Chronik

"Barber Angels" frisierten kostenlos bedürftige Menschen in Salzburg

Die deutschen Barber Angels wollen mit Gratis-Haarschnitten Bedürftigen ihre Würde zurückgeben. Österreichische Engel sind gesucht.

Siegi fühlt sich super. "So leicht", sagt er. Eben hat ihm in der Academy Bar ein Frisör die Haare geschnitten. Dieser Frisör reiste extra aus Regensburg an. Wie es dazu kam?

Der Frisör heißt Uwe Pichl und ist Mitglied der Barber Angel Brotherhood. Das ist eine wenig geheimnisvolle Bruderschaft aus Deutschland, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die eigene Demut zu stärken.

Und das geht eben am besten, indem man bedürftigen Menschen die Würde zurückgibt - und sei es nur für ein paar Wochen. Denn viel länger hält auch ein guter Haarschnitt nicht.

Siegi erzählt, dass er von 800 Euro Invalidenpension leben muss. Da gehe sich ein Frisörbesuch finanziell nicht aus.

"Genau deshalb tun wir das", erzählt Marc Assenheimer. Auch er ist Barber Angel. Er reiste aus Tübingen an. "Wir sind das ganze Jahr im Einsatz. Alle vier Wochen gehört das Wochenende den Barber Angels", erzählt er.

Heute sind 25 von ihnen im Einsatz. Es gibt natürlich auch Schwestern in der Bruderschaft. Das unterscheidet sie von ihren beiden Vorbildern: Denn die Barber Angels Brotherhood kommt daher wie eine Kreuzung aus Hells Angels und Freimaurern. Was zugegebenermaßen eine gewagte Mischung ist.

Der Erfinder der Barber Angels, Klaus Niedermaier, erklärt: "Die Lederkutte, die wir tragen, nimmt den Bedürftigen die Scheu, sich an uns zu wenden. Ein schicker Frisörsalon würde diese Menschen eher abschrecken."

Und was die Freimaurer betrifft? "Auch unser Antrieb ist die Menschenliebe", sagt Niedermaier und Assenheimer ergänzt: "Es ist keine große Sache, die wir hier tun. Wir geben unser Handwerk und unsere Zeit."

Für die Barber Angels mag das nur eine Kleinigkeit sein. "Aber wir wissen: Mit frischem Haarschnitt fühlen sich die Leute dann zumindest ein paar Wochen nicht mehr wie Außenseiter. Und sie merken, dass sie von ihrer Umwelt anders wahrgenommen werden.

Die Barber Angels haben alle Hände voll zu tun. Jetzt biegt auch David Schwarz um die Ecke. Er führt in Salzburg den Salon Blickfang. Seit heute ist auch er Mitglied der Barber Angels. Ebenso wie der Kärntner Johann Glaser und der Oberösterreicher Sebastian Hackl. Die drei sollen die Bruderschaft nun in Österreich aufbauen.

Schwarz formuliert diese Aufgabe sehr schön: "Wir werden versuchen, so viele Engel wie möglich zu finden." Denn es ist beileibe nicht immer nur romantisch, ein Barber Angel zu sein. "Manchmal", so Assenheimer, "ist es hart an der Grenze des Erträglichen. Die Menschen kommen oft derart verwahrlost zu uns, dass es einem im wahrsten Sinn des Wortes den Atem verschlägt. Für mich kein Problem. Ich kann dann duschen gehen. Das können diese Leute eben nicht."

Auch seine Kinder habe er schon einmal mitgenommen. Damit sie sich ihres Lebens bewusster werden." Assenheimer führt in Tübingen drei Salons. "Da kann man schon was zurückgeben." Dann flüstert er: "Schau mal rüber zu dem Mann. Schau seinen Blick an." Stimmt.

Da sitzt ein Mann, den das Leben gezeichnet hat. Sein Blick: in sich gewandt. Er genießt und seine entspannten Mundwinkel verraten, dass er wohl gerade von einer schönen Vergangenheit träumt - oder seiner Zukunft. Denn bald geht es wieder raus: in den eiskalten Salzburger Wind. Aber heute wird es sich für ihn ganz anders anfühlen - da draußen.

Aufgerufen am 17.05.2021 um 03:29 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/barber-angels-frisierten-kostenlos-beduerftige-menschen-in-salzburg-23234848

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