage ich. Meine Mutter steht da und streicht das weiße Bettlaken glatt. "Es hat geregnet", sagt sie. Es soll versöhnlich klingen. Das tut es nicht. Es klingt wie eben eine Mutter klingt, die sich sorgt, aber auf ihre Strenge nicht verzichten will. Sie legt die Finger auf den Verband an der Schulter.

Bernhard Eisel reißt die Hände hoch. Sie nippt am mittelmäßigen Kaffee und sagt: "Dem Eisel macht der Regen nichts aus. Super ist er gefahren." Ich sage. "Es hat doch nur getröpfelt."

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