Chronik

"Das Beste ist: Nach vorn gehen"

Hans Kammerlander hat extrem viel erlebt. Ein neuer Film skizziert das Leben des Extrembergsteigers. Zur Vorpremiere kam der Südtiroler vergangene Woche ins Dieselkino nach Bruck.

Hans Kammerlander ist ein Star der Bergsteigerszene - und umstritten. Sein Leben wird durchzogen von grandiosen Gipfelsiegen, aber auch von Tragödien - am Berg und im Tal. Im Film "Manaslu" wird das Leben des Südtirolers nachgezeichnet.

Das Dieselkino wurde bei der Vorpremiere am Dienstag voriger Woche gestürmt. Kammerlander gab Autogramme, stand für Selfies und Gespräche zur Verfügung. Vor dem Filmstart stand er vor Publikum Rede und Antwort.

Redaktion:
Redaktion:
Redaktion: Herr Kammerlander, Sie sind bekannt für Ihre Skiabfahrten vom Berg. Im Publikum sitzt Peter Wörgötter aus Saalfelden, dem 1981 die erste Abfahrt mit Skiern vom Manaslu gelungen ist ...
Kammerlander: ... es freut mich immer, wenn ich solche Leute sehe, sein Bruder, der Wastl, ist ja auch da. Peter hat das Skifahren von den hohen Bergen der Welt eingeleitet. Er hat das als Erster praktiziert, Kompliment an ihn.

Durch das Skifahren am Berg ist Ihnen Reinhold Messner als Seilkamerad abhanden gekommen, kann der überhaupt Ski fahren?
Reinhold hat mir viel gelernt, ich war damals ja viel zu risikofreudig. Er war der Erfahrene und hat mich mitgenommen. Aber immer wieder habe ich Linien gesehen und mir gedacht: Warum habe ich nicht die Bretter dabei, das wäre traumhaft. Aber er ist kein Skifahrer und es war mit ihm nicht möglich. Aber nach der Zeit mit ihm habe ich fast immer die Bretter dabeigehabt - die intensivsten Stunden waren sicher die Stunden der Skiabfahrten von den hohen Bergen.

Den Mount Everest kann man sich heute praktisch kaufen. Aber die eingesetzten Mittel, Sauerstoff etc., setzen vieles außer Kraft, was Sie , Messner, Peter Habeler und andere überwinden wollten, oder?
Wenn ich die Entwicklung am Everest sehe, macht es mich nicht glücklich, der Berg ist in Ketten gelegt, jedes Jahr im Frühling. Es werden moderne Sauerstoffgeräte eingesetzt und der Berg präpariert für halbwegs fitte Menschen. Mit Alpinismus hat das wenig zu tun, deswegen freue ich mich, dass ich das Glück hatte, es ist über 20 Jahre her, allein am Everest zu sein. Der Berg hat mir gehört, das war toll. Ich bin am Abend los, um halb zehn Uhr morgens war ich oben. Es war schönes Wetter und kein Wind, so etwas hatte ich noch nie auf einem hohen Gipfel erlebt. Das war schon stark. Noch stärker war, die Steigeisen weggeben, die mir so viel Halt gegeben haben, und in die Skibindung steigen. Und wenn du runterschaust, die Müdigkeit spürst - ohne Sauerstoffmaske -, das war brutal intensiv. Das Blöde ist nur, die Wand wird durchs runterschauen nicht flacher. Aber es ist alles gut gegangen. Es war ein schöner Erfolg, ich freue mich immer wieder.

Ihr berühmter Kopfstand auf dem Kangchendzönga - war der spontan oder Vorsatz?
Das war ein spontaner Ausdruck von Freude. Damals war mein Freund Conny Auer dabei, es ist ja viel schöner, wenn man den Ausblick teilen kann. Genauso hat es auch ein anderer Kollege gemacht, er hat sich unbeschreiblich gefreut und gejodelt. Dafür wurden wir dann kritisiert, das ist schon komisch.

Im Film geht es nicht nur um den Manaslu, es geht vielmehr um Ihr Leben. Was ist für Sie die zentrale Botschaft?
Am Manaslu habe ich gelitten, weil ich enge Freunde verloren habe, auch meinen engsten Freund, den Friedl Mutschlechner. Du gehst zu dritt los und kehrst allein zurück. Das Schlimmste war, mit dieser Nachricht zur Frau vom Friedl hinzugehen und zu den Angehörigen, das hat mich brutal zusammengestaucht. Ich habe mir gedacht, in diese Gegend will ich nicht zurück, auf gar keinen Fall.

Aber Sie sind wieder zurückgekehrt, warum?
Es gab dann ein ähnliches Schicksal am Jasemba, dort habe ich mit Luis Brugger und Karl Unterkirchner eine Erstbegehung versucht und wir sind gescheitert. Ein Jahr darauf war ich mit dem Luis wieder dort und er ist tödlich abgestürzt. Dann kam Unterkirchner und sagte: Hans, wir haben es zusammen angefangen, lass uns dieses Projekt beenden, im Sinne von unserem Freund. Wir sind hingefahren und haben es abgeschlossen. Am Gipfel war ich so erleichtert und hatte das Gefühl: Mensch, ich habe am Manaslu einen Fehler gemacht, ich hätte hingehen sollen und nicht den Kopf in den Sand stecken.

Wie kam es dann zum Film?
Gerald Salmina hat mitgekriegt, dass ich wieder zum Manaslu will und gesagt, er möchte mitfilmen, weil die Geschichte so tief ist. Mir war aber klar, es soll keine Aufzählerei von Erfolgen sein, es sollen auch meine großen Fehler in diesem Projekt Platz haben, sonst ist das nicht glaubwürdig. Das haben wir probiert. Ich muss sagen, die Jugendzeit nachstellen auf einem kleinen Bauernhof - kein Strom, kein fließendes Wasser, nichts - das hat mich sehr berührt. Es war ein intensives Leben, obwohl der Hof so abgelegen war und es nicht viel gab. Jetzt hoffe ich, dass die Leute ein bisschen Freude mit dem Film haben. Und die zentrale Botschaft wäre: das Schlimmste ist, den Kopf in den Sand stecken, nur jammern. Das Beste ist, einfach nach vorn gehen. Ich musste mich einige Male sehr bemühen, die Zähne zusammenbeißen, um nach vorn wegzugehen. Ich habe so viel erlebt am Berg, massig schöne Erlebnisse, aber der Preis, den ich bezahlt habe, war sehr, sehr hoch.

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Aufgerufen am 24.11.2020 um 06:42 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/das-beste-ist-nach-vorn-gehen-62813566

Schöne Heimat

Vom alten Bauernhaus hat man einen tollen Ausblick in die Bergwelt

Von Gabriela Heimhofer
24. November 2020
aufgenommen in Thumersbach - man sieht auch die weißen "Hoffnungbänder" der Seilbahnbetriebe …

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