Chronik

"Der Kopf kann unterscheiden, die Seele nicht"

Autor und Kabarettist Manfred Baumann über die Nachwirkungen seines schweren Unfalls im Mai 2019 und seinen Spagat als Künstler und gleichzeitig Risikopatient.

 SN/sw/christian streili

Im Herbst stand Manfred Baumann nach seinem lebensbedrohlichen Unfall erstmals wieder als Kabarettist auf der Bühne. Wir trafen den Tausendsassa zum Interview.


Redaktion: Wie geht es Ihnen, wie war es, wieder aufzutreten?
Baumann: Es geht mir erstaunlich gut. Das habe ich zwar erwartet, aber dass es mir so gut geht, vor allem, dass ich es energetisch so gut durchhalte, das ist dann doch sehr befriedigend, sehr positiv, sehr glücklich machend. Da bin ich auch ein bissl selbst von mir überrascht.

Sie wollten ja ursprünglich schon im Herbst 2019 wieder auf die Bühne, haben dies dann aber kurzfristig abgesagt. Was hat damals nicht gepasst?
Ich dachte damals, es geht vor allem ums Körperliche, das packe ich schon. Aber als ich Ende August 2019 aus der Reha zurückkam und dachte, ich gehe in zwei Wochen auf die Bühne, haben Panikattacken und Angstzustände eingesetzt, einfach die Traumaaufarbeitung. Da hat mich das eingeholt, wovor mich die Ärzte gewarnt hatten: Es kommt noch die Traumaaufarbeitung. Bei meinem schweren Unfall war ja anfangs nicht klar, ob ich überleben würde. Sie sagten mir immer, generelle Besserung wird relativ lang dauern. Da wird noch viel daherkommen. Ich hörte: Auch wenn du dich nicht mehr an den Unfall erinnern kannst, jede Zelle deines Körpers, jede Faser deiner Seele kann es. Und die sagen jetzt, bitte bitte gib uns Zeit.

Aber Sie haben das verdrängt?
Es hat sich in der Reha schon in Anzeichen gezeigt, aber ich hab' das immer auf die Seite geschoben. Ich habe geschaut, dass ich körperlich aktiv bin, habe sogar zwei Kabarett-Solonummern geschrieben und geübt und geglaubt, das ist es dann.

Die Ablenkung über die Arbeit hat nicht geholfen?
Es war einerseits nicht schlecht. Andererseits, und das gehört zum Krankheitsbild dazu, bin ich mir völlig fremd vorgekommen, als ich wieder heimkam. Ich habe mich überhaupt nicht mehr als Teil dieser Welt gefühlt. Und dann haben die Angstzustände eingesetzt, wirkliche Panikattacken. Das kannst du nicht erklären, das hat auch keinen Sinn.


Also keine "Angst vor dem Auftritt" sozusagen?
Nein, einfach Traumaaufarbeitung. Die Angst, die mit dem Unfall und dem allen zusammenhängt. Das hat ungefähr bis Ostern gedauert, dann ist es besser geworden. Eigentlich wollten wir heuer im März schon Kabarett spielen. Das hatte ich mir gewünscht, auch abgesprochen mit meinen Ärzten: Wenn wir wirklich im Herbst mit einem neuen Kabarettprogramm rauskommen, würde ich gern einmal probieren, wie das ist, auf der Bühne zu stehen. Der Termin am 10. März in der Bachschmiede war schon ausgemacht und ausverkauft. Aber dann kam Anfang März der Lockdown usw.

Wie ging es Ihnen in diesem ohnehin schon fragilen psychischen Zustand mit der turbulenten Corona-Zeit?
Der Vorteil war, dass ich plötzlich noch mehr Zeit hatte und dass alle anderen auch zu Hause saßen und rausgerissen wurden aus der Normalität, wie ich es schon seit fast einem Jahr war. Ich konnte mich noch mehr erholen. Der Nachteil war, ich war mit meiner persönlichen Krise damals noch lang nicht fertig und dann kam noch diese allgemeine Krise dazu. Der Kopf kann das unterscheiden, die Seele nicht. Die Seele packt das zusammen und schon haben wieder die Panikattacken und Angstzustände eingesetzt. Nicht so schlimm wie im August davor, aber es ist wieder losgegangen. Das hat keinen Sinn zu fragen, wo kommt das her, warum ist das so. Das ist einfach da, das kommt vom Unfall, immer noch. Da hat's mich wieder reingezogen, anderthalb Monate war das wieder stark. Erst Ende April hat es einen Schub gemacht, seitdem bin ich stabiler. Und das hat bis jetzt angehalten! (lacht)

Hatten Sie bzw. haben Sie Angst vor einer Ansteckung?
Am Anfang war es beunruhigender, da war mir schon etwas mulmig. Weil ich natürlich Risikopatient bin, weil meine Lunge beim Unfall kollabierte. Bedrohlich beunruhigend ist es jetzt nicht mehr, aber ich achte schon sehr auf Abstand, Maske tragen etc.

