Salzburg

"Als die SS unsere Hasen mitnahm"

Helmut Auer ist als sogenanntes Frontkind in Ebenau aufgewachsen. Wie er das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte und warum er fast Pfarrer geworden wäre.



"Ich bin ein Frontkind, wie meine Schwester", sagt Helmut Auer, 1940 in Ebenau geboren. "An meinen Vater habe ich keine Erinnerung. Ich bin während eines Fronturlaubs entstanden." Der Vater habe den Sohn kennengelernt, "ich war etwa ein Jahr alt, als er für einen weiteren Fronturlaub heimdurfte. Da ist auch meine Schwester Burgi entstanden." Vater Hannes Auer stirbt 1943 im Lazarett in Warschau. "Wenn ich ihn sehen will, muss ich zum Kriegerdenkmal nach Ebenau fahren", sagt Helmut Auer (75), der in Wals lebt.

Seine Kindheit verbrachte er im sogenannten Deisl-Häusl in Ebenau, "das gibt es heute noch, in Ebenau bin ich deshalb auch als Deisl Heli bekannt", erzählt er.

Der Vater, ein gelernter Schuster, arbeitete für das Wiestalkraftwerk. "Er war bei der Truppe zum Schutz der Staumauer beschäftigt, das war eine Art Reserve-Gendarmerie. Er war ein Sozialdemokrat, zu den Nazis wollte er nicht. Seine Arbeit im Kraftwerk musste er 1939 krankheitsbedingt beenden, zwei Wochen später wurde er aber als diensttauglich für die Wehrmacht eingestuft. Und so ist er in den Krieg gezogen."

Vom Feind nach einem Beckenschuss "aufgeklaubt", wie Auer sagt, starb er später im Lazarett. "Meine Mutter hat noch an seinem Sterbebett Abschied nehmen können", sagt Helmut Auer. Vier Kriegswaisen wuchsen ohne Vater auf. "Meine Mutter wollte nicht mehr heiraten." "Ich weiß ja nicht, was die Kinder sonst für einen Stiefvater kriegen", habe sie immer gesagt.

"Als die Mutter eines Tages beim Kirchturm eine weiße Fahne hängen sah, hat sie ein Leintuch auf dem Balkon aufgehängt, um den Amis zu zeigen: ,Wir ergeben uns.‘ Dabei waren die Amis noch gar nicht da, dafür ist die SS vor unserer Tür gestanden und hat gedroht, uns alle zu erschießen." Dazu kam es nicht, "dafür haben sie unsere Hasen mitgenommen", erinnert sich Auer. Nie vergessen wird er auch, wie wenig später die Amerikaner tatsächlich in Ebenau ankamen. "Ich sehe es heute noch vor mir, wie die Panzer an mir vorbeigefahren sind. Sie haben uns Kracherl und Schokolade gegeben, diese Sachen habe ich vorher natürlich nicht gekannt. Wir waren ja schon froh, wenn wir Erdäpfel und Milch hatten." Sein älterer Bruder habe in die Schule immer eine Kanne mitgenommen, mit der er danach zum Feldlager der Amerikaner gegangen sei. "Die haben ihm immer etwas hineingeleert, einmal einen Palatschinkenteig, beim nächsten Mal eine Suppe. So hat uns der Franz jeden Tag Essen heimgebracht. Wir Kinder hatten immer etwas zu löffeln." Die Mutter ging wie so viele hamstern, "bis nach Obertrum" sei sie zum Betteln gegangen und abends wieder heimgekommen, "sie hat ja für uns Kinder da sein müssen".

Jener deutsche Militärseelsorger, der seinem Vater am Sterbebett die Letzte Ölung spendete, kam nach dem Krieg drei Mal auf Besuch zur Familie Auer nach Ebenau, um nach den Kindern zu sehen. "Das hat mich in dem anfänglichen Wunsch geprägt, Pfarrer zu werden." Von der Kriegswaisenrente und einer Unterstützung der Pfarrgemeinde konnte das Schulgeld für das Borromäum bezahlt werden, "aber am Ende habe ich doch Großhandelskaufmann gelernt".

Seine Kindheit sei bescheiden gewesen, "aber ich möchte diese Erfahrungen nicht missen. Es war eine prägende Zeit. Meine Mutter ist 94 Jahre alt geworden, sie war eine Kämpferin und hat sich so bemüht, dass es uns Kindern gut geht."

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