Als Kabarettist und Autor sind Sie ein aufmerksamer gesellschaftlicher Beobachter - was hat die Corona-Zeit bisher mit uns als Gesellschaft gemacht?
Einerseits treffe ich viele Leute, die mir sagen, dass sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zum Nachdenken gekommen sind, sich mit sich selbst beschäftigen, und es war gut, dass das war. Auf der anderen Seite komme ich mit vielen Leuten aus dem Kulturbereich zusammen, die nicht wissen, wie es weitergeht, da geht's um die Existenz. Das Schlimmste ist die Unsicherheit, diese Hilflosigkeit. Du machst etwas aus und weißt nicht, ob nicht am Tag vorher alles abgedreht wird.

Wird die Gesellschaft etwas aus dem Ganzen lernen oder ist der Wunsch zu stark, einfach wieder zum Status "Jänner 2020" zurückzukehren?
Ich würde mir ganz sehnsüchtig wünschen, dass wir als Gesellschaft etwas lernen. Ich fürchte zwar, dass wir zu wenig draus lernen. Aber ich glaube nicht, dass die Situation wieder dieselbe sein wird, ich glaube schon, dass mit uns allen etwas passiert ist und dass es auch etwas Positives gebracht hat. So etwas wie ein Hinschauen und eine Bewusstseinsfixierung auf bestimmte Dinge, das merke ich schon bei vielen.

Hinschauen worauf?
Auf das Naheliegende, das Regionale. Zum Beispiel das Bewusstsein, dass da ein Mensch sitzt an der Kassa beim Billa, der nicht zum Inventar gehört, den du vorher gar nicht beachtet hast. Ich glaube schon, dass sich da etwas getan hat. Das merkst du auch, wenn du auf den Markt gehst. Das Bewusstsein fürs Regionale ist zumindest bei ein paar wichtigen Prozent der Leute verstärkt worden und bei ein paar anderen hat es etwas angezündet.

Ein Ausnahmezustand wie jetzt, bietet das einem Kabarettisten nicht Stoff bis ans Lebensende?
Bei unserem aktuellen Programm "Plauschangriff", das ja schon vor einem Jahr fertig war, haben wir natürlich überlegt, sollen wir Corona mit reinnehmen oder nicht? Wir haben's dann gelassen. Was vielleicht an Stoff da wäre, hat oft gar nicht so sehr mit dem Virus zu tun: Wenn in Berlin ein paar Tausend Leute auf die Straße gehen, weil sie so liberal sind, dann aber mit Nazis zusammen gegen Masken demonstrieren, dann ist das Stoff. So was beachten wir und so was kommt auch vor. Aber für uns ist jetzt nicht eine Überfülle an Stoff da, es ist derselbe Stoff wie immer da.


Hat Sie das überrascht, wie die Gesellschaft reagiert hat? Zuerst mit Hilfsbereitschaft und Solidarität und jetzt mit hochemotionalen Maskendiskussionen?
Mich hat eher das Positive überrascht, und das hat mich sehr gefreut. Dass es da und dort abbröckelt, hat mich nicht so sehr überrascht. Trotz allem habe ich nicht das Gefühl, dass die, die für ihre Nachbarn einkaufen gegangen sind, jetzt diejenigen sind, die wegen der Masken zum Streiten anfangen. Ich glaube, dass diese anderen jetzt mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen, deswegen schaut das ein bisschen komisch aus. Diesen kleinen Teil hat es immer gegeben, der war anfangs nur mundtoter. Für mich hat das Positive überwogen und ist hängen geblieben.

Aufgerufen am 21.01.2021 um 11:36 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/der-kopf-kann-unterscheiden-die-seele-nicht-95763622

Neue Halleiner Kulturstelle ist bereits besetzt

Neue Halleiner Kulturstelle ist bereits besetzt

Die Halleiner Kultur ist äußerst vielseitig, aber jeder kocht sein eigenes Süppchen. Der Kulturverein Sudhaus, der die zersplitterte Szene einen sollte, warf Ende November das Handtuch, weil die Stadtgemeinde …

Kommentare

Schlagzeilen